Neue Boulder in der Schweiz von Pirmin Bertle

In einer guten Woche und vier Klettertagen gelangen Pirmin Bertzle am perfekten Block der neuesten Boulderentdeckung vor den Toren Fribourgs vier Erstbegehungen im 8. Grad. Einige davon hatte er im vergangenen Sommer beinahe bis zum Umkippen projektiert.

Neue Boulder in der Schweiz von Pirmin Bertle Es ist Ende Februar, wir sitzen im Auto und durchfahren gerade irgendeinen Teil Frankreichs, das Thermometer gibt fleißig Grad um Grad ab und meine Lippen und Stimmbänder umkreisen bereits seit geraumer Zeit ein fünf mal sechs Meter großes Stück Fels keine 15km vor unserer Haustür in der Schweiz. Meine Freundin wiege ich damit langsam in den Schlaf und Jules hinten im Babysitz ist eh schon längst weggeknackt. Man muss wissen: Wir kommen gerade von drei Wochen Spanien zurück. Zwar war das Wetter nicht das Beste gewesen und vor lauter Besuchen, besucht werden und Familienurlaub bin ich praktisch nicht zu Anreißen gekommen. Was uns aber laut Wetterbericht und Schilderungen Daheimgebliebener erwartet, sind fast zweistellige Minusgrade und jede Menge Schnee. Verglichen mit Kalksandsteinbouldern in El Cogul und der ohnehin heiligen Kletterei in Siurana auf jeden Fall nichts, was die Gedanken zum Felsbeackern zwänge.

Aber gechillt habe ich erst mal genug, mein Körper gibt endlich Signale sich vom Projektieren im Lindental, das bis vor drei Wochen fünf Monate auf dem Programm stand, vollständig erholt zu haben und ich habe Lust auf richtig infernalen Grip. Denn der ist in El Cogul in den viel bekletterten Linien leider schon weitgehend Geschichte. Am Cousimbert, von dem ich nun schon seit geraumer Zeit rede und an dem noch gar nichts beklettert wurde, ist er dagegen selbst letzten Sommer ziemlich beeindruckend gewesen. Wie ich aber noch lernen werde, ist infernal nicht gleich infernal…

Der Cousimbert ist eigentlich die erste nicht mehr als Hügel zu bezeichnende Erhebung im Fribourger Oberland, er ist nicht einmal 10km entfernt und ansonsten vollkommen unspektakulär. Bewaldete Hänge, viel Schatten, weit und breit kein Fels in Sicht. Würde man auf den ersten Blick meinen. Hat man aber z.B. an der Uni zufällig ein Fernglas dabei, kann man eine kleine schrofige Wand irgendwo dort im Grün ausmachen. Sie sieht aus, als bräche sie, würde man sie auch nur leicht berühren, sofort in sich zusammen. Zwar sind kleinere Passagen Fels zu erkennen, dazwischen lauern aber stets Bänder aus bösestem Mergel. Kurzum: In sechs Jahren bin ich nicht mal auf den Gedanken gekommen, diesen Ort zu besuchen.

Dass ich nun aber bei minus sieben Grad nur einen Tag nach der Rückkehr aus Spanien meine Schneeschuhe anschnalle und mich top motiviert in 80cm Powder werfe, habe ich vor allem Adrian Stämpfli zu verdanken. Der hatte mir letztes Frühjahr beiläufig erzählt, er hätte an diesem Haufen Wald da einen recht großen Block mit viel Überhang gefunden. Sei aber ziemlich nass gewesen und auch nichts Größeres außen rum. Die Lunte brennt trotzdem. Vom Vater meiner Freundin erfahre ich, dass nur unweit der besagten Stelle vor 10 Jahren ein hausgroßer Block abgestürzt sei. Hausgroße, überhängende Sandsteinblöcke, direkt vor der Haustür!? Kann doch kaum sein, immerhin durchforsten hier so einige Boulderer alles nach Bekletterbarem und haben schon für deutlich weniger als das, was mir gerade vorschwebt, ihre Bürsten ausgepackt.

Praktisch am nächsten Tag brechen Adrian und ich ins unbefleckte Grün des nordseitig gelegenen, ziemlich biomassereichen Waldes ein. Der hausgroße Block ist schnell gefunden. Man könnte wirklich darin leben, es wäre aber eher ein einstöckiger Flachbau maurischer Prägung. Der Fels ist genial, aber mehr als vier Meter geht es selten nach oben und 10 Jahre reichen nicht, um die 1001 Blöcke im Absprunggelände mit Botanik aufzufüllen. Allerdings auch nicht, um den Wald nachwachsen zu lassen. Der Blick gibt direkt auf die Stadt, das Ambiente wäre perfekt, Platz für 40 Linien ist auch leicht, allein auf die Arbeit die Sache sicher zu machen, haben wir keinen Bock.

Wir durchziehen weiter den Wald, finden weitere ganz nette Blöcke, aber entweder der Hang ist steil oder der Fels stark bemoost, aus den Latschen kippen wir auf jeden Fall nicht. Schön war der Spaziergang trotzdem und nur unbrauchbaren Fels auf Expeditionen wie diesen zu finden, gehört schließlich eher zum Normalfall, als das Gegenteil. Wir haben gerade abgedreht, Adrian ist ein paar Meter vor mir in einer Versenkung verschwunden, da gellt ein Schrei durch den Wald. Adrian von einem wilden Tier gefressen? In ein Loch ohne Boden gefallen? In eine Bärenfalle getreten?

