Die Meldung ist zwar alles andere als frisch, aber einen Nachtrag allemal wert…

Erste Rotpunkt-Begehung der schwersten Eiger-Route an einem Tag

12.08.03
Sonnenuntergang am Genfer Pfeiler der Eiger Nordwand. Erschöpft
aber glücklich stehen INES PAPERT und HANS LOCHNER nach 14 Stunden
Kletterei am Ausstieg der Route „Symphonie de Liberté“. Die
amtierende Weltmeisterin und Worldcup-Siegerin im Eisklettern und ihr
Lebenspartner haben die erste freie Rotpunktbegehung an einem Tag der
derzeit schwersten Route am Eiger geschafft. Hinter ihnen liegen 27
Seillängen mit Schwierigkeiten bis 8a am 900 Meter hohen Genfer
Pfeiler in der berühmtesten aller Nordwände der Alpen. Die
„Symphonie de Liberté“ ist eine Kombination der Routen „Le Chant
du Cygne“ und „Spit Verdonesque“ mit drei neuen Seillängen von
Robert Jasper. Die sympathische 28-jährige Ines Papert aus
Berchtesgaden zeigt damit, dass sie nicht nur im Eis die derzeit
leistungsstärkste Alpinistin ist, sondern auch im Fels bei
extremen alpinen Routen „ihren Mann steht“.

Hans Lochner berichtet vom „Der Tag der Wahrheit“
Auslöser für dieses Unternehmen war der Schweizer Ueli Steck:
„Mensch, die Spit Verdonesque oder besser die Symphonie, die müsst
ihr machen. Das ist eine gute Linie und an einem Tag hat sie noch keine
Begehung. Ihr könnt sie schaffen…“ Seine Worte liegen uns noch
in den Ohren, als wir am Einstieg der Route stehen – mit langen
Gesichtern. Denn es ist erst 6.30 Uhr und gerade beginnt die Letzte von
drei Seilschaften mit der anfänglich brüchigen Kletterei.
„Welche Route wollt ihr gehen?“ fragen wir schüchtern. „Le Chant
du Cigne. Aber wir hoffen, wir sind schnell“, kommt die freundliche
Antwort des jungen Franzosen. Dann springt er wie ein Eichhörnchen
die Einstiegsplatten hinauf. Bis zur 12. Seillänge haben wir
richtig Mühe, mit den Bergführeraspiranten mitzuhalten.
Unsere Befürchtung, daß uns die Jungs aufhalten,
erübrigt sich somit.

Danach
trennen sich die Routen. Unsere, die Symphonie de Liberté,
führt über einige neue separate Seillängen zu einem
Felsband, wo sie in die Spit Verdonesque übergeht. 7b ist die
erste schwere, für uns unbekannte Länge in diesem
Verbindungsteil. Also ran an den Speck, denkt sich die Maus – und sitzt
bereits am dritten Bohrhaken in der Falle. Zu weit rechts geklettert
und den nächsten Bohrhaken übersehen. weshalb ich langsam und
vorsichtig zurück klettere um einen 10m Pendelsturz zu vermeiden.
Am Haken dann ruhig durchatmen und die Camalots rauf seilen, da die
Löcher über mir deren Halt versprechen. Fest wie ein Wurm im
Apfel sitzen die Klemmgeräte und geben mir Sicherheit für den
Vorstieg. Danach ziehen wir das Seil ab und klettern die Seillänge
Rotpunkt. So konnte die Maus dennoch mit dem Speck entwischen.

Um 13.30 Uhr sind wir auf dem Band, dort wo mit Spit Verdonesque die
eigentlichen Schwierigkeiten beginnen. Euphorisch schauen wir den
letzten 10 Seillängen entgegen, die mit je einer 7c, 7b, 8a und 7a
noch jede Menge Prüfungen bereit hält. Vor einigen Tagen
konnte ich diese Route rotpunkt begehen und auch Ines war bereits die
schwierigsten Längen durchgeklettert. Nach der 7c fühlten wir
uns ausgepresst wie eine Zitrone und Zweifel trüben unsere
Zuversicht wie Gewitterwolken den Himmel.

Der Showdown kommt mit der Schlüssellänge 8a. Ines beginnt
mit dem Duell, denn sie ist mit dem Vorstieg dran. Bisher sind wir dank
der Emanzipation alles im Wechsel vorgestiegen. Vorsichtig und Kraft
sparend nähert sie sich der Schlüsselstelle. Nur keine Power
unnötige verschwenden… Sie clippt das Seil in die Schlinge vor
der Schlüsselstelle. Die linke Hand hält den Seitgriff wie
eine Schraubzwinge. Der Fuß steht auf dem Reibungstritt und die
Fingerspitzen ertasten das kleine Nichts für die rechte Hand.
Jetzt nur noch den rechten Fuß auf die Leiste stellen
und…  Mit einem lauten Schrei, der den braunen Inhalt von
Babywindeln beschreibt geht`s ab in die Tiefe und eben nicht an die
Leiste der Erlösung.

„So
Hansi, jetzt bist Du dran, viel Glück,…“ höre ich Ines zu
meiner Aufmunterung sagen. Aber nicht leichtfüßig und
elegant sondern verkrampft und unentschlossen kletternd, ereilt mich
das gleiche Schicksal wie sie. „Einfach rein und alles rauslassen,“
muntere ich Ines auf und reiche ihr die Trinkflasche für einen
letzten Schluck Wasser. „Umsonst wird man nicht Weltmeister,“ denke ich
mir als sie wieder in der Schlüsselstelle steht. Ja, sie
lässt es wirklich raus! Ohne mit der Wimper zu zucken zieht sie
über die kleinen Griffe.
Kurze Zeit später steht Ines wieder neben mir, um mich bei meinem
Vorstiegsversuch zu sichern. „Hansi, Vollgas geben,“ ist die
Zauberformel, die sie mir mitgibt. Auch ich erreiche daraufhin den
Stand der Glückseeligkeit.

Der obere Teil der Route verläuft erstaunlich gut, so dass wir um
20.30 Uhr den Sonnenuntergang am Ausstieg genießen. Zufrieden und
erschöpft richtet sich unser Blick auf den Fuß des Pfeilers
und auf die 27 Seillängen, die hinter uns liegen. Uns ist damit
die erste Rotpunktbegehung der Route Symphonie de Liberté an
einem Tag gelungen. An unserem Tag der Wahrheit…

Siehe auch:
www.ines-papert.de
www.rainer-eder.com
www.blackdiamond.ch