Höchster
Punkt des „Murallón-Nordpfeilers“ in Sichtweite: Das
Zwei-Mann-Team Jasper und Glowacz, das zur Weltelite des
Expeditionsbergsteigens zählt, hat bei seiner zweiten Reise zum
Murallón (Patagonien/Argentinien) den Gipfel nach neuneinhalb
Wochen harten Kampfes knapp verfehlt. Weitere Monate in der
patagonischen Eiswüste werden im Oktober 2005 folgen, denn Glowacz
und Jasper wollen die fehlenden 200 Meter unbedingt schaffen.

Exkurs: Die Vorgeschichte
„The lost World“ entdeckten Robert Jasper und Stefan Glowacz vor einem
Jahr. Auf diesen Namen tauften sie ihre Erstbegehung am 1000 Meter
hohen Nordpfeiler des Murallón. Für die beiden
Spitzenkletterer war diese Route jedoch nur der erste Schritt in die
Welt am Ende der Welt. Denn die Berge dort, die mächtigen
Wände, die Weiten des patagonischen Inlandeises, sind noch lange
nicht erschlossen. Deshalb brachen Stefan Glowacz und Robert Jasper im
Oktober 2004 noch einmal nach Argentinien auf. Ihr Ziel: den
Murallón mit einer weiteren Erstbegehung, diesmal über die
mächtige Nordwand, zu zieren.

Freilich gibt es bekanntere Expeditionsziele, etwa im Himalaja.
Zunehmend suchen sich  jedoch neue Herausforderungen.
Destinationen und Gipfel, die so entlegen liegen, dass dort kaum jemand
auf die Idee käme, einen Berg zu besteigen. Schuld daran mag auch
die Komplexität eines solchen Unternehmens sein: Der
Murallón etwa liegt auf dem patagonischen Inlandeis, schutzlos
dem Sturm ausgesetzt. Kein noch so kleiner Strauch, der Deckung bieten
könnte. Das Wetter in Patagonien bedingt ein langes, zähes
Ausharren am Berg, um vielleicht irgendwann eine Chance zu bekommen.

Stefan
Glowacz und Rober Jasper, begleitet vom Fotograf Klaus Fengler, mussten
– ohne Träger, Köche oder andere helfende Hände – 200
Kilogramm Trockennahrung an den Wandfuß schleppen. Dazu kamen 40
Liter Benzin für die Kocher, 500 Meter Fixseil, die
Kletterausrüstung sowie drei Zelte. Im Himalaja werden
Expeditionen von Trägern, Hochträgern, Köchen,
Verbindungsoffizieren und Ärzten begleitet. Am Murallón ist
an Hilfe von außen nicht zu denken. Begleitet wurde das kleine
Team auf dem Hinweg vom Bergführer Hans Martin Götz, dem
Journalisten Tobias Hatje und den Kameramann Sebastian Tischler.

Der Weg wird zum Abenteuer
Von El Chaltén, dem letzten Vorposten der Zivilisation,
führte der Anmarsch über den Paso Marconi und das Inlandeis
zum 2831 Meter hohen Murallón. Unter den zwei riesigen,
überhängenden Felswellen des Nordpfeilers richteten die 
zunächst ein bescheidenes Basislager ein. Im blanken Eis war es
nicht möglich, eine Schneehöhle zu graben. Später sollte
dies dazu führen, dass der Sturm die Zelte zerriss. In der ersten
Nacht unter der Wand wurden Jasper, Glowacz und Fengler in ihren Zelten
vom Schnee sprichwörtlich begraben. Glowacz: „Wir konnten uns
über einen zwei Meter langen Gang aus den Zelten ausgraben. Fortan
weckten wir uns regelmäßig, um das Zelt rechtzeitig vom
Schnee zu befreien.“

Nur einmal im Leben
Zwei Tage später konnten Glowacz und Jasper in die Wand
einsteigen. Sie hatten Glück: Bei anhaltend gutem Wetter konnten
sie sich sechs Tage lang die Wand hinauf arbeiten. Bei Einbruch der
Dunkelheit seilten sie täglich ab, um am folgenden Morgen mit
Steigklemmen bis zum zuletzt erreichten Punkt empor zu jümarn.
Gesichert wurde die Route überwiegend mit Klemmkeilen, an den
Standplätzen wurden Normalhaken geschlagen. Auf Bohrhaken hatten
die beiden Kletterer von Anfang an verzichtet.

Am ersten Klettertag schafften Glowacz und Jasper 200 Meter, ein guter
Start. Am fünften Tag erreichten sie die Headwall. Am sechsten Tag
arbeiteten sie sich bis 200 Meter unter den Gipfel vor. Zwei
anspruchsvolle Seillängen, die frei geklettert wurden, und zwei
technisch gekletterte Seillängen gelangen dem Team an diesem Tag.
Dann verließ sie das Wetterglück. Der gefürchtete
patagonische Sturm begann. Schon am nächsten Tag zerfetzte der
Orkan Jaspers Zelt. Auch das zweite musste sich bald dem Wind ergeben.

Das
Expeditionsteam wechselte den Standort, suchte Zuflucht in einem
Seitental. Da auch dort kein Schutz vor den Unwettern zu finden war,
zogen sich Jasper, Glowacz und Fengler schließlich weit
zurück zu einer Blechhütte, dem Refugio Pascal. Hier konnten
die nassen Schlafsäcke, Jacken und Hosen getrocknet werden.

Rom wurde auch nicht an einem Tag gebaut
Kostbare Zeit verstrich mit Warten auf besseres Wetter. Verzweifelt und
hoffnungsvoll zugleich versuchten Jasper und Glowacz, kurz vor ihrer
Abreise doch noch den Gipfel zu erreichen. Doch sie fanden ihre
Fixseile völlig zerfetzt vor, Eis- und Felsbrocken flogen
waagerecht durch die Luft. Glowacz und Jasper blieb nur noch der
Rückzug – und ein Gewaltmarsch zurück in die Zivilisation.
Die projektierte Route am Murallón hat bereits einen Namen
erhalten: „Vom Winde verweht“. Bisher zählt sie 21
Seillängen, davon wurden 17 frei und vier technisch geklettert.
Der Vorschlag für die Schwierigkeit war bis 7c, die technischen
A2, wobei diese ebenfalls wohl frei möglich sind.

Im Oktober 2005 werden Glowacz und Jasper wieder nach Patagonien, zum
Murallón, zurückkehren. Zu einer Route, die sie als „Linie
ihres Lebens“ bezeichnen.

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[Neue Textversion am 08.02.05