Pirmin Bertle gelingt Erstbegehung von "Le lézard communiste" (8c/8c+)

Pirmin Bertle berichtet:

Sich in meinen Fingern destillierender Schmerz durchfließt mich. Ich halte noch zwei Züge durch, aber dann zieht mich mein Schweinehund doch erfolgreich zu Boden, respektive ins Seil. Ich befinde mich in der neu eingebohrten Linie Le lézard communiste im Jansegg und versuche mehr als fünf Züge des unteren 8a+ Abschnittes zusammenzuhängen. Ohne wirklichen Erfolg.

Fotostrecke: Pirmin Bertle in Le lezard communiste (8c/8c+)

Entweder mir versagt meine Ausdauer (nach einem Sommer mit höchstens zwei Mal die Woche eine Stunde Bouldern), oder meine Finger (die Löcher überhaupt nicht mehr gewohnt sind) lassen vor Schmerzen einfach von selbst los. Es ist der dritte Tag in der Route. Und sie kommt mir unglaublich schwer vor.

Es ist aber auch schon spät in der Janseggsaison und noch regiert hier oben zwischen Murmeltieren und Gämsen zwar der Spätsommer mit ruhiger Hand das Geschehen, aber auf 1800 Meter kann das schnell vorbei sein. Deshalb bin ich am Ende dieses dritten Tages auch schwer versucht, das ganze Unterfangen auf den nächsten Sommer zu verschieben. Aber noch ist das Wetter gut gemeldet. Also warum nicht die Schlingen noch hängen lassen.

Le lézard communiste klaut sich den Ausstieg von Le roi lézard (8c+). Das ursprünglich vorgesehene Ende fiel mal wieder unter die Kategorie: Da waren die Augen größer als die Arme lang. Aus einem schön gedachten Strecker ("so ca. 7B-Boulder") wurde eine kleinstgriffige 8B-Stelle, die von zwei guten Löchern umrahmt wird. Insgesamt also wohl eher schwerer. Der wirklich geniale Ausstieg von Le roi lézard bot sich da in nur zu verlockender Weise als Ausweg an. Das Resultat ist eine Kombination aus athletischen Zügen zwischen guten Löchern im ersten Teil gefolgt von kleineren Griffen und technisch anspruchsvollen Moves zur Umlenkung hin. Gut 20 Meter hoch und acht Meter ausladend. Alles auf dem genialen Schild im zentralen Teil des Jansegg.

Diese 15 Meter hohe und 40 breite, leicht überhängende Platte entstand Legenden zufolge als Gott am fünften Tage sein neu gekauftes Skalpell ausprobierte. Er durchschnitt dabei zum Glück auch einige Blasen im Gestein. Deshalb haben wir heute was zum festhalten.

Ich fühlte mich am vierten Tag dann immer noch so weit vom Durchstieg entfernt, dass mir das Herbstwetter garantiert einen Strich durch die Rechnung machen würde. Entweder indem es mir die Finger abfror. Oder zumindest indem es mir die Suche nach Kletterpartnern verunmöglichte. Und auch mit Freundin und halbjährigem Sohn ("Die zwei, die zur Not immer zu überreden sind") kann man auch schlecht im Neuschnee am Einstieg spielen.

Den gab es tags darauf in den Bergen tatsächlich und dass sich am folgenden Wochenende sogar gleich neun andere Kletterer zusammen mit mir am Einstieg einfanden, verstehe ich auch beim Schreiben dieser Zeilen noch nicht. Denn nur die Hälfte hatte Daunenjacken dabei und auch ich fror in meinem halben Kilo Gänsehaar schon ordentlich. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich krank war. Beim Aufstieg hatte ich während der ganzen 40 Minuten den Atem der anderen – die sich netterweise meinem Tempo anglichen – im Genick gespürt und oben angekommen brauchte ich erstmal genauso lange, um wieder an Klettern denken zu können.

Nichtsdestotrotz lief es im ersten Versuch gar nicht schlecht. Der phänomenale Grip kompensierte meine schwache Puste, nach einigen Audauereinheiten beim Traversenbouldern im Lindental konnte ich plötzlich wieder mehrere Züge hintereinander machen. Und zu guter Letzt hatten sich auch die normalen zwei Millimeter Hornhaut wieder auf meinen Fingern angesiedelt. Dank meiner zwei Kletterpartner, die für ihre beiden Routen zwei sehr kalte Stunden brauchten, startete ich leicht steif, aber auf jeden Fall voll regeneriert zum zweiten Versuch des Tages. Und fand mich umgehend in den letzten schweren Zügen wieder. Und dann sogar an dem letzten. Und auch wenn ich meine Finger nicht mehr spürte, stieß ich ihnen irgendwie den Lochrand des letzten kleinen Griffes ins Fleisch und rasselte tatsächlich begleitet von einem lauten Schrei in den Henkel, der das Ende der Schwierigkeiten markiert.

Der Sauerstoff war weitgehend aus meinem Gehirn in meine Arme entwichen und so brauchte ich erstmal ein bisschen Schütteln, um die letzten acht Meter 7a+ zu planen. Irgendwie hatte ich meinen Körper allerdings so an seine Grenze gebracht, dass er jetzt seinen Mageninhalt abwerfen wollte. Ein reichlich ungünstiger Zeitpunkt, standen doch Leute unter mir. Ich überzeugte ihn schließlich vom Gegenteil und kämpfte mich bis zur Kette durch. Den Rest des Tages fühlte ich mich erstaunlicherweise ziemlich fit. Erst tags darauf war ich wieder angeschlagen. In Versuchung noch weiter anzureißen kam ich aber ohnehin nicht, denn nach den nächsten zwei Versuchen meiner Kletterpartner wurde es dunkel…

Und die Moral von der Geschicht'? Es gibt zwei: Klettern, wenn's einen so richtig friert, ist eh viel geiler! Und: Wenn man körperlich noch nicht wieder so ganz fit ist, sollte man sich hüten alle mentalen Register zu ziehen. Denn so schön es ist, einen ausgeprägten Rotpunkt-Killerinstinkt zu haben, so wenig möchte man ja am Ruhepunkt nach der Crux in Ohnmacht fallen. Dann wird es nämlich höchstens noch Rotkreuz (Kein Scheiß, diesen Stil gibt es wirklich!).

Apropos politische Machtverhältnisse im Tierreich: Nachdem ich zuerst noch damit geliebäugelt hatte, die kommunistische Eidechse ("lézard") mit seinem König ("roi") in Sachen Schwierigkeit gleichzustellen, erschien es mir dann doch klüger, sie ein bisschen weniger hart zu bewerten. Zwar wäre die Route in 90% aller Klettergebiete dieser Erde eine gestandene 8c+, aber ich brauchte dieses Jahr im Jansegg nicht umsonst drei Versuche, um meine Standard-Aufwärm-7b+ auch mal durchzusteigen zu können.