Nachdem auf der
Münchener ISPO Anfang Februar das Wettkampfjahr 2005 mit einer
Rekordteilnahme beim DAV Bouldercup eingeläutet wurde, zog die
bayerische Bouldermeisterschaft am 05.03. nach. Der gemeinsam von der
IG Klettern München und dem Kletterfachverband Bayern des DAV
ausgerichtete Wettkampf lockte eine Menge wohlbekannter Gesichter aus
der bayerischen Wettkampfscene, aber auch einige Neulinge ins
Münchener Heavens Gate – eine erneute Rekordteilnahme ist zu
vermelden .

Zum
Briefing um 10.30 Uhr drängeln sich schliesslich 60 Starter und
Starterinnen ( darunter ein Dutzend IGler) nebst Betreuern und
Zuschauern vor der abgesperrten Boulderarea in den ehemaligen
Kartoffelsilos. Angekündigt war eine Vorrunde mit 20 Bouldern nach
dem Soul-Moves-Prinzip über 4 Stunden. Ungläubig wird anfangs
das Ziel Nr. 20 diskutiert, das von einem frei überhängenden
Riesenzapfen in atemberaubender Höhe in Hallenmitte
herabdräut. Crux der Route ist offensichtlich der Sprung vom
oberen Ende eines Betonpfeilers aus in die freie Hallenraummitte an
einen Henkel am unteren Ende des Riesenzapfens – in ca. 6 m Höhe.
Beim Gedanken diesen Sprung ins Leere durchführen zu müssen,
steigt der Adrenalinpegel bei etlichen der Aspiranten auf
Höchstwerte. Somit lockert sich die Atmosphäre ganz
beträchtlich, als die Laufzettel ausgegeben werden: Der
gefürchtete High-Ball ist dort gar nicht aufgeführt. Das
ganze Ding stellt sich als („ganz ganz mieser“- O-Ton eines
Teilnehmers) Scherz der drei Schrauber, als da wären Sebastian
(Wastl) Untereglsbacher, Wanja Reichel und des Autors dieser Zeilen,
heraus.

Wirklich entschlossen greifen die Teilnehmer nach dieser
Begrüssung die überwiegend technisch anspruchsvollen Probleme
(alle unter 4m Höhe) an. Maxi Wörner fordert Revanche
für das High-Ball-Eumel und löst beim Organisationsteam einen
Heidenschreck aus, als er nacheinander zwei der schwersten
Vorrundenboulder (zwei Leistenknacker mit Schlussmantle) gleich als
erstes flasht. Einige der Finalanwärter fühlen sich
herausgefordert, ziehen nach und erledigen die „Teile“ ebenfalls
verdächtig lässig. In der Folge hat das Orga- Team um
B-Trainer und Hauptschiedsrichter Dominik Kiechl und
IG-Wettkampfbeauftragten Frank Schouren den Adrenalinspiegel mindestens
genauso auf 180 wie kurz zuvor die meisten der Wettkämpfer beim
Blick auf Ziel 20. Was ist, wenn die selbstverliebte Schraub- und
Orga-Arbeit der letzten Tage lauter Kinderkramboulder hervorgebracht
hat?

Aufatmen
bei den Wettkampfverantwortlichen als sich kurze Zeit später
einige der üblichen Finalanwärter an Wanjas
Fingernagelzerr-Boulder Nr. 6 und Wastls Zerr-Schnapp-Steh-Boulder Nr.
8 abarbeiten. Und überhaupt: 19 Boulder müssen erst mal
gezogen werden, der Leichteste checkt bei 5b ein, die überwiegende
Mehrheit um 6b rum und die Schwereren deutlich darüber. Das
Stimmungsbild ergibt nach der ersten halben Stunde, dass die Boulder in
Ihrer Vielfalt Raffinesse fordern und richtig Spass machen.

