„Höhen"-Überlegungen

Zu viele Menschen auf den Achttausendern, mit dem einzigen Ziel vor
Augen, die Sammlung der 14 Kolosse zu vervollständigen, die diese
magische Zahl überschreiten. Wer nicht die Ambition der „Sammlung“ in
sich trägt, möchte den Gipfel erreichen ohne sich dabei viele Gedanken
über die Aufstiegsroute zu machen, da es sich bei 95% der Fälle um die
„Normalroute“ handelt, die, auch wenn nicht immer leicht, doch meistens
die Route der Erstbegeher  vor fast einem halben Jahrhundert ist. Eine
weitere Modeerscheinung ist die, der Erstbesteiger eines Gipfels „X“ in
der „eigenen Kategorie“ zu sein: der erste Italiener, der erste
Amerikaner, der erste Senegalese, der erste Taube, die erste Frau, der
erste Weiße, der erste Schwarze, Rote, Gelbe, der Schnellste, der
Schönste, Reichste, der….Dümmste.

Ich selbst bin solchen Leuten begegnet und habe selbst „gesündigt“,
indem ich mich ebenfalls Normalrouten gewidmet habe. Mir wurde aber
schon vor einiger Zeit bewusst, dass sich der echte Alpinismus mit
anderen physischen und mentalen Kriterien der Vertikalen nähert.
Deshalb habe ich mich, manchmal gezeichnet von Erfolg, aber andere Male
auch von Niederlagen und Aufgabe gedämpft, an Winterbegehungen, neue
Routen und Überschreitungen gewagt, und versuchte dabei das Erbe der
großen Bergsteiger der Vergangenheit weiter zu tragen. Ich wollte
meinen eigenen Weg gehen und nicht einfach die einstigen, grandiosen
Taten klonen. Der gegenwärtige extraeuropäische  Alpinismus ist
kurzsichtig und fantasielos geworden (damit meine ich die
Expeditionen).

Die Bergsteiger haben sich, mit wenigen erfreulichen Ausnahmen, mit
ihrem Denken, ihrer Art des Kletterns, sich zu erzählen, wie sie die
eigene bergsteigerische „Karriere“ sehen, selbst homologiert. Noch nie
bestiegene Berge, neue Routen auf unbekannte oder wenig begangene
Flanken, Wiederholungen von Erstbegehungen, Winterbegehungen,
Überschreitungen und viele andere Formen des Bergsteigens, fehlen im
Strom der Tendenz. Nur sehr wenige wagen sich an diese neue Grenzen des
Abenteuers heran. Oft kommen sie aus dem Osten Europas, begleitet von
Einzelgängern aus der nationalen und internationalen Szene. Die Gründe
dafür mögen vielfältig sein, Hauptgrund die Angst vor dem Versagen und
die Angst davor, mit den klassischen 8000er Begehungen vom medialen
Interesse her nicht mithalten zu können, falls man sich für einen
6-7000er entscheidet.

Man braucht sich nur in irgendeine Internetseite einzuklicken: in den
Perioden vor und nach der Regenzeit häufen sich die Meldungen über
Gipfelsiege an den höchsten Bergen der Welt…. alle gleich, alle schön
aneinandergereiht…

Auf einen Berg zu klettern ist schwierig und von Ungewissheit geprägt,
das weiß ich, aber außer der körperlichen Belastung bräuchte es ein
wenig Fantasie, Erfindungsgeist, Hunger nach dem Unerforschten und nach
Abenteuer, egal ob man ein GPS oder ein Satellitentelefon bei sich hat.
Mit den Möglichkeiten der Kommunikation können wir über neue, reizvolle
und abenteuerliche Taten berichten, wir können aber auch über
langweilige, titanische körperliche Belastungen  auf einer schon
hundert Male und im gleichen Stil begangene Routen melden.

