„Jeder richtige Bergsteiger kann das nachvollziehen!
Jemand der nur in der Halle am Plastik klettert, kann das nicht verstehen.“  

Mit diesen Worten beendete Reinhold Messner seine Replik auf die
Fragen, die ich ihm gestellt hatte.  Gelächter im Raum – klar – ein
nettes Klischee, das sich anbot. Nur weil ich gerade blond gefärbte
Haare habe und vielleicht etwas jünger aussah, als der Rest der
anwesenden Journalisten, wurde ich als „unerfahrener Hallefuzzi“
abgestempelt. Ich musste auch lachen, wenngleich aus einem ganz anderen
Grund, hatte ich doch einen netten Aufhänger für meinen Bericht.

Aber –
fangen wir mal von vorne an:


Manfred Sturm
Hinten: Ingo Buchelt, Thomas Urban vom DAV

Michael Pause
Bergauf-Bergab
Heute früh startete pünktlich um 11:00 Uhr in den Räumlichkeiten des
Piper-Verlags in München eine Pressekonferenz mit Reinhold Messner, in
der er über die Knochenfunde am Nanga Parbat, deren Untersuchung und
der sich für ihn daraus ergebenden Konsequenzen mit geladenenen
Journalisten reden wollte.  Da darf natürlich Climbing.de nicht fehlen…

Die Pressekonferenz dauerte
satte 2,5 Stunden und wartete mit teils deftigen Diskussionen auf.
Presse und Prominenz war zahlreich vertreten, so dass es nicht nur
aufgrund der teils hitzigen Diskussionen allen Beteiligten recht warm
wurde – wie praktisch bei dem zu dieser Zeit herrschenden Schneetreiben
vor der Türe.

Die Ankunft von Reinhold Messner hatte etwas von einem Popstar. „Er ist
schon im Haus“ wisperte eine Angestellte des Piper-Verlags und einige
Journalisten hasteten ihm – bewaffnet mit Kameras – durch den Korridor
des Verlags entgegen. Die ersten Fotos im Gang, das erste Posing vor
der Kamera mit seinem Buch „Die weisse Einsamkeit“. Der Rest der
Journalisten wartete geduldig im Raum, bis Reinhold diesen
schließlich betrat. Dann war Schluss mit lustig – schnell noch
den Kaffee runtergekippt und los ging die Pressekonferenz.

Nach kurzen, einleitenden Worten eines leitenden Verlagsmitglieds
hieß uns Reinhold Willkommen und erklärte recht lange, was
denn der Knochenfund – seiner Meinung nach – für Auswirkungen
hätte. Ohne mich in Details verlieren zu wollen, lautete Messners
Botschaft stark zusamengefasst: „Der Knochenfund beweist, dass
Günther tatsächlich mit Reinhold über die Diamirflanke
abgestiegen ist und demzufolge ist seine Darstellung der damaligen
Umstände komplett richtig und diejenigen, die etwas anderes
behauptet haben bzw. noch immer behaupten, wurden nun der Unwahrheit
überführt.“

Bei seinen Ausführungen in Bezug auf die Medien, die Verlage, den
Deutschen Alpenverein oder in Bezug  auf Herrligkoffer, von
Kienlin und Saler spart Messner nicht mit starken Worten.  Es gab
eine Rufmordkampagne gegen ihn,  Herrligkoffer habe sich
„unmenschlich“ verhalten, von Kienlin sei ein Fälscher, Saler
hinterfotzig – entweder Täter oder Opfer, es gab „Verbrechen von
den Kolpoteuren“  usw. usw.

