Der
Winter steht vor der Tür und wir sind wieder bereit, in dieser
Jahreszeit einen Achttausender in Angriff zu nehmen. Im Januar 2004
trennten uns nur knappe 300 Höhenmeter von der Erstbesteigung der
8027 Meter hohen Shisha Pangma im Winter. Piotr Morawski und ich waren
uns fast sicher es geschafft zu haben, hatten wir doch als Erste
die  schwierige Südflanke längs der nie mehr
wiederholten, im Jahre 1995 von den Spaniern eröffneten Route
„Corredor Girona“ durchstiegen. Aber es blieb beim „fast“…

Wir hätten noch knappe 90 Minuten Licht gehabt, es war schon
spät (15,30 Uhr) und die 52 Grad Celsius unter Null ließen
uns wohl keine Hoffnung auf einen Erfolg. Wir hätten ohne Zweifel
den Gipfel erreicht, aber die Geschichte dieses Erfolges hätte
sich unweigerlich mit dem jähen Ende unserer persönlichen
Geschichte verknüpft. Ein Biwak auf dem Gipfelgrat hätte
für unsere Körper sicher fatale Folgen gehabt.

Wir akzeptierten unsere Niederlage, die durch die Erstbegehung der
Südflanke doch um Einiges versüßt wurde. Wie schon
erwähnt, der Winter steht vor der Tür, es ist an der Zeit
unser Projekt neu anzugehen und unseren Traum zu verwirklichen. Das
Team ist unverändert geblieben: Piotr, Darek, Jan, Jazec und ich.
Die Wand ist die gleiche, der Gipfel auch. Die genaue Aufstiegsroute
ist noch nicht entschieden, dies wird von den dortigen Bedingungen
abhängen.

Kein zusätzlicher Sauerstoff, keine Sherpas, keine andere
Expedition am Shisha. Die eigentliche  alpinistische
Tätigkeit wird nach dem 21. Dezember beginnen, um den „richtigen“
Winterbeginn zu respektieren. Das Team wird Ende November 2004 starten,
um ein Trekking im Nepal durchzuführen. Nach dieser
Gewöhnungsphase werden wir nach Tibet reisen und in der 2. und 3.
Dezemberwoche unser Basislager aufschlagen.

Wir werden Kameras und Fotoapparate mitnehmen, um unseren zweiten
Versuch zu verewigen. Wenn das Wetter gleich wie im vorherigen Jahr
sein wird und wir unsere Taktik ein wenig ändern, sollte der
ersten Winterbegehung dieses Achttausenders nichts mehr im Wege stehen.
Auch Makalu, Nanga Parbat, Gasherbrum I und II, Broad Peak, sowie der
K2 warten noch auf einen „Winterbesuch“…

P.S.:
Die 8000er warten noch auf eine Begehung von jemanden, der nicht aus
Polen stammt, um diese kleine Seite der vertikalen Geschichte zu
schreiben…

Simone Moro
www.simonemoro.com

Info zum Shisha Pangma:
Nach
den letzten Messungen des Chinesen Survey im Jahre 1983, hat Shisha
Pangma eine Höhe von 8027 Metern. Fälschlicherweise werden in
einigen Veröffentlichungen noch 8013, bzw. 8046 Meter angegeben.
Shisha Pangma bedeutet auf tibetisch „Grat auf den Weiden“. Gosainthan
(Hindu) hingegen, bedeutet „Ort der Heiligen“.

Der Normalweg, erstmals am 2. Mai 1964 von chinesischen Bergsteigern
begangen, gilt als einer der technisch einfacheren Aufstiege zu einem
Achttausender. Seine Südflanke hingegen ist eine 2500 Meter hohe
Wand mit Neigungen zwischen 55 und 90 Grad. Die Südflanke ist
erstmals 1982 im Alpinstil von den Engländern Scott, Mc Intyre,
Baxter-Jones und Prescott bestiegen worden. In dieser Wand sind bis zum
heutigen Tage 6 Routen eröffnet worden, eine 7. führt zum
7968 Meter hohen Westgipfel und wurde im Jahr 2000 von Callido und
Fernandez erstbegangen.

Es ist auch der letzte Achttausender, der sich zur Gänze in Tibet,
und zwar in der Region Langtang Himal, befindet. Unzählige, noch
nicht bestiegene, zwischen 6000 und 7000 Meter hohe Berge befinden sich
in dieser Region.