Mit
der Jugend-Weltmeisterschaft in Peking stand 2005 ein absolutes
Highlight auf dem Terminkalender des DAV Jugendnationalkaders und so
war es auch nicht verwunderlich, dass schon viele der hochmotivierten
Kadermitglieder bei den EYCs zu Beginn des Jahres ihr Ticket nach
Peking lösten. Insgesamt hatten sich 9 Jungs und Mädels vom
Team Germany für die Weltmeisterschaft qualifiziert.

Am
letzten Wochenende war es nun endlich soweit: Nachdem sich das gesamte
Team nebst kleiner Fanschar und den Trainern Gunter Gäbel und
Matthias Keller in Paris getroffen hatte, hieß es, sich mit den
sich ebenfalls in der Maschine befindlichen Teams aus Slowenien und
Spanien für fast 10 Stunden Flug in die Sitze zu zwängen.
Dafür war dann zumindest die Klimaanlage im Flugzeug auf
schätzungsweise 15 Grad gedreht, so dass die Thrombose wegen stark
unterkühlter Beine gar nicht erst entstehen konnte… Die
Hälfte des Teams sah man mit Turban- und Umhang-ähnlichen
Konstruktionen, die aus der Bord-Decke gefertigt wurden, um der
Unterkühlung zu entgehen. Nach dem Klima-Schock in Peking bei 30
Grad und ordentlich Luftfeuchtigkeit konnten wir beim Transfer zum
Hotel schon eine chinesische Besonderheit kennen lernen: Es gibt keine
Verkehrsregeln – wer am längsten hupt, hat Vorfahrt. Die
nächsten Tage fragten wir uns immer wieder, wie der
Straßenverkehr überhaupt halbwegs und ohne
größere Anzahl von Opfern funktionieren kann. Der Rest
unseres ersten Tages wurde dann zum Erkunden der Wettkampfwand und der
Umgebung des Hotels genutzt, das sich direkt auf dem Gelände des
chinesischen olympischen Komitees befand und umgeben war von den
nationalen Kaderschmieden.

Der heiß ersehnte Ausflug zur
chinesischen Mauer am nächsten Tag musste wegen organisatorischer
Probleme abgesagt werden, so dass wir uns zu Fuß an die Erkundung
der Stadt machten. Dabei stellten wir fest, dass wir als Europäer
für die Chinesen anscheinend begehrte Fotoobjekte waren –
ständig wurden wir gebeten, mit Chinesen für Fotos zu
posieren und bekamen halbnackte Babies auf den Arm gesetzt.
Außerdem spürten wir am eigenen Leib, dass Peking seeehr
groß ist – unser Fußmarsch, der auf der Karte so klein
ausgesehen hatte, schlauchte uns doch ganz erheblich. Aber wir wurden
durch die exotischen und vielfältigen Eindrücke in der Stadt
mehr als entschädigt – Unser Trip führte uns durch diverse
Parks über den Platz des himmlischen Friedens in die verbotene
Stadt und schließlich auf Pekings größte
Shoppingmeile. Der Besuch eines chinesischen Restaurants, bei dem wir
zu elft Essen für ca. 35 Personen aufgetischt bekamen,
bestätigte tatsächlich die Geschichten von der chinesischen
Küche: Unter „Special Dishes“ stand neben „Schildkröte“
tatsächlich auch „Hund“…  

