Am 25. Dezember 2005 gelang Albert Leichtfried
eine Wiederholung der Mixedroute „Game over“ im „Reloaded“ Stil, d.h.
ohne die Verwendung der bis dato üblichen „Spurs“ und ohne
Handschlaufen an den Eisgeräten. Heraus kam „Game over reloaded“ mit der Bewertung „M13„, die sich damit den Platz um eine der schwierigsten Mixedroute mit „Hells Angels Paradise“ von Markus Bendler
teilen dürfte. Albert hat nun seine Gedanken zu den verschiedenen
Stilen im Mixedklettern und deren Bewertung aufgeschrieben und mir zur
Verfügung gestellt. Die Bilder von Klaus Kranebitter zeigen Albert
bei der Begehung von „Game over reloaded“.

Martin Joisten

Are spurs for horses? – Über die Bewertung von Mixedrouten

Die
ursprünglichen Ideen zu diesem Artikel stammen von Will Gadd, der
Eiskletterlegende aus Canmore (Kanada), welcher sich als Pionier im
Gebiet des Eis/Mixedkletterns schon seit Jahren mit den
Weiterentwicklungen dieser Sportart beschäftigt. Da ich seine
Ansätze und Überlegungen als äußert durchdacht und
wichtig für unseren Sport halte und ich selbst seine Meinung
teile, ist es mir ein Anliegen diese Überlegungen an die
Öffentlichkeit zu bringen.

Die Schlagzeilen über
schwierigste Mixed-Begehungen in extrem kurzer Zeit häuften sich
in den letzten Jahren ziemlich oft. Viele Sportkletterer stellten sich
die Frage, ob es für solche Begehungen denn vertretbar sei, vom
Freiklettern zu sprechen. Ich stellte mir in letzter Zeit ebenso diese
Frage und bin nun der Meinung, dass Mixedklettern unter Verwendung
eines Fersensporns definitiv keine reine Freikletterei darstellt.
Speziell in extrem steilem Gelände ermöglicht der Spur in
nahezu jeder Kletterposition zu rasten.

Diese
Tatsachen wurden mir richtig bewusst als ich, motiviert durch Will,
versuchte einige harte Routen im Dryland ohne Spur zu klettern. Es
macht erstens viel mehr Spaß ohne Spur zu klettern (auch wenn der
Zeitaufwand für eine Route dementsprechend länger ist), und
zweitens stellt diese Art des Kletterns für mich einen Stil dar,
der dem Sportklettern recht nahe kommt und somit für mich ohne
Bedenken als freie Kletterei bezeichnet werden kann. Ich konnte in
diesem Stil im November bzw. Dezember 2005 die Routen „Häppy –
reloaded“, „Fontok – reloaded“ und „Tension – reloaded“ klettern. Am
25. Dezember 2005 gelang mir nach hartem Kampf „Game over – reloaded“.
Diese Route in diesem Stil geklettert, kann als die schwierigste
Mixedroute Europas eingestuft werden und steht den schwierigsten Routen
der Welt um nichts nach.

Viele Spitzenkletterer rund um die Welt
sind bereits jetzt begeistert vom Mixedklettern im reinen Stil
(„Bareback“ oder „reloaded“ Stil). Die Schwierigkeiten dieses neuen
Stils sind in etwa mit jenen zu vergleichen, wie sie vor Jahren mit dem
damaligen Material (schwere Schuhe, Bindungssteigeisen, Eisgeräte
mit Handschlaufen – „old school“) waren und nach diesem viele
Mixedrouten bewertet wurden. Der neue Stil sollte sich auch
zukünftig bei den Wettkämpfen durchzusetzen vermögen.
Als Referenz soll die über Jahre im Mittelpunkt stehende Route
„Musashi“ dienen. „Musashi“, die erste M12 der Welt, wurde 2002 von
Will Gadd im „old school“ Stil erstbegangen und wurde bereits mit allen
verschiedenen Techniken und Stilen geklettert (Siehe Beschreibung der
Stile, bzw. Tabelle von Will Gadd).

