„Breath is the horse – Mind is the rider“
(asiatische Weisheit)

ZeitZeitWenn man 300 Meter vor der Einfahrt ins wellness – und casinogestylte Lech am Arlberg einem Plakat begegnet, das verkündet: „Das Erlebnis beginnt“, so empfindet man bereits jenen angenehmen Kitzel der Erwartung des Kommenden, denkt aber noch nicht weiter darüber nach. Kauft man dann am nächsten Morgen beim örtlichen „Erlebnisbäcker“ seine Brötchen, nimmt erstaunt wahr, dass die Apotheke gegenüber ein „Gesundheitserlebnis“ feilbietet und fällt beim Erkunden des „Erlebnisbades mit Massage“ fast in die Hände der ortsansässigen Solariumssekte, so beginnt man sich zu wundern.

„Huber – Aktivreisen“ lädt mit: „Der Erlebnissingle – Solo als Lebensstil“ zu einsamen Touren im Montblancgebiet ein und zelebriert den Aufbruch ins Ungewisse für jede Alterstufe. Die Inszenierung von Erlebnis und Abenteuer jetzt als konstituierendes Werbeprinzip? Es scheint sich prächtig zu verkaufen – das Erlebnis für die Westentasche.

Unser Ziel ist der kleine Parkplatz oben am Ende der Mautstrasse, nahe dem Formarinsee. Wir müssen nur noch den Verheißungen der schnöden Erlebnismärkte entfliehen, denn seit Glowacz wissen wir ja: „Alles Warmduscher“.

Zeit„Zeit zum Atmen“ hatte Pio Jutz seine im Jahre 2001 erstbegangene Mehrseillängenroute im Vorarlberger Lechquellengebirge genannt. Die Route im Zentralteil der Roten Wand zählt zu jener Art alpiner Sportklettereien, die sich durch ihre angenehm leichte Zugänglichkeit, ihre herrlich sonnenverwöhnte Ausrichtung und ihre kompromisslos grasfreien Seillängen auszeichnen. Zur weiteren Freude findet man in jenen sieben vorzüglich eingerichteten Seillängen keine einzige brüchige Passage.

ZeitEin echtes „Gesundheitserlebnis“ also? Nun, im Grunde schon. Ein wenig Haut lässt man zwischen den Haken und um die eine oder andere spektakuläre Flugperformance kommt man auch nicht wirklich herum. Aber das Erlebnis „Grifflein suchen in der Sonne“ allein, lässt das Herz schon höher schlagen.

Schön gewählt, natürlich auch der Name. Ganz im Gegensatz zum fränkischen „Kaum Zeit zum Atmen“ erfährt man im alpinen Gelände ja eher „Die Entdeckung der Langsamkeit“. Wenn man beim Nachsichern und Standplatzbaumeln dem Spiel der Wolken und dem Kreisen der Geier zuschaut, so erinnert einen meist erst der Blick auf die Uhr daran, dass man in der nächsten Länge gefälligst nicht noch einmal kurz vorm Stand rausfallen sollte.

Das schöne am alpinen Rotpunktklettern ist ja gerade die Tatsache, dass einem bei ausreichendem Drang zur Wiederholung bestimmter Seillängen, irgendwann einfach das Licht ausgeknipst wird. Wir hatten Glück. Die Sonne brachte ausreichend Geduld mit und verschwand erst hinter den fernen Bergen als wir unser Erlebnis schon tief in der Westentasche verstaut hatten.

Für all jene, denen jetzt vor lauter Prosa der exakte Informationsgewinn irgendwie abging, hier noch mal das Ganze im Telegrammstil:

Location: Rote Wand, Lechquellengebirge
Route: „Zeit zum Atmen“
Erstbegeher: Pio Jutz, 2001
1.RP: Jörg Andreas, 13.09.2006, zusammen mit Armin Buchroithner
Wandhöhe: ca. 250 m, 7 Seillängen
Bewertungsvorschlag: 7c, 8a, 8a+, 7c+, 7c, 8b, 8b (siehe auch Topo)
Absicherung: Bolts (reichlich)
Material: 12 Schlingen
Erlebnis: „Solo“ nur in ausweglosen Lebenslagen

Kleine Galerie mit 13 Bildern