Messner meinte weiterhin, dass nun jeder die Gelegenheit zu einer
Richtigstellung hätte, denn es gäbe schließlich keinen
vernünftigen Grund mehr, an seiner Schilderung zu zweifeln.
„Kienlin, Bauer, Saler und Winkler müssen nun die Karten auf den
Tisch legen. Mir reicht da ein 'Sorry'!“. Der angerichtete Schaden sei
aber dennoch nicht mehr gutzumachen. Die Medien hätten sich, wie
auch der Deutsche Alpenverein durch die Buchvorstellung von Saler und Kienlin auf der
Praterinsel mitschuldig bei dieser Rufmordkampagne gemacht. „Ich
möchte von dieser Geschichte endlich Ruhe haben.“

Nicht nur Messner möchte seine Ruhe haben – auch der anwesende
Manfred Sturm von der Herrligkoffer-Stiftung wünscht dies.
Eindringlich appellierte dieser an die anwesenden Pressevertreter, das
„alles nun ein Ende“ haben solle und auch Messner betont: „Ich sehe
keine Notwendigkeit zu diesem Thema noch eine Pressekonferenz zu geben“.



Reinhold Messner



Hanspeter Eisendle

Auf meine Anmerkung, dass Kritiker nun sicherlich schreiben würden, dass die
Knochenfunde möglicherweise den Abstieg Günthers über die Diamirflanke belegten,
aber das „warum“ noch immer gepaart mit den eidesstattlichen
Versicherungen, Messner habe mehrfach und detailliert von einer
möglichen Überschreitung gesprochen, im Raume stünde, wird der Tonfall
wieder alles andere als versönlich.

Eine Überschreitung ohne Ausrüstung wäre Wahnsinn gewesen und er habe
schließlich seine Kameraden gebeten, die Merkl-Rinne mit Seilen für
seinen Abstieg zu versichern und auf ihn zu warten. Schon allein daraus
ergebe sich, dass er den Nanga Parbat zu keinem Zeitpunkt überschreiten
wollte.

Als ich dann nachfragte, was denn nun einfacher gewesen wäre: Seinen
höhenkranken Bruder über eine vollkommen unbekannte Route die
Diamirflanke herunterzuführen im sicheren Wissen, dass dort keinerlei
Lager und keinerlei Hilfe zu erwarten gewesen wäre oder Günther bis
(von oben betrachtet) zum Ende der Merkl-Rinne über die bekannte
Aufstiegsroute zu führen, wenn denn dort seine Kameraden auf seinen
Wunsch hin Seile fixierten und Hilfe in greifbarer Nähe ist.  Da ging
es auch mit Messner ein wenig durch – wahrscheinlich hat er diese Frage
schon etwas zu oft gestellt bekommen. Günther und er hätten sehr viele
Möglichkeiten durchdacht und wären zu dem Schluss gekommen, dass ein
Abstieg über die Merkl-Rinne schlichtweg unmöglich gewesen wäre. Auch
wenn ihn nur 5 Meter von den Helfern getrennt hätte, hätte das
auch nicht gereicht und erinnerte in diesem Zusammenhang an den
tragischen Fall von Toni Kurz in der Eiger-Nordwand. Zudem hätte ihm
Günther gesagt, dass die Merkl-Rinne eben nicht mit Seilen versichert
ist.

Auf meine Entgegnung, dass zwar Günther aus Wut über den Seilverhau
alleine loszog, aber deswegen davon auszugehen, dass keine Seile
fixiert würden, wäre doch etwas übertrieben, meinte Messner: Zum
Anbringen von Fixseilen benötigt man zwei Personen, es war aber nur
eine da – deswegen bin ich davon ausgegangen, dass die Rinne nicht
versichert ist.

Er musste seinem Bruder helfen, sah als einzigen gangbaren Weg den
Abstieg über die Diamirflanke, den er Jahre später in nur 6 Stunden
hinter sich brachte und schlug diesen Weg ein. Lieber dort Stück für
Stück runter, als dem sicheren Tod beim Versuch über die Merkl -Rinne
abzusteigen ins Auge zu blicken.

