„Bergsteigen in Patagonien ist wie im Kühlschrank sitzen und Geldscheine verbrennen“ (Reinhard Karl): Trotzdem zieht es Kletterer immer wieder zu den die Granit-Zipfeln am Ende der Welt. Die beiden HANWAG Teammitglieder Max Bolland und Moritz Attenberger wollten es ebenfalls wissen. Und erreichten Mitte Ende November über die ‚Mutter aller Verschneidungen’, die Supercanaleta, den Gipfel des Fitz Roy. Hier der ausführliche Bericht von Max Bolland.

AB„El Chalten, wie der Fitz Roy von den Ureinwohnern Patagoniens getauft wurde, bedeutet „der rauchende Berg“. Und wenn der Fitz Roy der „rauchende Berg“ ist, dann ist die Supercanaleta seine Luftröhre, durch die er mit mächtigem Atem den Rauch in den Himmel bläst. Über eben diese Supercanaleta auf der Westseite des Berges wollten wir, Moritz Attenberger und ich, den 3440 m hohen Berg besteigen.

Bergsteigen in Patagonien stellt einen Bergsteiger vor zwei große Probleme: Erstens das Wetter. Durch die geografische Lage der patagonische Andenkette ergibt sich eine höchst instabile Wetterlage, bei der man oft Regen, Schnee und Sonnenschein in munterem Wechsel an einem einzigen Tag erleben kann. Berühmt und gefürchtet ist vor allem der extreme Westwind mit einer Stärke, die das Gehen unmöglich macht, Zelte zerfetzt und für Bergsteiger in der Wand schnell lebensgefährlich wird. Zweitens: In Patagonien gibt es keine leichten Anstiege. An Bergen wie den Fitz Roy und den Cerro Torre sind auch die so genannten Normalwege anspruchsvolle Kletteranstiege, die mindestens den sechsten Grad erfordern. Durch das extreme Klima sind die Verhältnisse in den Klettertouren meist erschwert: Der Fels ist häufig vereist und schneebedeckt. Somit gehören die Berge Patagoniens zu den schwersten Bergen der Welt.

Statt mit Bergsteigen verbringt man in Patagonien daher viel Zeit mit Warten. Warten auf den richtigen Tag für einen Besteigungsversuch. Das kennen wir schon von unserer Expedition vor drei Jahren und haben uns auf zahlreiche Tage trübsinniger Warterei eingestellt. Unsere Erwartung erfüllt sich – leider! Die Tage vergehen mit geschäftigem Nichtstun: Wettervorhersage im Internet checken, Einkäufe tätigen, im Zelt rumhängen, im Café rumhängen, in der Pizzeria rumhängen, bei befreundeten Kletterkollegen rumhängen, in der Bar rumhängen – zuviel Rumhängen! So lange, bis die Lungen schmerzen von den vielen Zigaretten, das Kreuz vom Rumliegen und das Herz von allem, was einem auch bis ans andere Ende der Welt folgt.

So vergehen drei Wochen. In einer Woche fliegen wir zurück. Morgen gehen wir zum Einstieg der Supercanaleta, wo noch unser Material deponiert ist. Wenn es das Wetter zulässt, starten wir noch einen Versuch. Wenn nicht, dann war´s das wohl: sieben Wochen (verteilt auf zwei Jahre) Warten für nichts! Am nächsten Morgen schaut das Wetter nicht eben vielversprechend aus und wir zögern unseren Aufbruch hinaus, da trudeln unsere argentinischen Kletterkollegen Manu und Volka mit der frohen Botschaft im Basecamp ein, morgen und übermorgen seien zwei perfekte Tage vorhergesagt. Es geht also los! Zum wievielten Mal stapfen wir die 1200 Höhenmeter zum Passo Quadrado hoch, rutschen auf der anderen Seite in gewohnter Sausfahrt auf dem Hintern 300 Meter ab, um dann über beeindruckende Gletscherspalten Richtung Einstieg zu schleichen. Der Wind treibt Wolkenfetzen um die imposanten Granitzacken und lässt wieder einmal unsere Hoffnung auf akzeptable Bedingungen schwinden. Doch je später die Stunde, umso ruhiger wird es im weiten Rund von Fitz Roy, Torre Gruppe und zahllosen anderen wilden Berggestalten. Später legt sich der Wind. Wir packen unsere Rucksäcke, stopfen uns mit Nahrung und Flüssigkeit voll, um der morgigen Anstrengung gewappnet zu sein. Voll gruselnder Begeisterung blicken wir auf den tiefen Einschnitt zwischen himmelschreienden Granitwänden, der uns den Aufstieg ermöglichen soll.

