Juliane Wurm (GER) und Jernej Kruder (SLO) sind die adidas ROCKSTARS 2013

Es ist 22:44 Uhr. Jernej Kruder springt auf den Superboulder löst den Buzzer mit seiner Stirn aus. Danach bricht es aus ihm heraus. Er schreit und ballt die Fäuste. Zum ersten Mal ist es dem slowenischen Wettkampfkletterer gelungen, einen internationalen Wettbewerb zu gewinnen und die besten der Welt hinter sich zu lassen. Worldcupfinale hat er schon viele erreicht, auch schon mehrmals vierte Plätze belegt. Doch er hat noch nie gewonnen. Bis auf heute. Und das vor dieser Kulisse.

Fotostrecke: adidas Rockstars 2013 in Stuttgart

Fotos: © C.Waldegger, E.Holzknecht

2.500 Zuschauer in der Porsche-Arena, die vor ihm sitzen wie eine Wand und ihn begeistert feiern. Über mehrere Stunden haben sie Jernej und die anderen Finalisten gepusht. Mit rhythmischem Klatschen zur Unterstützung, mit jubelndem Applaus, wenn ein Boulder getoppt wurde. Gemeinsam mit der Stuttgarter Punkrockband Badasstics, dem amtierenden Beatbox-Europameister Robeat und den beiden Extreme Sports DJs Chainsaw und Sungod haben sie auf den steilen Rängen dazu beigetragen, dass die zwölf Athleten aus acht Nationen im Finale über sich hinausgewachsen sind und Kräfte mobilisiert haben, wo eigentlich keine mehr waren.
    
Dafür wurde ihnen eine spektakuläre Bouldershow serviert. Angerichtet von einem fünfköpfigen internationalen Routenbauerteam, das schon seit Montag die insgesamt 40 Boulderprobleme für die einzelnen Runden ausgetüftelt, probiert und geschraubt hat. Nach und nach müssen die rund 70 Athleten in der Qualifikation und im Halbfinale auf zwölf Finalisten – 6 Damen und 6 Herren – heruntergebrochen werden. Dies gelingt den Routensetzern mit sehr selektiven "Problemen". Dabei wird den Athleten alles abverlangt. Die spektakulären, kraftvollen, dynamischen und zum Teil mühelos aussehenden Züge in der überhängenden Vertikalen lassen das fachkundige Publikum immer wieder in neue Begeisterungsstürme ausbrechen.

Als die zwölf Finalisten um 20:00 Uhr ins Rampenlicht treten, sehen sie die vollen Tribünen nur schemenhaft, aber sie können ihr Publikum hören. Beflügelt von der Kulisse kämpfen Alex Puccio (USA), Akiyo Noguchi (JPN), Petra Klingler (SUI), Mina Markovic (SLO), Shauna Coxsey (GBR) und Juliane Wurm (GER) um den Einzug ins Superfinale. Bei den Herren versucht der Gewinner des letzten Jahres, Sean McColl (CAN), seinen Titel gegen die neuen Anwärter Jernej Kruder (SLO), Rustam Gelmanov (RUS), Gabriele Moroni (ITA), Jorg Verhoeven (NED) und Dmitrii Sharafutdinov (RUS) zu verteidigen.

Obwohl die zweifache Lead Gesamtweltcupsiegerin Mina Markovic zu ihrer eigenen Überraschung den ersten Boulder genauso souverän flasht, wie alle Boulder zuvor im Semifinale, benötigt sie am zweiten Boulder ganze 14 Versuche bis zum Top. Damit ist sie ausgeschieden. Auch Krafpaket Alex Puccio, die bereits zweimal im adidas ROCKSTARS Superfinale stand und letztes Jahr das Duell gegen Akiyo Noguchi gewann, hat Probleme. Allerdings nicht an Boulder 2. Diesen schafft sie im zweiten Versuch. Das erste Problem der Finalrunde kann sie, trotz massiver Unterstützung des Stuttgarter Publikums und vieler Versuche, nicht lösen."Der Druck, unter dem man steht, wenn man als letzte rauskommt, ist eine Kopfsache. Am ersten Boulder war ich leider nicht gut. Wenn dir so viele Leute live zuschauen, gibt dir das eine Menge Energie, aber es kann auch frustrierend sein, wenn die eigene Leistung nicht so gut ist“, so Puccio. Auch die Schweizerin Petra Klinger muss sich nach der ersten Finalrunde verabschieden, ist aber überglücklich das Finale überhaupt erreicht zu haben. "Ich wäre natürlich gerne eine Runde weitergekommen, aber ich bin sehr zufrieden, wie der Wettkampf gelaufen ist. Im Moment strahle ich über das ganze Gesicht, weil so viele Leute gekommen sind, um uns klettern zu sehen. Es ist unglaublich!"