Um für die vielen
begeisterten Eiskletterer weltweit nicht einfach nur arrogant zu
wirken, möchte ich eines unbedingt betonen: Es ist völlig
egal in welchem Stil man in dieser faszinierenden Sportart unterwegs
ist, der Spaß sollte immer im Vordergrund stehen! Es liegt mir
aber auch sehr viel an der allgemeinen Anerkennung unserer Sportart im
gesamten Klettersport. Ich schreibe diese Zeilen, um diese Anerkennung
weiterhin aufrecht zu erhalten und sicherlich nicht, um einfach nur
beeindrucken zu wollen.

Stildefinitionen: Was bedeutet was?

„Bareback-Stil“*** (s.u.) – ohne Spur – oder der „reloaded–Stil“: 
Eisgeräte
werden ausschließlich mit den Händen belastet. Am Steigeisen
befindet sich kein Fersensporn. Dieser technisch anspruchsvolle und
sehr interessante Stil – einfach und kompromisslos – erfordert viele
Klettertechniken aus dem Felsklettern – Fuß verklemmen,
Knieklemmer, heel hooks, usw… es können teilweise auch gute
Rastpositionen gefunden werden, man hat jedoch keine Möglichkeit
nach jedem schweren Zug einer Route sich am Fersensporn auszurasten.
Mixedklettern in diesem Stil macht extremen Spaß und nähert
sich and das Sportklettern an. Der Stil kommt aus Kanada, genauer
gesagt von Will Gadd und seinen Freunden.

„Comp Style“ – mit Spur – der Wettkampfstil:
Dieser
Stil kommt aus dem Weltcupreglement. Fersensporne sind erlaubt. Es ist
allerdings nicht erlaubt, die Fersensporne an den Eisgeräten zu
verwenden. Eisgeräte werden ausschließlich mit den
Händen belastet. Generell schwieriger als der „Full
Trickery“-Stil. Viele Routen der vergangenen 2 Jahre wurden in diesem
Stil geklettert. Dieser Stil ermöglicht es, bei Begehungen von
Mixedrouten viele Rastpositionen zu finden. Die Begehungszeit kann bis
zu einer Stunde betragen – flüssiges Klettern ist nicht mehr
notwendig. Um vordere Plätze bei den zeitreglementierten Weltcups
(8-14min) erreichen zu können, muss aufs Rasten verzichtet werden.
Dieser Stil stellt eine Mischung aus freier und technischer Kletterei
dar.

„Full Trickery“ – alle Tricks erlaubt:
Die
volle Palette aus der Trickkiste ist erlaubt. Felsensporn an den
Geräten. Sitzen auf den Geräten usw… dieser Stil
ähnelt dem technischen Klettern aus den 60iger Jahren und
Begehungen in diesem Stil können nicht als Freikletterei gewertet
werden

„Old school“ – Kletterstil bis vor etwa 5 Jahren:
An
den Eisgeräten befinden sich Handschlaufen. Die Kletterschuhe sind
steigeisenfeste Bergschuhe. Die Steigeisen werden mit Hilfe eines
Bindungssystems am Schuh befestigt. Fersensporne sind nur bedingt
einsetzbar. Dieser Stil ist im Bezug auf den klettertechnischen
Anspruch ähnlich dem „reloaded-Stil“ ohne Fersensporn.

Albert Leichtfrieds Liste über die Bewertungen im Dryland bei Innsbruck
Für verschiedene Kletterstile