Nach zwei Stunden „Nicht-Schlaf“, gibt uns der Wecker den Startschuss. Da die ersten 1000 Höhenmeter leichte Eiskletterei bis 80° steil darstellen, gehen wir sie in der Nacht unangeseilt, um beim ersten Tageslicht am Beginn der eigentlichen Kletterei zu sein. Unser Zeitplan geht auf: schon nach drei Stunden erreichen wir im ersten Dämmerlicht das Ende des Eisschlauchs, in unserem Rücken treffen die ersten Sonnenstrahlen auf das gigantische Patagonische Inlandeis, eine der größten zusammenhängenden Eisflächen der Erde. Dann beginnt die Kletterei im Fels, der jedoch immer wieder mit Eis und Schnee durchsetzt ist. So lohnt es sich nicht, die Steigeisen abzulegen. Auf kleinen Felsleisten steht man auch mit den beiden vorderen Zacken der Steigeisen ganz ordentlich, während man auf glatten Felsplatten gegenüber Berg- oder gar Kletterschuhen klar im Nachteil ist.

Obwohl die Route schon vor fast 40 Jahren erstbegangen wurde und auch ab und zu wiederholt wird, befinden sich fast keine Sicherungshaken in der Wand. Mit Klemmkeilen und Cams sichern wir uns. Nicht immer findet sich eine Möglichkeit für eine Zwischensicherung dort, wo man sie gerne hätte. Jede Seillänge bleibt relativ spannend, Stürzen ist nicht erlaubt! Sicher und dennoch schnell zu klettern ist das Erfolgsrezept für lange und ernste Anstiege – in Patagonien noch mehr als in den Alpen.

Nach 15 Stunden pausenlosen Kletterns sind wir oben. Wir stehen auf dem Gipfel des Fitz Roy! Grenzenlos erstreckt sich das patagonische Inlandeis nach Westen und die flache Pampa dehnt sich im Osten aus. Geheimnisvoll leuchten kleine Lagunen zwischen Gletschern und der dürren Steppe auf. Euphorie kommt trotz aller Schönheit nicht auf: Wir sind einfach zu müde. Wir sind lediglich froh, nicht weiter aufsteigen zu müssen. Außerdem ist uns klar: „Der Berg gehört dir erst, wenn du wieder unten bist!“ Und der Abstieg ist lang: 1400 Meter abseilen! Als es dunkel wird, sind wir immer noch weit, weit oben. Es wird immer schwieriger, die Konzentration für die nötigen Handgriffe aufzubringen und keinen Fehler zu machen: Eine Schlampigkeit und du bist weg! Wir funktionieren nur noch auf dem Überlebensprogramm – und schaffen es: Nach exakt 24 Stunden erreichen Moritz und ich die sichere Geborgenheit unseres Zeltes, ausgezehrt, hungrig, durstig und vor allem müde. Ich koche noch zwei Pötte Tee. Noch während des Kochens falle ich in einen komaähnlichen Schlaf, aus dem ich erst sechs Stunden später erwache, die brennende Stirnlampe immer noch auf dem Kopf!

Für einen Laien ist es wahrscheinlich schwer zu begreifen, was die Faszination solcher Aktionen ausmacht: Ist es die Befriedigung nach jeder geglückten Seillänge? Der Blick, der über eine unglaubliche Landschaft schweift, die man anders nie erleben könnte? Das Ende der Anstrengungen? Oft wissen wir selber keine Antwort! Der Augenblick der Rückkehr gehört sicher zu den schönsten einer Klettertour, der Augenblick, in dem du weißt, dass nichts mehr passieren kann, das erste Grün, ein gurgelnder Bach, der deinen Durst löscht … Für einen kurzen Augenblick werde ich ganz ruhig, zufrieden, wunschlos. Eine intensive Form des Glücks!“

Siehe auch:
www.moritzattenberger.com