Die Titel 2011 gehen an zwei Novizen in Sachen Meisterehren: Julia Winter holte erstmals überhaupt den Damentitel im Sportklettern nach Sachsen. Irokesenmann Sebastian Halenke schaffte das Kunststück gleich in seinem ersten Jahr bei den Herren und machte sich damit zum jüngsten Deutschen Meister aller Zeiten.

Sebastian Halenke und Julia Winter holen sich die Deutschen Meistertitel 2011

Nachdem die beiden amtierenden Meister Markus Hoppe (SBB) aus beruflichen Gründen und Juliane Wurm (Wuppertal) wegen ihrer Konzentration auf den Boulder-Weltcup ihren Titel nicht verteidigen konnten, war bereits vor der DM klar gewesen, dass sich 2011 zwei neue Namen die Meisterehren würden sichern können.

Fotostrecke: Deutsche Meisterschaft 2011

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Fotos: © Marco Kost

Hartes Halbfinale: Nur Tauporn klettert top

Doch der Reihe nach: 12 Herren und 8 Damen hatten sich qualifiziert für die deutsche Meisterschaft, die nach fünf Jahren wieder im DAV Kletterzentrum Wupperwände stattfand. Aus diesem Starterfeld wurden zuerst im Halbfinale die besten 8 Herren und 6 Damen ausgesiebt. Bereits in der ersten Runde ging es ordentlich zur Sache – das Routenbauerteam Christian Bindhammer, Jonas Baumann und Gunter Gäbel hatte sowohl für die Damen als auch für die Herren ein Halbfinale geschraubt, das idealerweise schon eine Vorentscheidung bringen sollte.

So gab es dann auch eine fast perfekte Reihung der Favoriten nach dem ersten Durchgang: Bei den Herren sicherte sich der Topfavorit Thomas Tauporn (Schwäbisch Gmünd) die einzige Halbfinal-Begehung des Tages, gefolgt von Sebastian Halenke, Jan Hojer (Frankfurt/ Main), Christoph Hanke (München-Oberland), Mathias Conrad (Zweibrücken), Martin Tekles (Berchtesgaden) und Lokalmatador Markus Jung (Siegerland). Das Starterfeld im Finale komplettierten die auf Rang 8 ex aequo platzierten Sammy Adolph (München-Oberland) und Florian Böbel (Schwaben). David Firnenburg (Alpinclub Hannover) verpasste als Zehnter leider ebenso das Finale wie Benjamin Sillmann (Freiburg, 11.) und Florian Wientjes ( München-Oberland, 12.).

Vor allem Firnenburg hatte man eigentlich auch noch zu den Favoriten gezählt, aber der Dritte des deutschen Sportklettercups 2011 war nach eigenem Bekunden nach einer langen Saison mit vielen Wettkämpfen einfach nicht mehr in Topform.

Julia Winter wird ihrer Favoritenrolle schon im Halbfinale gerecht

In Topform präsentierte sich hingegen die Favoritin auf den Meistertitel: Julia Winter kam in der Halbfinalroute bis knapp unter Top und distanzierte die Mitfavoritin Luisa Deubzer (München-Oberland) um 2 Züge. Dahinter reihte sich die zuletzt bei den Europäischen Jugendcups stark gekletterte Lina Himpel (Frankfurt) als Dritte ein. Marion Mannheim (Rheinland-Köln), Ronja Kellner (Freising) und Denise Plück schafften es ebenfalls noch ins Finale.

Dann doch mit größerem Abstand ausgeschieden waren leider die beiden verbliebenen Damen Chiara Clostermann (Ringsee) und Saskia Schuster (Frankfurt), die für die im Sportklettercup Zweitplatzierte Ines Dull (Allgäu-Kempten) nachgerückt war. Dull hatte auf ihr Startrecht verzichtet und war stattdessen für ihren Arbeitgeber VauDe nach China auf einen Kletterwettkampf gefahren.

Ein Sprung zum Meistertitel    

Im Finale der Damen sollte dann ein Sprung alles entscheiden: Bis auf Marion Mannheim, die bereits weiter unten unerwartet früh abgetropft war, schafften es alle Damen bis zu einem Sprung an zwei Riesengriffe in Wandmitte. Spektakulär, aber nicht übermäßig schwierig – so hatten es die Routenbauer eigentlich geplant. Die Damen taten sich dann allerdings unerwartet schwer – niemand bekam die Griffe richtig zu fassen, so dass alle Damen die gleiche Wertung bekamen, beziehungsweise nach ihrer Halbfinalplatzierung gewertet wurden.