Leider hat die Vorrunde auch einen Wermutstropfen aufzuweisen, einer
Teilnehmerin dreht es, in einem rel. niedrigen Boulder, unkontrolliert
den Fuss heraus und sie kommt unglücklich auf dem Rücken auf.
Dennoch stellt sich später heraus, dass sie Glück im
Unglück hatte und die Verletzung voraussichtlich keine wirklich
ernsten Folgen haben wird.

Bereits
nach 1,5 Stunden reicht Christoph Ross, Mitglied des Landesjugendkader
des KVB seinen Laufzettel ein. Da er in Höchstform ist (2. Platz
Red-Chili in Weilheim Ende Januar) und die zwei vorgenannten Boulder
von Wastl und Wanja dennoch nicht flashen kann, ist alles im
grünen Bereich. Der nächste Laufzettel trudelt in der
Auswertung erst nach 2 Vorrundenstunden ein, die ca. 10 männlichen
und weiblichen Favoriten haben erst nach drei Stunden fertig.
Während in der Halle bei DrumnBass geschwitzt, geflucht, gegen
Wände getreten und gejubelt wird, macht sich bei der
Wettkampfleitung und den Schraubern wieder eitel Sonnenschein breit:
der vermeintliche High Ball hat als Motivationsschub seinen Dienst
geleistet – es wird gebouldert was geht und das bis zum Ende der
Vorrunde.

Ins Viertelfinale rücken bei den Damen schliesslich die beiden
Favoritinnen Manuela Heisele (Augsburg) und Jana Münzenberg (Lauf)
neben Rebecca Batis (IG Klettern München) und Sylvia Jerxsen
(München) ein. Bei den Herren stellen sich wie erwartet Sebastian
*Krümel* Hartung (Augsburg), Christoph Ross (Hof), Bruno Vacka
(Aschau/Bernau), Maxi Wörner (Kaufbeuren) und Christoph Zöh
(Illertissen) neben dem Wahlmünchener Arthur Kolb (Hamburg) auf.
Jan Berner (Allgäu-Kempten) verpasst nur knapp den Einzug ins
8tel-Finale

Sowohl
Natalie Sailer (Verletzung) und Lisa Knoche (Ausgleichssport)
können am Wettkampf leider nicht teilnehmen. Dennoch entwickeln
sich die Damenfinalkämpfe sofort zum spannenden Showdown zwischen
der schon wettkampferfahrenen Jana Münzenberg und der
souverän auftretenden Manuela Heisele. Beide hatten im letzten
Jahr bei diversen Wettkämpfen bewiesen, dass jederzeit mit ihnen
zu rechnen ist. Überraschend im Halbfinale der Damen erkämpft
sich die vergleichsweise unbekannte Rebecca Batis verdient den dritten
Platz. Im überhängenden Finalboulder (jeder Zug ein halber
Grad schwerer) liegt Manuela nur ganz knapp vor Jana (Griff gehalten
statt getoucht = ein Minus hinter der Punktzahl), was nicht am
berechtigten Sieg der erst 16 Jährigen kratzt. Fast ebenso knapp,
aber vorne, lag Manuela nämlich sowohl beim Viertel – als auch
beim Halbfinale. Die Zuschauer sind sich einig, dass die weiblichen
Stars Respekt verdienen. Entsprechend brandet der Applaus auf. Viele
der männlichen Vorrundenteilnehmer hätten in den
Finalbouldern der Mädels ernste Schwierigkeiten gehabt. Um dem
Frust keine Chance zu geben, gibt’s im Anschluss eine
Trostpreisauslosung unter denjenigen Anwesenden, die sich die Arme
nicht mehr lang ziehen dürfen. Die rege Beteiligung bestätigt
die Annahme, dass nicht wenige der Teilnehmer auch wegen der Preise zu
Wettkämpfen einlaufen.

