Über Ostern gelang Andreas Bindhammer die Erstbegehung von St.Anger in Arco, Italien, die er mit 8c+/9a bewertete. Im Interview äußert er sich zur Route, zur Vorbereitung und zu weiteren Zielen für 2008.

Plattencover: St. Anger von MetallicaGratulation zur Erstbegehung von „St. Anger“. Die Züge sehen wirklich spektakulär aus! Weshalb hat die erste Begehung der Route so lange auf sich warten lassen? – Was ist die Besonderheit an „St. Anger“?

Danke. Ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass die Route dieses Jahr schon am vierten Tag geht. Als Christian und ich „Zauberfee“ geklettert hatten, machten uns die Einzelzüge noch enorme Probleme. Vor dem Sprung war ich schon immer völlig erledigt. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, ihn anzusetzen – geschweige denn, ihn so zu kontrollieren, um dann noch in eine Delle zu treffen. Der Einzelzug ging in den letzten Jahren vielleicht mit einer Erfolgsquote von 10%. Die gesamte Passage zu klettern war schlicht unmöglich.

Christian versuchte sich an einer Lösung mit einem Zwischengriff, um die Distanz des Sprunges zu verringern, was den Zug aber nicht leichter machte, sondern nur einen weiteren schweren hinzufügte. Ich blieb daher lieber bei der brachialen Variante… Grundsätzlich ist es die Maximalkraftausdauerbelastung in Kombination mit extrem schweren Passagen, was die Route so anspruchsvoll macht. Man bewegt sich konstant im oberen 8b-Bereich, mit zwei Passagen, die aus meiner Sicht im achten Grad der Boulder-Bewertungsskala liegen dürften.

Du hast für die Route einen Bewertungsvorschlag von 8c+/9a abgegeben – also nur geringfügig schwerer als die benachbarte „Zauberfee“, die mit 8c+ bewertet ist. Glaubst du nicht, die Route könnte in Anbetracht der langjährigen vergeblichen Versuche verschiedener Spitzenkletterer auch schwerer sein?

Ich wurde während meiner Versuche immer wieder nach der Bewertung der Route gefragt. Meine Antwort war: „Für kleinere Kletterer 9a, für größere wahrscheinlich 8c+…“
 
Für mich – und ich denke, da wird mir Christian, der die Route in den vergangenen Jahren auch intensiv probiert hatte, zustimmen – sehe ich die Route als 9a. Gleichzeitig könnte ich mir aber vorstellen, dass der Sprung und auch die obere Passage ab einer gewissen Körpergröße deutlich leichter sein könnten. Deshalb die Einschränkung. Ich überlasse es also den Wiederholern, in welche Richtung sich mein Bewertungsvorschlag in Zukunft bewegen wird.

Deine persönliche Bewertung lautet also 9a… Ist sie damit die schwerste Route in Arco? Wie siehst du die Schwierigkeiten im Vergleich zu „Underground“, die ja eine ähnliche Bewertung hat?

Ich finde, „Underground“ und „St. Anger“ kann man nicht vergleichen. Im Vergleich zu „Zauberfee“ -die ja inzwischen als eher harte 8c+ gilt – beispielsweise erschien mir „St. Anger“ immer deutlich schwerer – vielleicht ist das eher ein geeigneter Maßstab. „Underground“ ist sehr speziell: gute Ruhepunkte und extrem schweren Boulderpassagen in einem gewaltigen Dach. – Das gibt´s nur einmal. Und wie „Action Directe“ lässt sich die Route daher kaum mit anderen vergleichen…

Warum warst du dieses Jahr endlich erfolgreich in deinem Projekt und nicht schon die Jahre zuvor? Was war anders dieses Jahr? – Hast du dich speziell auf die Route vorbereitet?

Ab Mitte 2007 bestand mein Training fast ausschließlich aus Bouldern am Fels und dem Projektieren schwerer Routen. Letzten Sommer und Herbst konnte ich fast alle schweren Boulder und Traversen im Allgäu wiederholen. Im Winter habe ich die schönen Tage genutzt und zusammen mit Christian an einigen neuen Boulderprojekten gearbeitet und zusätzlich noch ein sehr intensives Campus- und Bouldertraining an der Kunstwand absolviert. Durch ein spezifisches Krafttraining für Oberkörper und Körperspannung konnte ich auch in diesem Bereich mehr Konstanz erreichen. Vielleicht liegt´s daran. An der generellen Steigerung der Maximalwerte im Finger- und Körperkraftbereich.

Hat es einen besonderen Hintergrund, dass der Route den Namen „St. Anger“ gegeben hast?

Der Name soll natürlich ein Bezug zur Band Metallica sein, die mich mit ihrer Musik sozusagen durch mein gesamtes klettersportliches Leben begleitet haben. Trotz der langen Zeit in ihrem Metier und allen Höhen und Tiefen haben sie den Spaß an der Musik und den Live-Acts nicht verloren. Ihre Musik hat die gleiche Energie wie vor zwanzig Jahren. Genau das gleiche entdecke ich bei mir in Bezug auf den Klettersport. Ich habe den gleichen Spaß an der Herausforderung wie früher.

Zudem fand ich den Namen auch sonst recht passend: die Route hat mich über Jahre hinweg beschäftigt – wie einen Pilger, der Jahr für Jahr einen heiligen Ort besucht. – Und schließlich war dann nur mit einem gewaltigen Maß an kontrolliertem Zorn zur richtigen Zeit der Durchstieg möglich… Ich hoffe, das erklärt die Wahl des Namens. 😉

Was sind nun – nach diesem erfolgreichen Auftakt am Fels – deine weiteren Ziele für diese Saison? – Dürfen wir deine Teilnahme an Wettkämpfen erwarten?

Grundsätzlich möchte ich das tun, was mir immer am meisten Spaß gemacht hat: das Klettern am Fels. Es gibt einige schwere Routen, an denen ich mich noch versuchen möchte. Die Auswahl muss ich meinem Terminkalender überlassen – nicht immer kann ich all das verwirklichen, was ich gerne möchte. Aber irgendwas geht immer!

Was die Wettkämpfe betrifft: Ich habe mir vorgenommen, dieses Jahr wieder alle nationalen (Difficulty-)Wettkämpfe mitzumachen – nachdem ich dort letztes Jahr nur einmal angetreten bin. Und werde versuchen, mich für die EM in Paris zu qualifizieren, was die Teilnahme an den vorhergehenden Weltcups bedeutet.

Ich hoffe auf jeden Fall, dass es mir gelingt, Beruf und Sport weiterhin unter einen Hut zu bringen…

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für die weitere Saison!