Aber auch ein Misserfolg hat einen anderen Beigeschmack, wenn er auf
einem etwas „anderem“ Weg, entfernt vom Üblichen, erlebt wurde…

Die häufigsten Fragen, die einem von anderen Bergsteigern und
Bergbegeisterten gestellt werden, sind: wie viele 8000er hast du
bestiegen und: wie oft warst du auf dem Everest? Ist das die aktuelle
Maßeinheit um einen Bergsteiger einzustufen?? Wenn du versuchst
„anders“ bergzusteigen, dich in mehreren Sprachen ausdrückst, selbst
Bücher schreibst (und sie nicht schreiben lässt), wenn du auf jedem
Terrain zu Hause bist (Fels, Eis, Mixed) und du Erfolge und Niederlagen
mit dem gleichen Tonfall wiedergibst, dann wirst du von den
Hauptdarstellern der alpinen Szene schlecht angesehen und wirst nur
toleriert. Hat man diese Eigenschaften, so wird man kritisiert und mit
Misstrauen behandelt.

Reinhold Messner, die ewige Nummer Eins sollte doch in Sachen
Vielfältigkeit, wie es körperliche, geistige, sportliche und
unternehmerische Fähigkeiten sind, Schule gemacht haben….

Das Projekt Batura II

Es entsteht eigentlich aus meiner Analyse, die kritisch, hart und ein
wenig unbequem der Welt gegenüber steht, aus der ich stamme (ich werde
mir sicher wieder neue Feindschaften einhandeln) und gerade aus meinem
etwas eigenen alpinistischen Werdegang entwickelt sich mein neues
Projekt.

Ich habe versucht, das Konzept von extremer Höhe, Schwierigkeit,
Einsamkeit, Ungewissheit, Abenteuer und Unbekanntheit in ein einziges
alpinistisches Projekt zu vereinen. Ich habe mich gefragt, wo der
höchste, noch unbestiegene Berg der Erde sein würde und welcher es wohl
ist.

Es sind wohl noch einige hundert dieser Berge und Gipfel auf unserem
Planeten, die noch unerforscht sind, und ich wollte  die Identität des
Höchsten davon suchen.

Er heißt Batura II, ist  7762 Meter hoch, liegt in Pakistan und zwar in
der östlichen Region des Karakorum und ist Teil der
Batura-Muztagh-Kette. Der Batura II wird auch Point 314 oder Hunza Kunji
genannt und es war schon schwer genug ihn zu finden und genauere 
Informationen über seine Geschichte in Erfahrung zu bringen. Viele Web
Seiten und einige Veröffentlichungen betrachteten den Gipfel als schon
bestiegen und zwar von einer japanischen Expedition im Jahre 1978. Dank
der kostbaren, wissenschaftlichen Informationen des deutschen Wolfgang
Heichel habe ich entdeckt, dass dieser Gipfel noch NIE erreicht wurde,
obwohl es schon vier Versuche gab.

Der erste Versuch wurde von einer englisch-deutschen Expedition im
Jahre 1959 unternommen, der Zweite 1978 von den Japanern, bei dem
Ishikawa Ito und Makoto Ohkubo  jedoch den Gipfel des Batura IV
erreichten. Nach dieser Expedition versuchten sie, den Gipfel des
Batura II von der Südseite aus zu erreichen. Ito selbst gab dann
Einzelheiten über den Aufstieg bekannt und verdeutlichte somit deren
Aufstieg zum Batura IV. 1983 versuchten es dann die Polen, die sich
schlussendlich dem  Batura I widmeten, nachdem sie sich zuvor am Batura
II versucht hatten. Schließlich versuchte es 2002 eine deutsche
Seilschaft. Markus Walter, Mitglied dieser Expedition, war es, der mir
Informationen und Aufnahmen, die er vor Ort machte, zukommen ließ.

Gott sei Dank ist der Alpinismus noch nicht gestorben. Es gibt noch
jemand der versucht ihn aus der Versteinerung zu ziehen, in der er sich
gejagt hat und ich versuche einen kleinen Beitrag zu leisten.