Und eben zu krönenden Abschluss

„Jeder richtige Bergsteiger kann das nachvollziehen.  Jemand der nur in
der Halle am Plastik klettert, kann das alles nicht verstehen“

😉

Auf die Nachfrage eines anderen Journalisten, wie es denn mit dem
Rufkontakt war, gibt Messner diesen zu, doch er hatte sich
ausgerechnet, dass die aufsteigende Seilschaft eh erst viel zu spät zu
Günther und ihm gekommen wäre und wollte deren Leben nicht auch noch
in Gefahr bringen. Daher habe er diesen eben nichts vom Zustand seines
Bruders signalisiert.

Soweit also dazu. Noch kurz zum eigentlichen Knochenfund:

Der Südtiroler Bergführer Hanspeter Eisendle fand den Knochen zufällig
bei Dreharbeiten auf dem Gletscher am Nanga Parbat unterhalb der
Diamirflanke. Er steckte halb im Geröll und war so verwittert, dass er
diesen zunächst nur für einen Ast hielt. Als er ihn herausgezogen
hatte, habe er ihn als einen Knochen erkannt. Ein Bruder von Reinhold
Messner war Arzt und auch vor Ort. Dieser hielt ihn für zu gross, als
dass er zu Günther gehören könne. Daher mass man diesem Fund nicht eine
solch große Bedeutung zu und vermutete eher, dass er einem vermissten
Pakistaner zuzuordnen wäre. Das war ihm Jahr 2000.

Schließlich landete der Knochen beim gerichtsmedizinischen Institut in
Innsbruck und wurde dort untersucht. Messner gab in seinen eigenen
Worten als „Laie“ – wie er selber meinte – dazu bekannt, dass er
behaupten dürfe, dieses Knochenstück gehöre sicher zu seinem Bruder –
die Mediziner dürften dies so nicht behaupten. Es folgten
Zahlenspielchen, die keiner so recht durchschauen konnte. So beträgt
z.B. die Wahrscheinlichkeit, dass die gefundene DNA-Kette bei einem
Menschen vorkommt 1:557.000 Welche Aussagekraft hat dies? Eine ganz
andere Zahl besagt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Knochen
von Günther ist, 60mal höher ist, als dass der Knochen von einem
anderen Menschen stammte. Zudem wurde die Größe des Menschen auf
165-175cm festgelegt – Messners Bruder war wohl 170cm gross.

Bleibt trotzdem die Frage:

Was beweist dieser Fund ausser, dass Günther auf der Diamirseite des
Nanga Parbat ums Leben gekommen ist und nicht – wie wohl Herrligkoffer
mutmasste – in der Nähe der Merkl-Rinne? Natürlich – wenn dieser Part
stimmt, warum sollte dann nicht auch der Rest der Geschichte von
Reinhold Messner stimmen, aber ich denke, dass noch immer einige Fragen
zu klären sind.

Ich wurde im Anschluss an die Pressekonferenz kurz von Antenne Bayern
gebeten, als Teilnehmer die Frage zu beantworten, ob ich glaubte,
dass Reinhold Messner mit dieser Pressekonferenz sein Ziel erreicht
habe, dass nun endlich Ruhe ist. Mein Kommentar und meine Meinung
„Sicherlich nicht!“.

Und wenn schon einer, der nur am Plastik in der Halle klettert diese
ganzen Umstände nicht verstehen kann – wie bitte schön sollen das
Journalisten verstehen, die mit dem Bergsport überhaupt nichts zu tun
haben?

In diesem Sinne – ich denke, dass diese Angelegenheit die alpinen
Blätter – und nicht nur diese – noch eine ganze Weile beschäftigen
wird…

Martin Joisten
Dank an Thorsten W. für die Digicam!

Siehe auch:
www.reinhold-messner.de
www.piper.de
www.a1-verlag.de
Presseerklärung des A1 Verlags zu Messners
präsentiertem Knochenfund

Knochen von
Messners Bruder am Nanga Parbat gefunden?

Buchvorstellung: „Zwischen Licht und Schatten“ von Hans
Saler

Kleiner Verlag lässt sich von Reinhold
Messner nicht stoppen