Als Michi Wohlleben 2014 zusammen mit Ueli Steck die erste Nordwand Aneinanderreihung der Drei Zinnen im Winter gemacht hatte, ging Michi davon aus, dass die Zinnen für ihn vorerst kein Projekt mehr zu bieten haben.

Drei Zinnen Gesamtüberschreitung durch Michi Wohlleben und Simon Gietl (c) Archiv Wohlleben
Drei Zinnen Gesamtüberschreitung durch Michi Wohlleben und Simon Gietl (c) Archiv Wohlleben

Michi Wohlleben berichtet

Als ich allerdings 2 Monate später fasziniert von der „Fitz Roy Traverse“ las, schoss mir dieses Bild von den Drei Zinnen und deren Winter-Gesamtüberschreitung durch den Kopf. Ich wollte alle 5 Gipfel der Zinnen Gruppe überschreiten, dieses mal ohne Support. Zu diesem Zeitpunkt war der Winter allerdings vorbei und somit wanderte diese Idee in den Ideenschrank.

Zufällig traf ich 2015 Simon Gietl, erzählte ihm von meiner Idee und er war ziemlich schnell begeistert. Er hatte mit Roger Schaeli schon vor einigen Jahren die erste Überschreitung der Drei Zinnen Gipfel, also Westliche, Große und Kleine Zinne gemacht. Allerdings in 2 Tagen und ohne die zwei Gipfel Punta Frida und Preußturm. Im Winter 2015/2016 ging es sich für uns irgendwie nicht aus und wir vertagten es auf 2017.

Als im Dezember mit dem „Winteranfang“ in den Dolomiten fast kein Schnee lag, war eigentlich klar, dass die Verhältnisse für unser Projekt perfekt gewesen wären, wir hatten auch beide Zeit, aber ich war nicht wirklich motiviert bei diesen Bedingungen eine „Winterbegehung“ zu machen.

Das mag ein bisschen anmaßend klingen, ist es aber nicht: Ich respektiere alle Winterbegehungen die Ende Dezember 2016 gemacht worden sind. Winter ist Winter ohne Kompromisse. Es ging mir einfach nicht darum eine „Nummer“ in das Routenbuch einzutragen, sondern um ein Erlebnis. Und das ist es für mich nur dann, wenn es sich auch so anfühlt wie „echter“ Winter.

Fotostrecke: Gesamtüberschreitung der Drei Zinnen

Der Winter kam Mitte Januar 2017 und somit für uns keine Option es wieder zu versuchen. Es verging die Zeit und gegen Ende Februar kamen wir wieder in Kontakt und fixierten die ersten März Wochen um es zu versuchen.

Nachdem wir uns am 16.03.2017 einen Überblick über die Lawinensituation und die Verhältnisse gemacht und am Einstieg ein bisschen Material deponiert hatten, starteten wir schließlich am 17.03. um 6:45 Uhr in die „Scoiattoli-Kante“ an der Westlichen Zinne. Da wir beide die Route nicht wirklich gut kannten, rechneten wir mit schwerem Gelände und schlechten Haken, aber irgendwie lief es besser als gedacht und wir konnte alles am laufenden Seil in 3 gestreckten Seillängen klettern. So fanden wir uns nach 2 Stunden und 20 Minuten auf dem Gipfel der westlichen Zinne wieder.

Wir lachten und sagten: „Naja in Mathematik waren wir beide nicht gut, wenn aus geplanten 5h auf einmal 2h werden, aber dafür klappt es eben im Klettern.“ Wir stiegen zügig den Normalweg ab und in die „Dülferroute“ an der Westwand der Großen Zinne ein. Es war zugig und kalt, aber auch hier kam uns das gleichzeitige Klettern entgegen. Die ganze Zeit in Bewegung zu bleiben scheint der Schlüssel zum Erfolg bei schwierigen Winterbegehungen zu sein und so standen wir nach einer guten Stunde in der Sonne auf dem Ringband. Kurz darauf, um 11:26 Uhr, auf dem Gipfel der Großen Zinne.

Wir hielten uns nicht lange auf und stiegen über den Normalweg ab. In der Scharte zwischen Großer und Kleiner Zinne kochten wir einen Liter Wasser und kletterten dann über den Normalweg auf die Kleine Zinne. So langsam wurde uns auch klar, dass es an diesem Tag nicht dunkel werden würde, bis wir fertig waren, was der ganzen Geschichte ein bisschen Entspannung verpasste. Niemand klettert gerne in die Nacht hinein. Von der Kleinen Zinne seilten wir die „Innerkofler“ Route ab und stiegen über den Westgrat auf die „Punta di Frida“ auf.

Wir wurden uns bewusst, dass jetzt eigentlich mit der spannendste Teil der Route kam. Wir mussten in die Scharte zwischen Punta Frida und Preußturm. Ein abenteuerlicher Bereich der Zinnen: dunkel, kalt, exponiert und wenig begangen. Auch wenn wir es im November schon ausgecheckt hatten, war das runterkommen ein bisschen aufwändig. Beim Abseilen merkten wir, dass wir im Herbst ein 8m längeres Seil bei uns hatten, was uns ein bisschen Ärger bereitete, sich aber zum Glück gut auflöste.

Die letzten Meter auf den Preußturm waren fast ein Genuss. Wir freuten uns, mussten allerdings, um auf der perfekten Überschreitungslinie zu bleiben, noch den „Preußriss“ abseilen, was trotz zu kurzem Seil gut funktionierte. Nach 9 Stunden und 15 Minuten standen wir am Boden und waren ziemlich zufrieden und glücklich, dieses lange ersehnte Projekt beendet zu haben. So schnell hätte es nicht gehen müssen, aber wenn es läuft dann läuft es eben.

Infos

  • Einstieg „Scoiattoli-Kante“ (06:45 Uhr)
  • Westliche Zinne (09:10 Uhr) „Scoiattoli-Kante“ 7b (VI/A2), 550m
  • Große Zinne (11:26 Uhr) „Dülfer“ 5+, 250m
  • Kleine Zinne (13:20 Uhr) „Normalweg“ 4/4+, 430m
  • Punta Frida (14:21 Uhr) „Westgrat“
  • Preussturm (14:50 Uhr) „Normalweg“
  • Ende Boden „Preußriss“ (16:00 Uhr)

www.michiwohlleben.de