Gestern
wurden in Scheidegg die Deutschen Meisterschaften ausgetragen und es
war tatsächlich ein sehr spannender Wettkampf. Die Damen und
Herren mussten jeweils in einer After Work und einer On Sight Route
ihre Vielseitigkeit unter Beweis stellen. Bei den Damen war ja schon im
Vorfeld klar, dass die Siegerin diesmal nicht Marietta Uhden
heissen würde, da diese verletzungsbedingt nicht teilnehmen
konnte. So blieb ihr ein „historischer“ 10ter Deutscher Meistertitel
versagt. Stattdessen tippten alle – und so auch die BesucherInnen von
climbing.de – auf einen Dreikampf zwischen Damaris Knorr, Sarah Seeger und Nadine Ruh.  Bei den Herren tippte man auch auf einen Dreikampf – hier vertreten durch den Seriensieger Christian Bindhammer, gefolgt von Timo Preussler und Andreas Bindhammer und es sollte tatsächlich ein spannendes Finale werden.

Schon bei den Work Out Routen konnte man erkennen, dass sich die Routenbauer Christoph Finkel und Maxi Klaus
alle Mühe gegeben hatten, um die unterschiedlichsten Fertigkeiten
– rohe Gewalt und Technik – bei den Kanditaen und Kanditatinnen
abzuklopfen. Am Samstag hatten alle für 25 Minuten Gelegenheit die
durchwegs sehr steilen Routen an der imposanten Wnd von Scheidegg
auszubouldern. Aber Ausbouldern und Umsetzen sind noch immer zwei paar
Stiefel. Auch Markus Hoppe
bekam dies zu spüren und resümierte nach dem Wettkampf im
Gespräch, dass er bei seinem Versuch anders geklettert wäre,
als er die Route ausgebouldert hätte und bekam s.E. dafür
direkt die Quittung.

Bei den Damen konnten Sarah Seeger und Damaris Knorr
als einzige die WorkOut Route durchsteigen, während Nadine Ruh
untypisch früh abfiel. Lag es an der Steilheit der Wand, die ihr
nicht so recht zu gefallen schien? Bei den Herren war es dagegen einzig
Christian Bindhammer gegönnt den Umlenker der WorkOut Route zu klippen. Sein Bruder Andreas scheiterte nur zwei Züge zuvor, während sich Timo Preussler ganz knapp hinter ihm einreihte.

Somit wartete die voll besetzte Halle gebannt auf das alles entscheidende On Sight Route. Die Hallensprecher Erwin Marz und Fabi zeigten
sich als routiniert und engagiert agierendes Team und verstanden es das
Publikum entsprechend zu animieren. Interessant war es übrigens zu
sehen, mit welchen Erwartungen oder eigenen Vorgaben so manche
Kletterer an diese Deutsche Meisterschaft herangingen. Hannes Huch
hatte für jeden Kletterer eine kleine Videopräsentation
vorbereitet, die kurz vor der eigentlichen Aktion auf einer Leinwand
eingespielt wurde. Darin waren auch Zitat der Akteure enthalten. Welche
Schlüsse soll man also als Zuschauer aus foldenenden Aussagen zum
eigenen (gewünschten) Ausgang der Deutschen Meisterschaft ziehen?
Sinngemäß: „Ich will nicht Letzter werden“, „Ich möchte
nicht schlechter sein, als im Vorjahr“, „Mal schauen wie's läuft“,
„Top 5“ oder aber „Es wäre schön Deutscher Meister zu werden,
wenn es die Konkurrenz zuläßt“, „Tief stapeln – hoch
klettern“ und die Krönung: „Erster!“.

So konnte man sich als Zuschauer jedenfalls schon mal ein Bild davon
machen, wie es um das Innenleben der Athleten bestellt zu sein schien.

Zuerst wurde das Damen On Sight abgehalten und das war vor allem auf
den letzten Metern sehr, sehr knackig. Die Steilheit der Wand mit der
abschließenden Boulderstelle ließen bei diesem Starterfeld
– ohne jemanden zu nahe treten zu wollen – nur eine Siegerin zu: Damaris Knorr. Sie war dann auch die Einzige, die die Tour TOP klettern konnte und wurde verdient Deutsche Meisterin 2003 gefolgt von Sarah Seeger und couragiert aufkletternden Julia Winter.

Beim Herren On Sight bekam vor allem Christoph Finkel
ein paar graue Haare. Nach etwas über der Hälfte der Wand
sollte die Route rechts zur Kante gehen und man hatte eigens dafür
einen langen Chalkpfeil gemalt. Allerdings plumpste einer nach dem
anderen an genau dieser Stelle ab. „Du musst Dir das da oben mal
ansehen, was die da halten. Das sind nur abschüssige Trittleisten.
Das kann nicht sein.“ – so konsteriert äußerte sich Christoph Finkel,
der neben mir saß. Als nur noch drei Starter vom Feld übrig
waren und noch keiner diese Stelle hatte überklettern können,
stieg die Spannung schier ins Unermessliche als Timo Preussler
sich an der Route versuchte. Tatsächlich las der diese Passage
richtig und kämpfte sich lauthals vom Saal angefeuert in Richtung
Umlenker vor. Für ihn war nur ein paar Züge vor dem Ende der
Route Schluß und damit war er schon mal auf Platz 3. Andreas Bindhammer,
der vorletzte Starter, manövrierte sich an just dieser Passage in
eine ausweglose Situation, versuchte noch die eingeplante
Rechtsschleife durch einen gewagten Sprung nach oben zu umgehen, doch
fand sich anschließend im Seil wieder. Da war Timo schon
wenigstens auf Rang 2. Als sich dann auch noch Christian Bindhammer
in fast dergleichen Position wie zuvor sein Bruder Andreas befand,
wettete sicherlich der Halbe Saal auf Timo als neuen Deutschen Meister,
doch Christian wäre nicht Christian, wenn er es nicht auch in
einer solchen Lage den Turbo zünden könnte. Irgendwie
befreite er sich aus der misslichen Situation, kam wieder in die Route
und presste sich gnadenlos Richtung Umlenker. Den Topgriff
berührte er noch, folgte dann aber auch der Schwerkraft,
wenngleich er da schon wusste, dass es ihm wieder einmal gelungen war,
Deutscher Meister zu werden. Wirklich verdient.

Die anschließende Sektdusche krönte diesen feinen und
spannungsgeladenen Wettkampf, den das Scheidegg-Team unter Leitung von Uli Theinert
toll in Szene gesetzt hatte. Eine rundum gelungene Verantaltung und ein
klasse Abschluss der nationalen Wettkampfsaison.  Schade nur, dass
die Party am Vorabend des Wettkampfs stattfinden musste…

Ein grosses Lob geht natürlich auch in Richtung DAV und speziell an Dr. Wolfgang
Wabel
,
der ja für die Bouldercupserie, die Deutschlandcupserie und die
Deutschen Meisterschaften als Organisator und Verantwortlicher stets
die Hauptlast zu tragen hat.  Man darf sich schon jetzt auf eine
mindestens ebenso spannende und erfolgreiche Wettkampfsaison 2004
freuen.

Hier geht es zu den Ergebnissen der Damen
Hier geht es zu den Ergebnissen der Herren

Siehe auch:
www.sportalm-scheidegg.de
www.digitalrock.de
www.alpenverein.de
www.salomon-sports.com
www.elvia.de