27.06.2005
Erneut
traumhaftes Wetter mit wolkenlosem Himmel. Seit fast einer Woche ist
jeder Tag perfekt und der Schnee schmilzt augenscheinlich.
Kontinuierlich gehen Lawinen ab, welche die Hänge von den
gewaltigen Schneemengen säubern. Genau das hatten wir gebraucht.
Mit dem Satellitentelefon habe ich einige Freunde und Freundinnen
gehört, die ebenfalls hier in Pakistan sind und alle sind der
selben Meinung: die heurige Saison beginnt mit etwa 20/25 Tagen
Verspätung. Diese Sonne lässt gutes Erhoffen und die Moral
steigt, denn nur jene die schon Ende Mai Anfang Juni eingetroffen sind,
mussten sich mit viel Schnee abmühen.

Heute habe ich wieder
einen Ausflug zum Wandfuß hinter mir, dort wollte ich die letzten
alpinistischen Details der Route begutachten…

28.06.2005
Ich
hab es leid zu warten. Das Wetter ist weiterhin traumhaft und die
Bedingungen am Berg scheinen gut zu sein um mit dem Klettern zu
beginnen. Mein Kletterpartner Joby muss noch Problemen begegnet sein,
denn er ist noch nicht mit dem Jeep im Dort BAR angekommen, wo unser
Koch seit gestern auf ihn wartet….Sch…!!! Aus diesem Grund werden
ich morgen mit dem Klettern beginnen. Ich möchte versuchen das an
den Wandfuß transportierte Material in höhere Lager zu
bringen. Ich werde daher versuchen das erste Lager längs des
Batokshi Peak einzurichten. Das Wetter wird nicht immer so gut sein….

29.06.2005
Heute
erster Tag mit instabilem Wetterverhältnis. Ideales Klima für
Joby den ersten Trekkingtag zurückzulegen. Morgen müsste er
hier im Basislager eintreffen. Gestern ist er spät abends im Dorf
Bar eingetroffen und heute sind Didar und Joby zu Fuß am
frühen Morgen aufgebrochen um noch heute das „Sheep
House“ zu erreichen. Von dort haben sie mich angerufen und morgen
werden sie das Basislager erreichen. Heute habe ich mich wieder zum
Einstieg der Route begeben, aber Steinschlag hat mich umgestimmt. Ich
werde nicht die neue Linie, die ich ausgesucht habe angehen, sondern
die gleiche Linie der Deutschen im Jahr 2002 versuchen.

Auch
diese Linie scheint mir nicht 100%ig sicher, doch sicher besser als
meine zu Beginn ausgewählte Route, denn dort liegt nach den
heißen Tagen kein Schnee mehr und die Rinne besteht nur aus
instabilen Steinen…. besser sein lassen.
Auch heute habe ich mich
mit meinem Satellitenmodem abgeplagt. Das erste Mal seit drei Jahren
habe ich Linienprobleme und ich denke, dass es am Berg der sich vor uns
befindet liegt, der das Signal zu 50% abschirmt. Unter 50% gibt es
keinen Datentransfer, so klicken ich immer wieder bei 52, 53, 58 %igem
Signal„senden und empfangen“. Während ich dann sende
oder empfange sinkt häufig das Signal unter 50% und ich verliere
die gesamte Arbeit…….

30.06.2005
Joby
Ogwyn ist im Basislager!!! Nach tausend Umständlichkeiten und jede
Menge gelöster Aufgaben, ist er heute um 15:30 Uhr im Basislager
eingetroffen. Das Team ist jetzt vollständig und die alpinistische
Aktivität kann beginnen. Höchstwahrscheinlich
übermorgen, denn mindestens einen Rasttag verdient sich Joby noch.

01.07.2005
Erster
Tag für Joby hier im Basislager. Genutzt wurde der Tag um all
seine Dinge aufzuräumen, sich vom Trekking und von einigen
Problemen das Darmtraktes zu erholen. Morgen wollen wir den Gipfel des
Ya Chhish zum Akklimatisieren angehen. Dabei werde ich die Gelegenheit
haben, Joby einige Details der Route zu zeigen. Zudem haben wir
Gelegenheit diesen Gipfel zu besteigen, der das letzte und einzige Mal
vor dreißig Jahren Besucher hatte.

