Als die fünfte Seillänge gepunktet war, sagte ich zu Andreas, dass ich nicht mehr abseilen, sondern notfalls biwakieren werde, falls die letzten 7b+-Längen durch die Nässe unkletterbar würden. Eine nasse 7b+ mit etwas weiteren Abständen kann ja recht spannend bis unkletterbar werden.

Die vorletzte Länge war ziemlich gespült und ich musste mich mit äußerster Vorsicht von Bohrhaken zu Bohrhaken kämpfen, wobei ich sehr davon profitierte, dass ich Andreas drei Tage zuvor gesichert hatte und wusste, wo es ungefähr langgeht. Für mich war das bestimmt die anspruchsvollste Länge vom Kopf her an diesem Tag und ich war so happy, dass die letzte Länge auch gleich ging, obwohl mir einmal auf einem nassen Tritt die Füße abgeschmiert sind. Zum Glück hatte ich einen guten Griff  zum Abfangen in der Hand.

Ich glaube solche Tage, an denen man wirklich fightet sind sehr selten im Leben. Ich hatte mich eigentlich schon im Hotel im Biwak gesehen. Zum Glück war ich dann in 9 Stunden oben und 2 Stunden später wieder im Schluchtgrund. Bin dann erst mal zum Pizza essen und habe mit Pietro Dal Pra, der zur selben Zeit wegen Filmarbeiten auf Sardinien verweilte, noch auf den Erfolg angestossen.

Andreas, du hast einmal geäußert, dass die Route aufgrund ihrer Gesamtanforderungen wie mindestens 8c anfühlt. Bist du der Meinung, man sollte für Mehrseillängenrouten eine Gesamtbewertung einführen? Florian, wie siehst du das?

Andreas: Aus meiner Sicht macht das durchaus Sinn. Bisher werden nur die Schwierigkeiten in der Schlüssel-Seillänge angegeben. Dabei ist es ein riesiger Unterschied, ob beispielsweise eine 10-Seillängen-Route im Extremfall aus 10 8b-Seillängen oder aus einer 8b-Seillänge und 9 Seillängen im sechsten Grad besteht. Zwei Kriterien – Maximalschwierigkeit und Gesamtbewertung – wären hier sicher angebracht. Die erste Route wäre damit 8b/8c (oder gar 8c+), die zweite 8b/8b. Beim extremen Sportklettern wird ja auch nicht nach der Schwierigkeit der härtesten Boulderpassage bewertet, sondern eher nach dem Gesamtcharakter der Route.

Florian: Andreas hat nicht ganz unrecht,  jedoch bin ich eher der Meinung, eine Route sollte nach der schwersten Länge der Route bewertet werden, um wenigstens noch eine gewisse Objektivität, was die Bewertungen von Alpinrouten betrifft, zu gewährleisten. Die Bewertung sollte dieselbe sein wie im Klettergarten. Leider habe ich oft das Gefühl, dass es einen gewissen Alpinbonus gibt, den ich ganz und gar nicht befürworte. „Hotel Supramonte“ ist, denke ich, mit der Schwierigkeit im Klettergarten zu vergleichen – nicht zu hart und nicht zu soft bewertet.

Vielen Dank für das Gespräch und Euch beiden weiterhin viel Erfolg!

Florian: Wir möchten uns noch bei unseren Helfern bedanken, die uns vor Ort tatkräftig beim Materialtransport unterstützt haben  – Chrissi Engstle und Markus Brand…

Andreas: …und Diana Mang natürlich – unsere „Ground Control“, die jeden unserer Schritte geduldig überwacht hat…