Route Jahr der ersten RP Original-Bewertung ?Comp Style? Bewertung anhand Referenz von Will Gadd ?Comp Style? ?Bareback – reloaded? oder ?old school? Bemerkungen
Kaminkehrer 12/2004 M5 M5 M5 Flaches Gelände, keine Vorteile mit Spur
Check the ripper 12/2004 M7 M7 M7 Flaches Gelände, keine Vorteile mit Spur
Reise ins Niemandsland 01/2004 M7+ M7+ M7+ Flaches Gelände, keine Vorteile mit Spur
Häppy 01/2004 M10- M9 M9+ Mit Spur kann vor jedem Zug gerastet werden, auch ohne Spur einige Rastmöglichkeiten
Fontok 01/2004 M11- M10- M11- Mit oder ohne Spur harte Crux am Ende, mit Spur bessere Rastmöglichkeiten
Unleashed 12/2005 M11 M10+ ? Schwierige Einzelstelle, einmal durch Simon Wandeler wiederholt, beide Begehungen mit Spur
Tension 01/2004 M12- M11 M12+ Mit Spur sehr gute Rastmöglichkeiten in den Dächern, ohne Spur wird das 2. Dach sehr hart
Schalldämpfer 02/2005 M11+ M11 ? Extreme Einzelstelle, einmal durch Georg Kluckner wiederholt, beide Begehungen mit Spur
Game Over 01/2005 M13 M12- M13 Gilt als die schwierigste Mixedroute Europas. Eine WH. durch Scott Muir mit Mischung aus ?Comp Style? & ?Full Trickery?. Gute Rastmöglichkeiten mit Spur, ohne Spur weit härter


Will Gadds Liste über die Bewertungen der aktuellen Mixedrouten, weltweit
Für verschieden Kletterstile

Route Standort Erste Begehung Jahr Old School Comp Style Bareback reloaded Bemerkungen
The Game Cineplex Ben Firth 2004 M12- M13/13+ Ben's Firth's Erstbegehung wurde mit minimalem Spureinsatz und ohne die nachträglich entstandenen Zwischenhooks geklettert. In ?Comp Stil? ist die Route um einiges leichter als in den Magazinen beschrieben. In ?bareback/reloaded?-Stil ist die Route knallhart.
Musashi Cineplex Will Gadd Ben Firth 2002 M12 M10 M12 Musashi ist eine Ausdauerroute mit einem schwierigeren, dynamischen Zug. Mit Spur ist die Schlüsselstelle einfacher und die Ausdaueranforderungen reduzieren sich stark. Die Route konnte noch nicht geflasht werden. Es gibt einige ?bareback/reloaded?-Begehungen bzw. Versuche. Da diese Route von Will Gadd in ?Old school? erstbegangen wurde und über Jahre im Zentrum des Geschehens stand, wird Musashi als Referenz verwendet.
Rocky Horror Cineplex Grant Meekins Dave Thomson2002 M11/12 M10 M12 Rocky Horror ist eine extreme pumpige Route in ?bareback/reloaded?-Stil. Mit Spurs schon öfter geflasht.
Vertical Limit Ueschinen Robert Jasper 2003 M11? Ein Quergang über die gesamte Hauptwand in Ueschinen. Wurde schon geflasht und oftmals wiederholt, immer mit Spur.
X Files Haston Cave Stevie Haston 2000 M10 M9? Ein alter Klassiker
Cave Man Hafner Sean Isaac 2000 M10- M9 M10- Mit oder ohne Spur eine super Route.
Reptile Vail Will Gadd 1999 M10 ?M8+ M10 Perfekt für die Verwendung von Spurs. Bubu machte schon sehr früh eine on-sight-Begehung mit Hilfe von Spurs.
White out Isenfluh Robert Jasper 2001 M10 M9+ Kurze Schlüsselstelle an einem Dach.
Tomahawk Isenfluh Robert Jasper 2002 M11- M9 M10 Ausdauerquerung ? die Züge bleiben ähnlich mit oder ohne Spur. Die Rastmöglichkeiten mit Spur sind erheblich größer.


*** Anmerkung des Webmasters
Ich
finde die Bezeichnung „Barebacking“ in diesem Zusammenhang ziemlich
unglücklich gewählt, da dieser Begriff u.a. schon sehr
prominent in der Schwulenszene belegt ist. In diesem Zusammenhang
handelt es sich primär um den ungeschützten
Geschlechtsverkehr zwischen Männern, wobei auch öfter auf
sogenannten „Bareback Partys“ der besondere Kick darin zu liegen
scheint, Geschlechtsverkehr ohne Kondom mit einem Partner zu
haben, von dem eine HIV Infektion bekannt ist.  Die eigene
Ansteckung mit dem Virus wird dabei billigend in Kauf genommen. Siehe
auch bei Wikipedia: Barebacking


Siehe auch:
Markus Bendler eröffnet mit „Hells Angels Paradise“ eine der schwierigsten Mixedrouten