Nicht ganz: Innerhalb der nächsten fünf Minuten entdecken wir – gut von Moosen und Bäumen getarnt – Potenzial für ca. 70 eigenständige Linien. Sandstein mit bester, grober Körnung, bombenfest, schöner geformt, als es Granit jemals sein könnte. Drei Blöcke, von deren Ausstieg man sich jeden Knochen des Körpers brechen kann, Linien, die einen anspringen, wie geile Böcke. Und vor allem: Mein Block.

Mein Block liegt jetzt, im absolut stillen, tief verschneiten, von Frost gezeichneten Wald noch immer so da, wie ich ihn damals auffand. Zwei Seiten und das Dach von Erdreich bedeckt, das so überhängt, dass sich ein natürlicher Regenschutz ergibt, die eine Seite ca. sieben Meter hoch, geneigt, strukturiert mit feinen Rissen, brauchbares Absprunggelände – genau das richtige für die Freundin ;), nur ein bisschen hoch. Die andere Seite: Gute fünf Meter, moderat überhängend, überall kleinste Griffe, leicht ansteigender, blockfreier Boden. Fünf Linien starten nach oben, drei Traversen, unter dem Wurzeldach vier perfekte Abschlusshenkel. Als wir ihn entdeckten, war die Schneeschmelze gerade vorüber, im Wald stand das Wasser, mein Block aber war trocken wie ein Furz.

Jetzt, bei minus sieben Grad, ist er noch viel trockener, denn der wahre Feind der Feuchtigkeit heißt Frost. Die Territorien sind inzwischen abgesteckt. Letzten Sommer habe ich bereits ausgiebig probiert. Punkten konnte ich bisher nur einen 6C ganz rechts, der Rest erschien mir zum Teil astronomisch schwer. Vor allem in die absoluten Kingline im linken Teil hatte ich vermutlich schon 15 Tage investiert. Allein den Stehstart hielt ich für die Grenze meines Leistungsvermögens.

Zwar ist es hier im Sommer auf 1150m im waldigen Nordhang vergleichsweise kühl und der Sandstein – wie gesagt – ultrarau, was mir jetzt aber widerfährt, hatte ich trotzdem nicht erwartet: Noch bevor die akute Schneeschmelze zumindest einen Teil des Blocks benetzt, gelingen mir an vier Klettertagen fast alle meine Projekte. Roots in the basement, ebenfalls bereits einige Tage im Sommer zuvor bearbeitet, fällt im 3. Versuch und checkt wohl so bei 8A/8A+ ein, Präkariat (7C+/8A) geht am nächsten Tag, der vermeintlich unendlich schwere Stehstart von Underclass poem beugt sich nach insgesamt zwei Tagen und ist demnach auch nicht schwerer als 8B (eher 8A+/8B) und zuletzt fällt auch noch Walden (8A).

Alle vier Probleme fordern vor allem ausreichend Kraft auf kleinen Leisten, weite Züge und Sprünge gehören aber auch immer wieder dazu. Eine Abneigung gegen kleinste Tritte sollte man zudem nicht hegen, denn die laufen einem hier des Öfteren über den Weg. So ist in Underclass poem z.B. eine Trittkombination auf Minidellen der schwerste Einzelzug. Richtig schwer für die Füße wird es aber vor allem im Sitzstart, indem seit dem Teilausbruch einer messerscharfen Scherbe der wohl schwerste Trittwechsel meines Lebens wartet.

Womit wir auch gleich bei der Frage wären: Gibt es an diesen neuen, schönen Blöcken denn überhaupt noch logische, noch schwerere Linien? Denn vier Tage Bouldern sind eine schöne Sache, aber in einem so nahen und trockenen Spot würde sich der studierende, arbeitende und hausmännisch aktive Kletterpapa natürlich gerne etwas länger vergnügen können. Zum Glück kann in diesem Punkt Entwarnung gegeben werden.Zunächst ist da der Sitzstart zu Underclass poem, das mit seinen gut 15 straight up Zügen auf über sechs Meter Höhe , seinen genialen Moves auf perfektem, orange-blauen Sandstein eine der besten Linien ist, die ich kenne und 8A+ mit knapp 8B verbindet. Am selben Block warten zudem Roots in the basement ext. eine geniale 8B+ Traverse mit über 25 Zügen, Walden SD – eine noch unklar-rätselhafte Sequenz, die in besagtem 8A mündet – und eine weitere Traverse, deren Züge bisher nur in rudimentären Ansätzen gehen.

Vor allem aber haben nicht nur der sieben Meter hohe Nachbarblock noch zwei bis drei Bugboulder ab 8A+ in petto, es lauert vielmehr noch das Monster des Cousimbert in den Büschen. Dieses Dreieck mit einer Spitze mehr als sieben Meter über dem nicht ganz ebenen Boden birgt neben jeder Menge Gefahren für die Sprunggelenke wohl einige ziemlich astronomische Herausforderungen, deren Erkundungsgrad aber noch in weißen Landkarten-Kinderschuhen steckt. Zuletzt verstecken sich dann noch auf einigen der kleineren Sandsteinbrocken ein paar harte Moves.

Das Quadrupel der letzten Woche war also nur der Auftakt zu einem hoffentlich reichlich verblockten Frühjahr, an dessen Ende wir gerne auch einen 8B+ oder mehr in unserer waldigen Mitte begrüßen würden.