Gespannt
warten alle auf die Finalkämpfe der Herren. Das 8tel der Herren
bietet ein ziemlich fieses Schiebe-Dreh-Pressproblem an leicht steiler
Wand. Maxi Wörner und Arthur Korte liegt das gar nicht, sie
fliegen deshalb zum Leidwesen einiger Zuschauer raus. Auch Bruno Vacka
mags nicht, sich auf Pressdruck zu drehen, bleibt aber wegen des
besseren Versuchsergebnisses dabei. Das Herren-Viertelfinale wartet mit
weiten, entschlossen und koordiniert durchzuführenden Zügen
und Sprüngen in steiler Wand auf. Nachdem Bruno in den Stunden
zuvor den DJ – aka Nils Schützenberger – permanent provoziert
hatte, gibt dieser auf „internen Rat“ hin Kontra und wechselte, als
Bruno den Startgriff zieht, unvermittelt von basslastigem
Prodigy-X-Over zu fideler bayerischer Hackbrett- und Harfenmusik und
behauptete über Micro auch noch frech, er erfülle damit einen
ausdrücklichen Wunsch des Delinquenten. Bruno wandelt den
zwangsläufig einsetzenden Wutanfall unter dem Gejohle der
Zuschauer in einen astreinen Flash um. Das begeisterte Schreien der
Zuschauer, das bis in die Iso vordringt, lässt auch Krümel
und Christoph Ross nicht lange fackeln: die beiden flashen, Krümel
dabei absolut spektakulär, fast dreht es ihn, nach dem Dyno zum
Zielgriff in eine überstreckte Ein-Hand-Seitlage einpendelnd, am
Top wieder heraus.

Beim Halbfinale gilt es einen verzwickten, schräg aufsteigenden,
mehrzügigen Fingergripper durchzuzerren, dann dynamisch eine Kante
zu entern und sich zum Schluss auf den Kopf eines Boulderturmes zu
mantlen. Die Wut wirkt immer noch nach. Bruno rennt stechschrittartig
aus der Iso (diesmal zu Klängen von Roni Size), greift an und
zieht die Züge stabil bis zum Mantle durch, der Top gelingt ihm
fast auch noch. Totale Begeisterung beim Publikum. Christoph Ross, voll
unter Strom, folgt wie im Rausch und zaubert einen einwandfreien
Traumflash auf den Turm rauf – die Halle tobt, unbestritten ist der
absolute Höhepunkt des Events erreicht.

Im Finale sind die beiden dann derartig platt, dass nicht mehr viel
geht. Sie legen die Wiederholung des Finales der Münchener
Meisterschaft vom vergangenen Sommer neu auf (damals Bruno gegen Benni
Becker). Beide tropfen, trotz mächtiger Anfeuerung von Seiten des
Publikums, immer wieder am selben Griff ab. Auch ein Superfinale
schafft zumindest für die Zuschauer kein deutlich sichtbar anderes
Ergebnis. Auf Anfrage erklären die beiden ausgepumpten
Endkämpfer, dass es ihnen im Moment völlig egal sei, wer
letztendlich erster oder zweiter werde. Da die Beiden ein
mögliches Supersuperfinale am eingangs erwähnten High Ball 20
absehbar verweigern würden, entscheidet das Schiedsgericht
schliesslich auf Grund von Details aus der Wettkampfregelung „ganz
korrekt“ (Dominik Kiechl) zu Gunsten von Christoph Ross. Bruno Vacka
zeigt sich beim abschliessenden Handschlag mit dem DJ ausgesprochen
versöhnlich.

Kurzum, der Wettkampf war trotz des bedauernswerten Unfalls zu Beginn
ein voller Erfolg. Als vorläufiges Resümee kann behauptet
werden: das noch relativ junge Wettkampfbouldern entwickelt sich weiter
fort und boomt, die Boulder werden anspruchsvoller, Teamdenken und
Ausbouldern gewinnen weiter an Bedeutung.

Bei der Münchener Meisterschaft am 04. Juni wird sich die
südbayerische Wettkampfscene sicherlich wieder ein nettes
Stelldichein geben. Die Weltmeisterschaft im Juli in München darf
jedenfalls kommen, das Feld dafür ist reichlich bestellt, viele
fiebern dem grossen Münchener Ereignis 2005 schon entgegen.

Download:
Ergebnisse (PDF)

Siehe auch:
www.kletterverbandbayern.de
www.kletternmachtspass.de