Fünf Jahre liegen die Erstbegehung der Route "Zauberfee 8c+" durch Christian Bindhammer und die erste Wiederholung durch seinen Bruder Andreas nun zurück.

Ab diesem Zeitpunkt war es dann eher ruhig im norditalienischen Klettergebiet Arco – jedenfalls was neue Routen im High-End-Bereich anbelangt.

Zwar gaben sich die Hammerbrothers in den vergangenen Jahren größte Mühe, bei ihren kurzfristigen Aufenthalten das von Francois Legrand eingerichtete, noch offene Projekt rechts der „Zauberfee“ zu knacken, aber die Route hielt all ihren Bemühungen stand. Durch ihren enormen Maximalkraftausdauer – Charakter  – 28 Züge sind hier ohne Ruhepunkt zu absolvieren – stellte das neue Testpiece ganz andere Anforderungen an die beiden als alle bisher gekletterten Routen.

Die etwa 20 Meter lange Route startet mit einer Abfolge von athletischen Zügen, die ein hohes Maß an Körperspannung erfordern, vergleichbar mit der Schlüsselpassage einer 8b+-Route.  

Danach folgt der direkte Übergang in den extrem schwer zu koordinierender Sprung am vierzehnten Zug in eine seichte, nicht sichtbare Schale, der bei allen Versuchen immer den Knackpunkt dargestellt hatte. – Den Sprung innerhalb der Gesamtpassage erfolgreich zu absolvieren erschien für lange Zeit unmöglich, da er aus einer sehr instabilen Position an zwei kleinen Griffen angesetzt werden musste, von denen der höhere nur seitlich belastet werden konnte. Der Schwung musste also rein über die nur spärlich vorhandenen, abschüssigen Tritte eingeleitet werden.

Danach setzt sich die athletische Kletterei wie zu Beginn der Route fort und mündet direkt in die zweite Schlüsselstelle, eine fußtechnisch anspruchsvolle Sequenz aus Schulter- und Untergriffen bis zur Umlenkung nach etwa 28 Zügen.

Nach einem höchst intensiven Winter mit den Schwerpunkten Boulder- und Campustraining kehrte Andreas Mitte März 2008 in den Sektor mit der malerischen Kapelle zurück, um zwei Tage lang in der Route zu bouldern. Trotz der noch feuchten Tritte in der Schlüsselsequenz gelang der Sprung schon nach wenigen Versuchen und er konnte die Route mehrmals auf zwei Etappen klettern. Das Resümee des Wochenendes: der Erfolg in der Route lag nun im Bereich des Möglichen – eine solide Maximalkraftausdauer und gute Bedingungen vorausgesetzt…

Eine Woche später – über die Osterfeiertage – war Andreas zurück im Sektor San Eremo. Die für die Jahreszeit zu kühlen Temperaturen kamen gerade gelegen. Der Fels war deutlich trockener als beim letzten Aufenthalt. Erstmals gelang es ihm, aus dem Ruhen die vollständige Passage mit dem Sprung bis zur Umlenkung zu durchsteigen. Es war also möglich die Route zu klettern!

Am nächsten Tag schien endlich wieder die Sonne. Auf mehr als 11°C sollte das Quecksilber trotzdem nicht steigen. Der erste Versuch mit einmaligem Ruhen. Im zweiten Versuch gelingt der Sprung sogar auf Anhieb aus dem Ruhen. Der beste Versuch bisher! Beide Male mit nur einer kurzen Pause bis zum Top. – Es ist also nur noch eine Frage der Zeit…

Die zunehmende Kälte erforderte eine längere Pause an der Sonne. Mehr als drei sinnvolle Versuche pro Tag waren bisher ohnehin nicht machbar. Also noch einmal alles geben!

Die Einstiegspassage gelingt perfekt. Die Füße blieben auf ihren Tritten. Der Startgriff für den Sprung liegt diesmal perfekt in der Hand. Ohne zu zögern kommt der Sprung. Treffer! Nun noch dranbleiben. Volle Konzentration. Kurz Nachchalken. Die Ausstiegspassage gelingt. Zwar knapper, als es die anwesenden Zuschauer vermuten – aber sie gelingt. Ein Jubelschrei vollendet die erste Begehung des neuen Arco-Testpieces. Mit einem Paukenschlag hat Andreas soeben die Saison 2008 eröffnet.