Am
darauf folgenden Tag begann schließlich die Weltmeisterschaft mit
einer Eröffnungszeremonie, bei der eindrucksvoll traditionelle und
moderne Elemente chinesischen Tanzes und Musik gemischt wurden. Die
Wettkampfwand befand sich in einem Park mitten in Peking – 18 Meter
hoch und bis zu 10 Meter überhängend. Die 376 teilnehmenden
Kletterer aus 37 Nationen waren sichtlich beeindruckt von den
Dimensionen der Wand. Die  Qualifikationsrouten am ersten Tag
hatten es wahrhaft in sich – schwere Einzelstellen am laufenden Band
und die ab 12 Uhr in die Wand scheinende Sonne machten den Startern das
Kletterleben schwer. Viele Favoriten machten lange Gesichter, nachdem
schon nach der Hälfte der Route die Schwerkraft ihren Tribut
verlangte. Auch einige der deutschen Starter mussten unerwartet
früh die Reise nach unten antreten. Besonders stark aus deutscher
Sicht waren Ines Dull und Juliane Wurm in der Jugend B, sowie Julia
Winter bei den Juniorinnen, die sich jeweils unter den ersten 6
platzieren konnten. Am ersten Qualifikationstag gab es in allen
Altersklassen zusammen lediglich 5 Topbegehungen – die Routen waren
schlichtweg unschön geschraubt; kaum ein Kletterer kam in den
Kletterfluss und meist sah man wildes Schnappen in den sich aneinander
reihenden Einzelstellen. Dieses Manko sollte sich dann bis zu den
Finalrouten durchziehen – das Routenbauerteam bewies hier leider kein
gutes Händchen.

Ebenfalls
gewöhnungsbedürftig war die musikalische Beschallung am
ersten Tag, hatte der DJ doch nur zwei CDs zur Auswahl – entweder
Rammstein oder chinesische Schlager im Stile der volkstümlichen
Hitparade – ein wahrliches Kontrastprogramm. Dies änderte sich
gottseidank ab dem zweiten Tag, nachdem wahrscheinlich mehrere
Kletterer um Gnade flehend ihre eigenen CDs beim DJ abgaben… Eher
humoristisch war hingegen die englischsprechende Moderatorin des
englisch/ chinesischen Moderatorinnen-Duos, die mit Sätzen wie
„She very competitive competitor“ oder „Austria climber good today – or
maybe always“ immer wieder für Heiterkeit sorgte. Am zweiten
Qualifikationstag ging es nun um die Wurst, beziehungsweise um den
Einzug ins Halbfinale. Auch an diesem Tag gab es nur wenige
Topbegehungen der Routen und viele vermeintliche Favoriten verpassten
enttäuscht den Einzug ins Halbfinale. Aus deutscher Sicht
kletterten Ines Dull, Juliane Wurm, Julia Winter, Lisa Knoche und Felix
Neumärker souverän unter die besten 26. Eindrucksvoll holten
sich auch noch Thomas „Shorty“ Tauporn und Maxi Wörner nach
Patzern in der ersten Route das Ticket für das Halbfinale. Denkbar
knapp wurde es für Stefan Danker (27.) und Jonas Baumann (29.),
die beide mit einem Griff weiter im Halbfinale gewesen wären.

Der
Halfinaltag wartete schon am Morgen mit großer Hitze auf die
Teilnehmer – bei deutlich über dreißig Grad waren die
wenigen Schattenplätze im Isolationsbereich schnell belegt. An
diesem Tag lagen für das deutsche Team dann Freud und Leid dicht
beieinander: Julia Winter verpasste als 9. denkbar knapp das Finale,
Lisa Knoche spürte noch einen fiebrigen Infekt vom Anreisetag und
wurde 11., Ines Dull, die nach der Qualifikation noch auf Platz 5 lag,
wurde schon früh eine Boulderstelle zum Verhängnis und Maxi
Wörner fiel ebenfalls nach einem Positionsfehler unerwartet
früh aus der Route. Dafür holten drei andere deutsche Starter
die Eisen aus dem Feuer: Thomas „Shorty“ Tauporn kletterte wie
entfesselt und sicherte sich mit einer beeindruckenden Leistung, die
vom chinesischen Publikum mit Beifallsstürmen honoriert wurde, den
Finaleinzug. Damit hatte er sich vom 40. Rang nach einem Clipfehler in
der ersten Route noch ins Finale nach vorne gekämpft. Auch Felix
Neumärker konnte sich bis zu einem entscheidenden Knieklemmer
vorarbeiten und sich den Finaleinzug sichern, ebenso wie Juliane Wurm.