Der Batura II mit seinen 7762 Metern ist also der höchste noch
unbestiegene Berg unserer Erde. Auch wenn es einige Vorgipfel (oder
sogenannte Satellitengipfel) gibt, die höher sind und noch auf eine
Erstbesteigung warten wie z.B. der Lhotse Middle East 8376 m oder der
Nuptse Central 7815 m, die  jedoch nicht als eigenständige,
unabhängige  Gipfel gelten, wie es bei dem Batura II der Fall ist.
Schon der Name (Batura II, und nicht Batura East, West oder Central)
weist auf einen eigenständigen Gipfel der Batura-Mutzagh-Kette hin, wie
es bei der  Annapurna-Gruppe mit der Benennung I, II, III, IV, der
verschiedenen Quoten und Standorte der Fall ist.

Die Südseite des Batura II, die ich für meinen Versuch gewählt habe ist
zwar schwieriger als die westliche, dafür aber nicht so gefährlich.
Auch alle bisherigen Versuche wurden auf der Südseite getätigt, ich
werde aber einer anderen, neuen Linie folgen.

Mein Seilpartner wird der amerikanische Bergsteiger und Kameramann Joby
Ogwyn sein. Wir werden absolut die einzigen in der Bergregion des
Batura Mutztagh sein, und diese Tatsache wird uns die Einsamkeit und
komplette Unabhängigkeit garantieren, die der Grundstein unserer
Philosophie ist. Wenn wir diese Faktoren mit der extremen Höhe des
Gipfels, der unbekannten Route und der totalen „Jungfräulichkeit“ der
oberen Hälfte des Berges und dessen Gipfels addieren, kann man sagen,
dass dieses Projekt gleichsam reizvoll, schwierig und abenteuerlich
ist. Genau so etwas habe ich gesucht, denn gerade diese Komponenten
findet man sonst nur im echten Winter oder in wenig anderen Situationen
und Ausrichtungen auf den 8000ern.

Timing der Expedition und Kommunikationsplan

Die Abfahrt wurde für Sonntag den 05. Juni 2005 von Mailand-Malpensa
festgelegt. Wir werden am 06. Juni in Islamabad ankommen. Nachdem alle
bürokratischen Formalitäten erledigt sein werden und wir das Briefing
im pakistanischen Amt für Tourismus hinter uns haben, alles Nötige für
die nächsten zwei Monate eingekauft haben und das gesamte alpinistische
Material gecheckt sein wird, beginnt die Fahrt zum Batura. Chilas,
Aliabad und am dritten Tag Hassanabad werden unsere Etappen sein, die
wir mit dem Jeep zurücklegen, werden. Von Hassanabad werden wir nach
vier Tagen Trekking das Basislager am Batokshi Gletscher, auf etwa 3900
Metern Höhe errichten.

Wir werden fast zwei Monate unterwegs sein, um den Gipfel zu versuchen
und das Gebiet zu erkunden. Außer einem pakistanischen Koch, der uns im
Basislager zur Seite stehen wird,  werden wir keine Höhenträger in
Anspruch nehmen, so wie wir auch keinen zusätzlichen Sauerstoff für
unseren Aufstieg benutzen werden. Ein ultraleichter Stil also, der
täglich mittels Satellitenübertragung erzählt wird.

Die Satellitentechnologie „Thuraya“ (von Intermatica srl. zur
Übermittlung des Audios zur Verfügung gestellt) und der Modem „Regional
B-Gan“ (von Telemar für den Datenkanal) werden es also ermöglichen,
unsere Fortschritte täglich im Internet, sechssprachig, unter www.simonemoro.com
zu verfolgen. Solarzellen und ein kleiner Stromgenerator werden für die
nötige Stromversorgung der einzelnen Geräte verantwortlich sein.

Simone Moro

Siehe auch:

www.simonemoro.com
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