IMS 2013: Der beste Adrenalinkick, den ich je hatte

Ein paar wenige Grenzgänger suchen das Risiko in waghalsigen Abenteuern. Die breite Masse scheint dagegen von einem wenig inspirierten Alltag in Stillstand zu verfallen. Richard David Precht sorgte am Dienstagabend mit seinem Impulsvortrag für eine Weltpremiere und lieferte mit einem hochkarätig besetzten Podium den gelungenen Abschluss des 5. Kiku. International Mountain Summit.

Das gesamte Gremium der IMS Discussion Leute, riskiert! (c) Manuel Ferrigato/IMS Es war einer der Abende, an die sich die Freunde des Kiku. International Mountain Summit vermutlich noch lange erinnern werden. Die IMS Discussion mit dem Titel "Leute riskiert", sorgte am Dienstagabend nicht nur für den letzten Höhepunkt, sondern auch für die großen Gänsehaut-Momente. Dafür sorgte zum einen das hochkarätig besetzte Podium um den deutschen Philosophen Richard David Precht und zum anderen der Gesangsauftritt der Innsbruckerin Sara Köll, die ihre Performance von "Rolling in the Deep" von Adele zum Besten gab. Ein Bergsteiger, der Arzt, die Sportlerin und der Journalist haben die Grenzen gesucht und sie überschritten. Dafür riskierten einige von ihnen ihr Leben. Führt der Weg der Gesellschaft also zu mehr Risikobereitschaft oder Risikoscheu? In der Podiumsdiskussion wurden beide Pole entgegengesetzt und die Positionen aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. IMS 2013: Discussion Leute, riskiert!

Richard David Precht hat die Risikobereitschaft erst vor zwei Monaten erfahren, als er sich in den Bergen im Norden Mallorcas verirrte und mit einem Hubschrauber abgeholt werden musste. "Wir Philosophen lieben im Regelfall nicht das Risiko, sondern lieber die Vernunft."Damit steht er nicht allein: Der Mensch habe, so Precht, das Risiko in seinem Leben bereits auf ein Minimum reduziert. Vor allem durch den Wohlstand sei dieser sehr ängstlich, ein Risiko einzugehen. Die Folge sei, dass die Gesellschaft sehr träge werde, die Veränderungen nicht erkenne und sich ihr deshalb auch nicht anpasse. "Stattdessen riskieren einige Großkonzerne sehr viel und beeinflussen unser soziales Zusammenleben. Wir liefern uns diesen Interessen aus und nehmen sie als Naturgewalten hin."Leute riskiert! Als Lösung schlägt Precht die Frage vor, in welchen Umständen der Mensch in zehn Jahren leben möchte. Dazu müsse man, ähnlich wie in der Vergangenheit, konkrete Bilder entwerfen und darauf hinarbeiten. Aber wie geht das, wenn der Normalsterbliche heute doch am besten lebt, wenn er sich dem Mainstream anpasst?

In der anschließenden Diskussion präsentierte Moderator Florian Rudig Persönlichkeiten, die extravagante Risikoerlebnisse durchlebt und überlebt haben. Ewa Wisnierska wurde mit ihrem Gleitschirm bei einem Unwetter auf 10.000 Meter Höhe gesogen und überlebte nur dank einiger glücklicher Zufälle. "Es war damals kein Risiko, sondern ein Wagnis", sagt sie."Ich wusste, dass ich die Situation einschätzen konnte. Das Problem war, dass ich im Leistungsdruck eine andere Entscheidung getroffen habe, die ich in der Freizeit so nicht gemacht hätte." Vor allem beim Wettkampfsportler sei die Versagensangst größer als die Verletzungsangst. Das Streben nach sportlichen Erfolgen bewirke deshalb eine veränderte Wahrnehmung. Doch Ewa Wisnierska hat durch ihr Unglück gelernt. Noch im gleichen Jahr startet sie einen Weltrekordversuch und hat die reale Chance, diesen sogar zu überbieten. Doch sie entschließt sich, vorzeitig hinunterzufliegen, da sie das Restrisiko nicht eingehen möchte. Mit einer Akademie startet sie mit ihrem Lebenspartner jetzt ein neues Projekt, das auch nicht ohne Risiko gestartet werden konnte.

Für ein Interview Kopf und Kragen riskiert hat auch der Bild am Sonntag-Kolumnist Marcus Hellwig. Als er in seiner Kolumne auf eine Frau aufmerksam machen möchte, die wegen Ehebruchs gesteinigt werden soll, wird er vom iranischen Geheimdienst gefasst und in ein Foltergefängnis gesteckt.132 Tage verbringt der Journalist unter menschenunwürdigen Bedingungen im Gefängnis, bis er auf Druck des Deutschen Außenministeriums befreit und nach Deutschland gebracht wird. Heute glaubt er, dass diese Erfahrung ihn verändert hat. An seinen journalistischen Routinen ändert sich aber nichts: "Es bleibt trotzdem wichtig, vor Ort zu sein, da man nur so den Grund und die Kultur direkt wahrnehmen und mit den Protagonisten sprechen kann.

Eine besondere Bereitschaft zum Risiko hat auch der Expeditionsarzt und Höhenmediziner Oswald Oelz erfahren: In einer aussichtslosen Situation habe er den deutlichen Überlebenstrieb deutlich gespürt. Rückblickend auf eine Rettungsaktion, bei der er eine verunglückte Gruppe nach einer Eislawine rettete, sagt er: "Das war der beste erzwungene Adrenalinkick, den ich je hatte. Und als es vorbei war, war es noch schöner.""Neben der Risikobereitschaft ist außerdem die Risikoeinschätzung entscheidend", sagt Neurowissenschaftler Arne Dietrich, der die Gesprächsrunde komplettiert. Wenn man Erfahrung gesammelt habe, dann könne man das Risiko, das man eingehe, auch ganz anders einschätzen. Vor allem an der Bereitschaft zum Handeln liegt es dann, ein Risiko auch einzugehen. Die Gesprächsrunde machte auch beim anschließenden Kontakt mit dem Publikum Mut zum Handeln. "Wir haben unser Glück selber gemacht und sind nicht mehr abhängig von Umständen", ermuntert Precht. Einig waren sich alle: Mehr Risikobereitschaft führt dazu, seine Umwelt aktiver wahrzunehmen und an ihr mitzuwirken.