Bei den Herren ist der erste Boulder ein glatter Durchmarsch. Fünf Flashes. Nur Jorg Verhoevens Top im zweiten Versuch wird als ungültig gewertet, weil er die schwarze Tape-Markierung berührt hat. Allerdings darf der 28-jährige Niederländer es weiterversuchen und bekommt für die Unterbrechung eine Zeitgutschrift. Und auch er kann den ersten Boulder schließlich im dritten Versuch toppen. Jetzt muss die zweite Route die erste Entscheidung bringen.Doch ganz gleich, wie sich die sechs an diesem Boulder auch drehen und wenden, sie können die Schlüsselstelle einfach nicht knacken. Um die Top 3 für die nächste Runde zu bestimmen, müssen nun die Semifinalergebnisse hinzugezogen werden und  aufgrund ihrer etwas schlechteren Platzierung scheiden Gabriele Moroni, der dreifache Boulderweltmeister und Gesamtweltcupsieger Dmitrii Sharafutdinov sowie der zweifache Lead Gesamtweltcupsieger Jorg Verhoeven aus.Gabriele Moroni, der seine beste Wettkampfsaison 2009 hatte, ist trotzdem nicht enttäuscht: "Dies ist ein großartiger Wettkampf in einer tollen Location und ich bin gut geklettert. Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet ins Finale zu kommen und bin sehr froh, es geschafft zu haben. Bei dieser grandiosen Zuschauerkulisse kommt man sich auf der Bühne ganz klein vor. So viele Leute, die dich anfeuern. Da ist man ganz schön unter Druck aber es auch sehr motivierend."

Boulder 3 entscheidet nun über den Einzug ins Superfinale. Shauna Coxsey ist die einzige, die ihn nach drei Versuchen toppen kann, Jule Wurm schafft zumindest den Bonus und hat damit noch eine Chance auf den Sieg. Vorjahreszweite Akiyo Noguchi ist zwar enttäuscht, kann sich aber über einen tollen Trostpreis freuen. Gemeinsam mit ihrem Freund Sachi Amma hat sie die erstmals ausgelobte Paar-Wertung gewonnen, darf die Nacht in der größten Hotelsuite verbringen und sich das Frühstück ans Bett servieren lassen. Mit je einem Flash von Sean McColl, Jernej Kruder und Rustam Gelmanov kommt  es an Boulder 3 erneut zu Gleichstand bei den Männern. Somit muss ein Tiebreak her. Während der 15-minütigen Performance von Beatboxer Robeat, der die Arena mit seiner Mundakrobatik rockt, zaubern die Routenbauer einen vierten Boulder an die Wand. Jetzt hat jeder Athlet nur einen Versuch im Wechsel, wie beim Elfmeter-Schießen. Toppen kann diesen Boulder keiner der drei, und obwohl Sean das Publikum mit seiner grandiosen Körperbeherrschung beeindruckt, reicht es am Ende nicht, denn Rustam und Jernej haben jeweils die Bonuszone erreicht.

Somit heißt es im Superfinale der Damen Deutschland vs. Großbritannien – Juliane Wurm gegen Shauna Coxsey, eine komische Situation für die beiden Freundinnen, die viel miteinander trainieren. Beide Paarungen müssen zeitgleich eine identische Route am selben Boulder klettern, nur durch einen Sichtschutz voneinander getrennt. In den letzten beiden Jahren konnten die Siegerinnen den Superboulder in wenigen Sekunden flashen. Diesmal ist es spannender. Weder Juliane noch Shauna gelingt ein Top. Also dürfen sich die beiden noch einmal ausruhen, während die Männer in den finalen Zweikampf starten. Russland vs. Slowenien – Rustam Gelmanov gegen Jernej Kruder. Im entscheidenden Moment hat der Slowene die besseren Kraftreserven und in der Schlüsselstelle die Nase vorn. "Nach dem schwersten Zug habe ich nach links geschaut und konnte Rustam nicht sehen. Das war ein unbeschreibliches Gefühl!" Und Jernej, der noch nie ganz oben auf dem Podium gestanden hat, lässt sich in vier Metern Höhe auf dem Superboulder feiern.

Ein letztes Mal an diesem Abend heißt es Spannung aufbauen. Die Routenbauer haben den Superboulder für die Damen modifiziert. Die Badasstics klatschen das Publikum ein. Noch einmal erklingt der adidas ROCKSTARS Song „No Borders'. Shauna oder Jule – wer wird der weibliche adidas ROCKSTAR 2013? Shauna liegt zunächst vorne, doch bei den letzten beiden Zügen holt Juliane auf und drückt als erste den Buzzer. Das Publikum tobt."Ich freue mich riesig für Jule", so Shauna. "Es gibt niemanden, dem ich den Sieg mehr gönnen würde. Wir verbringen viel Zeit zusammen. Die Atmosphäre heute Abend war wirklich unglaublich, nahezu elektrisierend. Ohne das Publikum hätte ich den dritten Boulder nicht geschafft." Auch Juliane Wurm bestätigt "Die Unterstützung der Zuschauer hat so gut getan. Sie haben uns durch den ganzen Wettkampf getragen. Ich habe nicht erwartet zu gewinnen, ich wollte nur mein bestes geben, aber jetzt bin ich sehr, sehr glücklich über den Sieg."