02.07.2005
Heute
erste Exkursion mit Joby, aber wegen des schlechten Wetters sind wir
nur einige Stunden ausgeblieben. Es hat die letzte Nacht viel geregnet
und auch am Morgen hatte es noch nicht ganz aufgehörte. Es regnet
auf 4100 Meter….
Deshalb wurde der Plan auf den Ya Chhish zu
steigen vorerst aufgehoben. Auch in den anderen Basislagern scheint die
Situation ähnlich zu sein. Wir sind in Kontakt mit Freunden in G2,
Broad Peak, Nanga Parbat und Latok. Heute lesen und Relax.

03.07.2005
Das
Wetter konnte nicht immer schön sein, deshalb beschenkt uns das
Wetter auch heute mit Regen und Nebel. Ein weiterer Tag zum Relaxen,
Lesen und Schreiben. Ich habe die Gelegenheit genutzt um mit meinem
zweiten Buch zu beginnen. Doch würde mir gefallen, dass mein
erstes Buch auch in anderen Sprachen veröffentlicht wird. Dabei
handelt es sich um die Freundschaft mit Anatoli Boukreev und unserer
Tragödie am Annapurna 1997. Auch im Ausland werde ich immer wieder
darauf angesprochen, vielleicht würde es sich auszahlen, unsere
Geschichte lesen zu können…
Wir sind immer in SMS Kontakt mit
Gerlinde Kaltenbrunner am G2 und Gnaro Mondinelli am Nanga. Gnaro sagt,
dass das Wetter bis Dienstag schlecht bleiben wird….

04.07.2005
Das
schlechte Wetter hält weiterhin an. Letzte Nacht hat es
ausreichend geschneit, aber dank der milden Temperaturen während
des Tages, ist der ganze Schnee im Basislager schon geschmolzen.
Während ich schreibe, hat es wieder begonnen zu schneien, aber
während des Tages hat es immer wieder aufgerissen und diese
Stunden des Sonnenscheins habe ich ausgenutzt um ein wenig zu

05.07.2005
Weiterhin 
schlechtes Wetter, doch Joby und ich hatten es satt im Basislager
herumzuhängen. Um 7 Uhr sind wir aufgestanden und um 8:05 Uhr sind
wir Richtung Ya Chhish Gipfel, mit seinen 5130 Metern aufgebrochen. Ein
nicht zu unterschätzender Berg, der zum ersten und einzigen Mal am
23. Mai 1976 von zwei deutschen Bergsteigern zum Akklimatisieren
bestiegen worden ist, bevor sie zum Batura I aufgebrochen sind (damals
der höchste unbestiegene Berg der Erde). Nach 29 Jahren standen
Joby und ich um 11:30 auf dem Gipfel, nachdem wir über die
Ostseite und dann über den luftigen Grat aufgestiegen waren. Auch
wir haben uns hier akklimatisiert, bevor wir den Batura II angehen
wollen (heute der höchste unbestiegene Berg der Erde).

Eine
halbe Stunde sind wir am Gipfel beblieben, bekleidet mit Fuseaux und
leichten Polarleibchen. Es war sehr bewölkt, dafür aber
windstill und nicht kalt.

Um 14:30 Uhr waren wir wieder im
Basislager bei Tortellini, Salami, Pommes und Spaghetti alla Bolognese,
gekrönt am Ende von italienischen Kaffee….
Morgen wollen wir
ausrasten (das Wetter soll noch schlecht sein) und dann werden für
Richtung Batura II über den Batokshi Peak aufbrechen…

07.07.2005
Wir
sind gestartet! Heute morgen um 5 Uhr sind wir vom Basislager (4100 m)
aufgebrochen sind in die Route der Deutschen des Jahres 2002
eingestiegen, nach einiger Zeit haben wir die Seracs komplett gequert
bis wir den Westgrat erreicht haben, denn wir wollten nicht mehr unter
den großen Seracs bleichen. Hier scheint es uns sicherer, doch
der Grat war steil und wir mussten uns ständig mit tiefen Schnee
abplagen. Um 13:30 Uhr haben wir auf dem Grat, im Schutze eines
Pfeilers einen geeignete Platz für unser 1. Lager auf 5170 Metern
gefunden. 7 Stunden harte Arbeit, mit schweren Rucksätzen und
Schnee bis zu den Hüften….. Morgen werden wir versuchen
höher aufzusteigen….

08.07.2005
Heute
Morgen sind wir um vier Uhr aufgestanden um kalte Temperaturen und
Licht vorzufinden. Somit konnten wir mit hartem Schnee rechnen, nicht
wie gestern, wo wir ständig mit dem Schnee bis zu den Hüften
kämpfen mussten. Die Schneeverhältnisse waren gut, doch war
der Schwierigkeitsgrad eine echte Überraschung. Der Grat ist steil
und ausgesetzt und wir konnten uns nicht gegenseitig sichern, da man
nicht akzeptabel sichern konnte, daher mussten wir immer seilfrei
klettern.  Ich und Joby hielten blieben mit unserem Funkgerät
in Kontakt und erinnerten uns gegenseitig ständig voll
konzentriert zu bleiben, denn Fehler konnten wir uns beim besten Willen
nicht leisten….. auch der Rückweg war uns versperrt: zu
schwer….