Bei
der Speed-Qualifikation am Abend starteten Jonas Baumann, Stefan Danker
und Lisa Knoche; hier konnte sich Lisa Knoche für das Speed-Finale
am nächsten Tag qualifizieren. Nach einem langen Tag ging es
schließlich zu „unserem“ Chinesen zum Abendessen – mittlerweile
hatten wir es raus, wie man mit Stäbchen isst, bevor das gesamte
Essen eiskalt ist…

Der Finaltag wartete mit den
heißesten Temperaturen und der höchsten Luftfeuchtigkeit auf
die Teilnehmer – schon vom Nichtstun war man schweißgebadet.
Dafür waren die Routen zumindest nicht ganz so
Einzelstellen-lastig wie in den Runden zuvor und es kam bei den
Kletterern so etwas wie Bewegungsfluss auf. Als erste deutsche
Starterin durfte Juliane Wurm an die Wand – noch relativ frisch
kletterte sie falsch in eine Kreuzzug-Kombination, die sie zwar noch
korrigieren konnte, aber dabei sehr viel Kraft verlor und dann
unglücklich einen Zug vor dem Schüttelgriff abtropfte.
Trotzdem blieben die meisten der Finalistinnen hinter ihr – am Ende ein
fantastischer 3. Platz für Juliane. Wäre sie richtig in die
Griffkombination geklettert, wäre auf jeden Fall noch wesentlich
mehr drin gewesen – man darf bei ihr auf die kommende Saison gespannt
sein…

Der
zweite deutsche Starter, Thomas „Shorty“ Tauporn, der sich beim
Kaderlehrgang zuletzt noch in absoluter Topform präsentierte,
hatte wirklich Pech: Bereits im unteren Teil der Wand rutschte ihm der
Schuh von einem Reibungstritt und er wurde somit „nur“ 8. Trotz aller
Enttäuschung darf man auch bei ihm auf die kommende Saison
gespannt sein –  die Leistungskurve zeigt steil nach oben.
Spannend wurde es schließlich beim letzten deutschen Finalisten,
Felix Neumärker, in der Jugend A: sehr sicher überkletterte
Felix die Tophöhe der vor ihm gestarteten Finalisten und lag somit
auf Rang eins. Auch die nach ihm startenden Kletterer kamen nicht an
Felix` Höhe heran, so dass schließlich nur noch der Favorit
Magnus Midboe Felix um den Weltmeistertitel bringen konnte. Dieser
allerdings ließ nach einem Fußabrutscher, der den
Zuschauern eine Schrecksekunde bescherte, nichts anbrennen und
kletterte souverän top. Damit war Felix Vizeweltmeister in der
Jugend A und das deutsche Team hatte zwei Kletterer auf dem Podium –
ein super Ergebnis! Beim abschließenden Speed-Finale schied Lisa
Knoche zwar leider bereits in der ersten Runde aus, dies tat aber der
guten Stimmung keinen Abbruch und so gab es bei der Siegerehrung viel
Jubel aus den Reihen des deutschen Teams.

Alles in allem war
die Jugend-WM trotz kleinerer organisatorischer Schwächen eine
tolle Veranstaltung in einem exotischen Rahmen und die Leistungen der
deutschen Teilnehmer bestätigten die positiven Entwicklungen der
bisherigen Saison. So darf man auf die noch ausstehenden EYCs gespannt
sein und die Trainer zeigen sich zuversichtlich, dass das
Leistungsniveau bis zur Weltmeisterschaft im nächsten Jahr noch
weiter gefestigt und angehoben werden kann.

See you bei der Jugend-WM 2006 in Imst!

Danke
auch an den Teamsponsor Salewa, der neben Materialsponsoring durch die
Unterstützung bei Trainingsmaßnahmen eine gute
WM-Vorbereitung ermöglichte.

Die Platzierungen des deutschen Teams:

Jugend B weiblich:

  • Juliane Wurm (Dortmund): 3. Platz
  • Ines Dull (Kempten): 23. Platz

Jugend B männlich:

  • Thomas Tauporn (Schwäbisch Gmünd): 8. Platz

Jugend A weiblich:

  • Lisa Knoche (Freising): 11. Platz

Jugend A männlich:

  • Felix Neumärker (SBB): 2. Platz
  • Maximilian Wöner (Kaufbeuren): 25. Platz
  • Stefan Danker (Landshut): 27. Platz

Juniorinnen:

  • Julia Winter (SBB): 9. Platz

Junioren:

  • Jonas Baumann (Dortmund): 29. Platz