Nachdem fünf Damen spätestens am Sprung gescheitert waren, konnte es also nur noch eine richten: Boulderspezialistin Julia Winter traute man in jedem Fall den Sprung zu und sollte sie die Zielgriffe halten können, dann wäre der Meistertitel schon in Wandmitte gesichert. Die Dame vom SBB setzte den Sprung ohne zu zögern an – und hielt die beiden Zielgriffe ohne Probleme. So war der Rest der Route nur noch die Kür zum Meistertitel. Da machte es auch nichts mehr, dass ihr kurz vor Top der Fuß abrutschte und ihr eine Topbegehung verwehrt blieb. Winter holte damit nicht nur den ersten Damentitel überhaupt in den Osten der Republik sondern belohnte sich auch für ihre konstant guten Leistungen in den letzten Jahren.

Zuletzt war die Dresdnerin nach einer Babypause vor allem im Bouldern wieder sehr stark ins Wettkampfgeschäft zurückgekehrt und hatte auch mit dem Sieg beim letzten Sportklettercup in Darmstadt ihre Titelambitionen für Wuppertal deutlich gemacht. Hinter Winter belegten Luisa Deubzer und Lina Himpel die Plätze zwei und drei auf dem Podium.

Herrenfinale: Versöhnlicher Saisonabschluss für Sebastian Halenke

Nachdem die ersten beiden Finalisten Sammy Adolph und Florian Böbel beide an einem weiten Zug um die Kante in Wandmitte scheiterten, setzte Lokalmatador Markus Jung als dritter Starter eine erste Höchstmarke, an der sich auch die folgenden Starter die Zähne ausbeißen sollten. Jung, der als Sport- und Fitnesskaufmann in den Wupperwänden wohl jedes Bohrloch an Wand mit Namen kennt, fiel erst an einem Volumen in der Ausstiegsplatte nur wenige Züge vor Top. Weder Martin Tekles, Chris Hanke noch Jan Hojer konnten Jungs Wertung überbieten. Damit stand zwei Starter vor Schluss bereits fest, dass der deutsche Vizemeister von 2005 sechs Jahre später erneut auf dem Podium der DM stehen würde. Nur auf welcher Treppchenstufe war noch nicht klar.

Der vorletzte Starter im Feld kam gewohnt energiegeladen an die Wand: Sebastian Halenke hatte nach einer für ihn eher mittelmäßig verlaufenen Saison ohne einen einzigen Sieg nichts zu verlieren und befand sich nach eigenem Bekunden in Topform. Dies zeigte der jüngste Starter im Feld auch vom Boden weg – mit vielen Schüttelpausen und scheinbar ohne große Mühe kletterte der Doppel-Jugendweltmeister von 2009 und 2010 bis über Jungs Bestmarke hinweg und bis knapp unter top. Erst am vorletzten Zug der Route war dann auch Schluss für ihn – eine starke Vorstellung und eine echte Ansage an den letzten verbliebenen Starter: Thomas „Shorty“ Tauporn war auf dem Papier der mit Abstand größte Favorit – nach einer hervorragenden internationalen Saison mit dem Vizeweltmeistertitel im Overall und dem siebten Gesamtplatz im Lead-Weltcup. Auch sein überzeugendes Auftreten im Halbfinale ließen ihn schon wie der sichere neue Meister aussehen.

Nach der Vorstellung von Halenke allerdings, die Tauporn auch in der Iso mitbekommen haben dürfte, hatte der Schwäbisch-Gmünder den Druck unbedingt top klettern zu müssen – nicht die leichteste Bürde also, zumal Tauporn immer noch der DM-Titel in seiner beachtlichen Sammlung fehlte. Diese Spannung merkte man ihm auch beim Klettern an – ungewohnt nervös ging er auf den ersten Metern zu Werke, bevor er sich in der Mitte der Route wieder fangen konnte. Knapp vor Markus Jungs Höhe schaffte es Shorty sogar noch, die Zuschauer zu Beifallsstürmen zu animieren – trotzdem war für ihn an diesem Tag leider wenige Züge weiter Schluss. Es reichte zwar noch, um Markus Jung auf Platz drei zu verdrängen, an Halenkes Höhe kam Shorty aber leider nicht mehr heran.

Auch wenn ihm damit der DM-Titel weiterhin in der Sammlung fehlt, braucht sich Tauporn nicht zu grämen: Mit einer eindrucksvollen internationalen Bilanz hat der Schwabe in diesem Jahr bereits gezeigt, dass er zu den besten Wettkampfkletterern der Welt zählt. Umso mehr freute sich Halenke, der mit seinem Titelgewinn Jan Hojer (2008) als jüngsten Deutschen Meister aller Zeiten ablöst und sich mit seinem Titel auch etwas über eine Saison trösten kann, in der er sich ausschließlich auf die Senioren-Weltcups konzentriert hatte und hier erst einmal ein wenig Lehrgeld bezahlen musste. Die Siegerfaust von Halenke und seine Freude über den Titel sprachen in jedem Fall Bände.