Sobald die Schwierigkeiten nachließen mussten
wir uns über den Grat und deren unzählige Anzahl von
Wächten weiter nach oben kämpfen. Endlich um 13 Uhr fanden
wir kurz unter dem Batokschi Peak im Schutze eines großen Seracs,
einen geeigneten Platz, wo wir in 40 Minuten unser Lager II auf 5900
Meter ca. einrichteten.  In einem Bereich des Grates fanden wir
auch sehr alte Fixseile, die mit Eisenkarabiner befestigt waren und zum
Grat querten. Natürlich waren sie unbrauchbar.

Ergebnis dieser beiden Tage: fast 2000 Höhenmeter auf jungfräulichem Terrain im Alpinstil und seilfrei.

10.07.2005
Ende der Expedition!
Am
Tag des Gipfels de Batokschi 6050 m und nach drei Tagen klettern im
Alpinstil und seilfrei, längs des langen, ausgesetzten und
gefährlichen Grates, hat der Abstieg längs einer unbekannten
und schwierigen Route begonnen. Mit langen Strecken in Piolet traction,
auf den Frontalzacken der Steigeisen und der Pickel und mit sehr hoher
Lawinengefahr mussten wir uns abmühen, es war nervenzerreibend.
Verpflichtend war es, so schnell wie möglich abzusteigen!

Nach
drei Stunden war ich heil am Wandfuß, indem ich einen Abstieg
zwischen einem Labyrinth aus Seracs und Getscherspalten ausfindig
gemacht hatte. Joby war nicht so schnell und hatte nicht so viel
Glück und nur 300 Meter vom Wandfuß entfernt, wurde er von
einer Lawine mitgerissen….
Während ich schon im Basislager
saß und gerade einen erfrischenden Saft trank, begann mein
Funkradio zu kreischen: „Simone, ich wurde von einer Lawine
mitgerissen….ich bin am Leben….aber ich glaube, meine Hüfte
ist kaputt….“ Stille…:“ ich weiß nicht wie ich da
lebend raus bin!“

In diesem Moment war ich gerade am
Satellitentelefon und erst einige Sekunden später konnte ich
realisieren was passiert war…. Gleich startete die Rettungsaktion.
Unser Koch Didar, erreichte als erster Joby am Unfallort und leistete
sogleich Hilfe so gut er konnte,  dann holten auch Karim und ich
ihn ein. Erst zu später Nachtstunde erreichten wir gemeinsam das
Basislager, Joby mit schmerzverzerrtem Gesicht, denn jeder Schritt
bedeutete trotz Hilfe höllische Schmerzen. Während des
Rückweges hatte ich schon Kontakt mit unserer Agentur Adventure
Tour Pakistan aufgenommen um für den nächsten Tag einen
Hubschrauber anzufordern, der heute um 12:20 im Basislager gelandet ist
und Joby und mich nach Gilgit geflogen hat. Am späten Nachmittag
die ersten Ergebnisse der Untersuchung: es scheinen keine
Knochenbrüche vorzuliegen, aber es bleiben Blutergüsse und
Bewegungsschwierigkeiten am linken Bein.

Die Expedition wurde
daher vorzeitig, mit zwei Gipfelerfolgen und einer Neuroute im
Alpinstil, beendet. Doch der wichtigste Erfolg blieb aus, der Batura
II. Doch hätten wir nicht so viel Glück gehabt, so wäre
jetzt ein Expeditionsmitglied weniger da….

Ich möchte
mich besonders bei Ashraf Aman und seinem gesamten Team, besonders aber
bei Essar und Neiknam, für deren schnelle
„diplomatische“  Kunststücke bedanken, mit dessen
Hilfe sie die Militärmaschine in Gang gesetzt haben, sodass wir
schon heute ausgeflogen werden konnten.

Ich bedanke mich bei Gott für den Ausgang dieses Abenteuers….

Siehe auch:
Weitere Berichte von Simone Moro auf dem Weg zum Batura II
Erste Berichte von Simone Moro auf dem Weg zum Batura II
Simone Moro versucht den unbestiegenen Batura II (7.782 Meter)
www.simonemoro.com