HampelmannDie Welt erscheint mir irgendwie verkehrt. Die Wipfel der Bäume zeigen nach unten und das Blau des Himmels liegt mir zu Füßen. Aber es ist ein Trugbild, denn ich hänge mit dem Kopf nach unten und nur noch durch eine Sitzschlaufe gehalten, die zum rechten Fuß gerutscht ist, hilflos im Seil. Die andere Sitzschlaufe ist gerissen und der Hüftgurt geöffnet.

Eine groteske, aber im Moment noch ungefährliche Situation, sofern es mir gelingt den Fuß aus der Schlaufe zu bekommen. Abstürzen ist nicht, denn meine Haare berühren schon den Boden. Jeder vorbeikommende Spaziergänger könnte mich aus dieser Lage befreien; mich quasi wie eine reife Birne pflücken. Aber das wäre mir doch zu beschämend.

Schließlich gelingt es mir eine Art Kopfstand zu veranstalten und mit Hilfe des zweiten Fußes die Schlinge über den anderen zu schieben. Aufatmend klappe ich am Boden zusammen, wie Fallobst sozusagen oder wie ein vom Strick gefallener Hampelmann.

Mit einem Hampelmann hat das Klettern mit einer Seilklemme tatsächlich viel gemein. Irgendwo oben ist ein Strick aufgehängt, an dem sich unten ein Männlein befindet, dem auch ein Strick zwischen den Beinen hängt. Zieht wer oder was daran, kann das Männlein Arme und Beine heben und wie Klettermaxe am Seil hinaufturnen. Zumindest von weitem sieht das so aus.

Moralische Ansprüche wie etwa Mut und Selbstvertrauen sind ausgeschaltet. Fällt das Höhergreifen schwer, hält die Klemme den Körper am Fels; während ein Vorsteiger vielleicht das Seil nachlassen würde, bis man mehr oder weniger laut, um Zug bittet. Dementsprechend ist das Klettern mit der Seilklemme, umstritten.

Dennoch bekenne ich mich dazu, weil ich hin und wieder allein unterwegs bin und eine Selbstsicherung alle Mal für besser halte, als ein seilfreies Klettern. Das hatte sehr wohl in meiner Jugend auch seinen Wert, aber alles hat seine Zeit. Jetzt bin ich vorsichtiger geworden. Wie jedes Ding hat die Klemme natürlich Vor- und Nachteile. Aber ihre Vorteile wiegen meines Erachtens die Nachteile auf. So kann ich z.B. das mich umgebende Ambiente in aller Ruhe auf mich einwirken lassen, ohne Seilkommandos hören oder geben zu müssen. Jedes Warten auf einen Seilgefährten entfällt genauso, wie die Zeit zum Anbringen von Sicherungen.

Die Schwierigkeiten können am technischen Leistungslimit angesiedelt sein, weil Psyche und Moral keine Rolle spielen. Es können ungleich mehr Wege geklettert werden, als mit jedwedem Partner. Kurzum für ein reines Klettertraining die effektivste Methode, die lediglich die Gefahr der Selbstüberschätzung mit sich bringt, wenn man wieder mit Gefährten klettert. Eine andere Gefahr, die ich von Anfang an erkannte, beruhte zumindest bei meiner Seilklemme darin, dass ich schlicht und einfach vergessen konnte den Sicherungshebel einzurasten. So kletterte ich einmal in 15 Metern Höhe im 7c-Bereich und hatte versäumt die Klemme zu schließen.

Glücklicherweise bemerkte ich den Fehler noch bevor es zu spät war. Seither setze ich mich probehalber immer schon nach 2 Metern kurz ins Seil, um einen solchen Mangel auszuschließen. Klar war mir auch von jeher die Gefahr des Kletterns mit Selbstsicherung im überhängenden Gelände, in dem man bei einem Scheitern eventuell den Kontakt zum Fels verlor; also frei im Seil baumelte. Deshalb führte ich neben der Abseilacht prinzipiell lange Zeit Prusikschlingen mit, die mir eine Selbstrettung ermöglicht hätten. Aber es passierte ja nichts und so ließ ich sie irgendwann weg, weil ich ja ach so gut war.

Infolgedessen hatte ich auch heute keine mit, zumal es um einen kleinen, kaum 10 Meter hohen Turm ging, an dem ich klettern wollte. Leider hing schon die Einstiegswand über und verlangte den oberen 7.Grad. Würde ich das mit fast 70 Jahren noch bringen?

Nun Alter schützt vor Torheit nicht! Das war sogar an meinem Sitzgurt zu sehen, den selbst Todd Skinner längst ausgewechselt hätte. Das Seil war am Gipfel befestigt und in die Seilklemme gelegt; unter mir hingen Seilschlaufen als Gegengewicht; und so stieg ich an. Die schmalen Griffbänder forderten mir aber schon alles ab, bis ich eine Fußhöhe von knapp 2 Metern erreichte. Kurzum, ich hatte mich übernommen. Letztendlich musste ich loslassen und pendelte ins Seil. Nun hatte ich die Situation, vor der ich mich immer gefürchtet hatte. Allerdings in der nun wirklich nicht Furchterregenden Höhe von weniger als 2 Metern.

Diese Beruhigung half mir indessen nicht die Klemme zu lösen. Als erstes öffnete ich den Brustgurt, sodass das Gerät nur noch am Sitzgurt hing. Das war schon relativ anstrengend, brachte aber Null Punkte. Immerhin hatte ich so im Gurt herumgezappelt, dass plötzlich eine Sitzschlaufe an der Schnalle zerriss und mein linkes Bein nach unten sackte. Die Seilklemme hielt was ihr Name versprach, … sie klemmte. Unter großer Anstrengung gelang es mir schließlich unter Belastung die Rückschlaufung des Hüftbandes zu lösen.

Noch schwerer war es, den Gurt ganz zu öffnen. Sofort klappte der Körper nach unten, wobei ich mit den Händen am Seil gegen hielt, um nicht unglücklich aufzuschlagen. Nun war nur noch die rechte Beinschlaufe geschlossen, in der ich letztlich ausschließlich während der Gurtöffnung gesessen hatte. Jetzt rutschte diese Beinschlaufe, weil ich mit dem Kopf nach unten hing, übers Knie bis zum Knöchel und hing dort fest. Mit einem Male erschien mir die Welt irgendwie verkehrt. Die Wipfel der Bäume zeigten nach unten und das Blau des Himmels lag mir zu Füßen.

Als ich mein Weltbild korrigiert habe, suche ich trotz aller Erschöpfung im Rucksack nach Prusikschlingen und hänge sie an den Gurt. Auch im Alter kann man noch dazu lernen.

Bis zum nächsten Hampeln also!

Peter Hähnel (67 Jahre)
Klettert als Dresdner hauptsächlich in Sachsen.
Am 17. März wird er in der Felsenwelt des Elbsandsteingebirges sein 50-jähriges Kletterjubiläum feiern.

Siehe auch:
Anekdote: Rotpunkt
Anekdote: Fronleichnam
Anekdote: Freinacht
Anekdote: Im Kletterergarten
Climbing.de Anekdoten