Der Südtirol Simon Gietl steht am Gipfel. Kannst du mich hören? Die Frage gilt seinem Freund. Seinem Freund, dem er das Versprechen gegeben hat, sein Seilpartner zu sein bei einer neuen Linie an der Westwand der Cima Scotoni. Sein Freund kann nicht mehr dabei sein.

Simon Gietl gelingt Erstbegehung 'Can you hear me' (8+/A2) (c) Archiv Gietl
Simon Gietl gelingt Erstbegehung 'Can you hear me' (8+/A2) (c) Archiv Gietl

Jetzt steht Simon am Gipfel der Cima Scotoni. Er hat sie solo, teils frei, teils technisch, eröffnet. Die Klettertour „Can you hear me“ – 21 Seillängen, 8+/ A2, ist eine anspruchsvolle, alpine Kletterei in brüchig bis sehr gutem Fels. Wie versprochen…

Simon Gietl schreibt:

Bei einem SALEWA Athletentreffen 2009 bin ich Gerry Fiegl aus dem Ötztal das erste Mal begegnet. Er war neu im Team. Wir verstanden uns auf Anhieb gut, so, als würden wir uns schon viele Jahre kennen! Immer wieder waren wir gemeinsam in den Alpen unterwegs. Es war nicht nur seine alpine Kompetenz, warum ich gerne mit ihm unterwegs war, sondern die Kombination zwischen „seinem Können“ und seiner sympathischen Art – wir hatten unglaublichen Spaß!

Fotostrecke: Simon Gietl in „Can you hear me“ (8+/A2)

2014 beschlossen wir, zusammen nach Patagonien zu reisen. Ein kurzes Wetterfenster von sechs Stunden war unsere einzige Chance in Richtung Fitz Roy zu starten. Unser Plan: vom Tal non-stop zum Gipfel und zurück. Die Wahrscheinlichkeit war gering, dass wir bei diesen Verhältnissen den Gipfel erreichen werden, aber unsere gemeinsame Motivation war grenzenlos.

Mir wurde klar, um eine solche Aktion zu starten, braucht es den richtigen Seilpartner, auf den man sich zu 100 Prozent verlassen kann – das war bei Gerry ohne jeden Zweifel der Fall. Wir erreichten nach 21 Stunden den höchsten Punkt des Fitz Roy, wo wir uns überglücklich die Hände drückten!

Es waren sehr intensive Stunden. Regen, Schneefall und starker Wind machten uns das Leben schwer und trotzdem hatten wir richtig viel Spaß dabei! Am Gipfel fühlten wir uns für einen kurzen Moment als Helden, Helden die unsterblich sind. Aber leider sind auch wir sterblich!

Gerry ist am 26. Oktober 2015 in Nepal tödlich verunglückt. Als mich die Nachricht erreichte, zog es mir den Boden unter den Füßen weg. Ich wollte und konnte es nicht glauben. In diesem Moment wurde mir das erste Mal klar, wie sehr mir Gerry ans Herz gewachsen war, wie viel er mir bedeutete als Mensch. Er war ein richtiger Freund mit dem ich über alles reden konnte!

Mir war augenblicklich wichtig, mein Versprechen, das ich ihm vor seiner Abreise nach Nepal gab, zu halten: Er hatte die Idee, eine traditionelle, natürliche Erstbegehung an der Cima Scotoni zu machen. Ich sollte mit ihm diese Linie eröffnen und ihm mein Wort geben! Das habe ich getan.

Das Schicksal hatte andere Pläne. Aber für mich war klar: Mein Versprechen, Gerrys Linie mit keinem anderem Partner zu klettern, werde ich halten. So kam der Gedanke, die Tour im Alleingang zu eröffnen.

Schon vorher war klar: Diese Erstbegehung wird mit Sicherheit die größte Herausforderung sein, der ich mich je bei einer Erstbegehung stellte. Aber gleichzeitig war mir klar, dass ich viel geben werde. Nein, ich werde alles geben.

Als ich am 27. Juni 2018 nach 21 Seillängen schließlich am Gipfel der Cima Scotoni stand, überkam mich ein Wechselbad aus Gefühlen. Weit und breit war kein Mensch zu sehen und zu hören und trotzdem fühlte ich mich nicht allein. Ich sagte: „Danke Gerry“ – „Can you hear me?“.

Erstbegangen am 23.09.2016, vier Tage 2017 und vier Tage 2018. Ende 27.06.2018. Insgesamt 9 Tage!

Die Route wurde ausschließlich traditionell abgesichert ohne Verwendung von Bohrhaken.

Das Topo folgt nach der freien Begehung.

www.simongietl.it