Wilder KaiserEs ist Donnerstagmorgen. Die Berge des Kaisers ragen wie blank geputzt in den azurblauen Himmel. Sonnenlicht spielt schon seit Stunden in ihren Wänden und zaubert auch ein strahlendes Lächeln auf die Gesichter der Menschen im Tal. In den Dörfern und Städten am Kaiser läuten die Glocken. Die farbigen Trachten der Einheimischen, die sich zur Prozession aufstellen, dominieren das Bild. Längst müsste ich droben am Grat sein, aber das touristische Urlaubsgebaren hält mich wie alle anderen Hotelgäste noch am Frühstückstisch fest, versnobt und verweichlicht.

Gegen 8 Uhr losfahrend, haben wir zu tun noch ungehindert von Ellmau zum Jagerwirt in der Treffau zu kommen. Dort beginnt 8:30 Uhr mein Aufstieg auf den gleichnamigen Berg, den Treffauer. Auch ich habe mein Festtagsgewand angelegt. Die Berghosen von Schöffel und Meindls Wanderschuhe. Die Goretexjacke verbleibt im Rucksack, denn es hat schon früh über 20° und soll noch wesentlich wärmer werden. Aber in der Westseite des Treffauers liegt vormittags Schatten und lässt das Ganze erträglich werden.

Schon nach 15 Minuten passiere ich die Niedere Wegscheidalm, mich ärgernd, dass ich Benita zurückgeschickt habe. Hier wäre ein idyllischer Fleck zum Warten gewesen. So muss sie am Nachmittag noch einmal die schmale Strasse zum Jagerwirt fahren, um mich abzuholen.

Mit 8 Stunden habe ich meine Tour kalkuliert, weiß aber nicht ob ich die Zeit einhalten kann. Zum ersten Mal bin ich mit dem Wissen auf Bergfahrt, dass ich mit flatterndem Herzen gehe. Aber heute flimmert es nicht. Als ich die Obere Wegscheidalm erreiche, fühle ich mich absolut wohl. Dennoch zeigt die Pulskontrolle trotz Betablocker 160 Schläge an. Ich muss das Tempo drosseln und bin doch nach insgesamt 60 Minuten am Gruttenweg. Weiter aufwärts strebend höre ich ununterbrochen Wasser plätschern, unklar woher. Eine halbe Stunde später lichtet sich das Geheimnis.

Ich könnte ein Duschbad in einem Wasserfall nehmen, der sich über eine Steilwand stürzt. Das stand natürlich in der Wegbeschreibung, ich hatte es aber vergessen. Nach insgesamt 2 Stunden erreiche ich im so genannten Schneekar den Beginn des Normalweges auf den 2304 Meter hohen Treffauer. Gleich vorn am Karbeginn führt die Route gut markiert über erste Kletterstellen, ständig rechts querend, in die talseitigen Wände.

Das Tempo hat sich von selbst reguliert und damit auch der Puls. 118 Schläge zeigt der Computer. Bergkameraden überholen mich behände, machen aber weiter oben irgendwo Rast, während ich kontinuierlich weitergehe. Am Grat packe ich die Teleskopstöcke in den Rucksack, immer wieder die Hände zum Klettern brauchend. Langsam habe ich es dicke. Unendlich weit scheint es noch bis zum Gipfelkreuz. Einfach hinlegen, denke ich … und es gut sein lassen. Auf dem Treffauer bin ich ja. Wer wird schon so genau fragen?

Aber ich gehe ja auch nicht für irgendwen, sondern für mich und mein Ego lässt kein Mogeln zu. Auf den letzten Metern zum Gipfel holen die Kameraden mich wieder ein. In 4 Stunden „aufi“, sei eine gute Zeit, meinen sie anerkennend. Vor lauter Stolz vergesse ich meine Herztabletten zu nehmen. Vielleicht ist auch der Ausblick über das weite Rund der Berge und hinüber zum Kleinen Törl schuld, das ich vor 2 Tagen in totalem Nebel erreichte.

Nur 10 Minuten gönne ich mir, dann geht es abwärts; nicht ohne vorher den „Tank“ mit knapp 1 Liter Flüssigkeit aufgefüllt zu haben. Bis zum Schneekar verzichte ich nun ganz auf die Stöcke. Irgendwie fühle mich nicht mehr trittsicher genug und brauche immer wieder die Hände. Ein alter Bock ist eben keine Gämse! Von Jahr zu Jahr sinkt das Leistungsvermögen. Im Schneekar, das heuer schneefrei war, letzte Pulskontrolle. Mit Entsetzen stelle ich fest, dass kein Puls mehr angezeigt wird. Bin ich schon tot? Ein froher Leichnam?

Natürlich weiß ich, dass es Fronleichnam heißt und nichts mit einer frohen Leiche zu tun hat. Gibt es das überhaupt? Im Moment fühle ich mich so. Endlich merke ich, dass das Brustband des Pulszählers zum Bauch gerutscht ist und allenfalls Darmgeräusche, aber keine Herztöne mehr aufnehmen kann. Aufatmend korrigiere ich es und bin mit 90 Schlägen pro Minute mehr als zufrieden.

Am Wasserfall regeneriere ich mich bei kurzem Bad, um schließlich an der Wegscheid-Hochalm zu versuchen die Tränke der Kühe leer zu saufen. Herrliches klares Wasser spendet neuen Elan und hilft der längst sengenden Sonne zu trotzen. Trotz allem bin ich an der Niederen Alm sichtlich erschöpft. Immer wieder stöhne ich auf, weil sich die Knie anders bewegen, als sie es sollen – trotz angelegter Wickelbandagen.

Auf einer Brücke über den Bach sitzt eine Frau – es ist meine. Die Bergfahrt ist zu Ende! Nach reichlich 7 Stunden ist die Tour gemeistert und Benita kann im wahrsten Sinne des Wortes einen frohen Leichnam ins Hotel fahren; das gibt es also doch! Im Hotel „Kaiserblick“ zu Ellmau reduziert sich der Blick am Abend immer wieder auf den Treffauer; mit leuchtenden Augen und stolzem Gesicht, doch schmerzenden Knien.

Aber mit denen sieht man ja nicht. Dann schon eher mit dem Herzen.
Kein Wunder, wenn es bei solch einem Blick, … wieder zu flattern beginnt.

Peter Hähnel (67 Jahre)
Klettert als Dresdner hauptsächlich in Sachsen.
Am 17. März wird er in der Felsenwelt des Elbsandsteingebirges sein 50-jähriges Kletterjubiläum feiern.

Siehe auch:
Anekdote: Freinacht
Anekdote: Im Kletterergarten
Climbing.de Anekdoten