Michael Füchsle: Vom Rollstuhlfahrer an den Felsen (c) Archiv Füchsle
Michael Füchsle: Vom Rollstuhlfahrer an den Felsen (c) Archiv Füchsle

Michael Füchsle berichtet:

Schon im frühen Alter von 6 Jahren ging ich mit meinen Eltern viel Wandern. Im Alter von 10 Jahren habe ich dann die ersten Kletterer am Gimpel im Tannheimer Tal gesehen. Daraufhin kaufte ich mir von meinem Taschengeld schließlich die ersten Haken und schlug sie bei meinen Eltern im Garten in die Bäume. Bei einem Dolomitenurlaub kletterte ich dann auf die ersten Felsen und schlug dort meinen ersten Haken. Das hatte ich ja schon geübt. Dieser steckt heute immer noch in der „Steinernen Stadt“ am Sellajoch.

Bis ein abgebrochener Ast beim Baumklettern mich mit einem komplizierten Unterschenkelbruch ins Krankenhaus beförderte. Nach einigen Monaten Gips überredete ich meinen Vater schließlich mit dem Klettern am Felsen zu beginnen. Ich war 12; mein Vater und ich hatten keine Ahnung vom Klettern. Trotzdem fuhren wir nach Konstein, um die ersten Versuche zu machen. Nach einigen missglückten Kletterversuchen wurde ich immer besser.

Michael Füchsle (c) Archiv Füchsle
Michael Füchsle (c) Archiv Füchsle

Auch Eistouren und Skitouren standen ein Jahr später auf dem Programm. Ich bestieg mit meinem Vater den Piz Palü – „Bellevista“ und den Biancograt auf den Piz Bernina. Beim letzteren war ich vermutlich der jüngste Begeher, laut Aussagen Anderer, den es bis dahin gegeben hatte. Auf diesen Touren waren wir zum Teil bis 18 Stunden unterwegs. Dann baute ich mir sogar am Haus meiner Eltern meine eigene Kletterwand. Mit 13 hörte ich auch zum ersten Mal die Namen Wolfgang Güllich – Kurt Albert und Sepp Gschwendtner. Die drei deutschen Kletterer, welche zu der damaligen Zeit schon sehr gut am Fels unterwegs waren. Ich fragte mich „Klettern als Beruf“; geht das überhaupt? Anscheinend könnte es funktionieren.

Der Gedanke ließ mich nicht mehr los. Obwohl ich erst in den unteren Schwierigkeitsgraden kletterte konnte, stand mein Entschluss fest Profikletterer zu werden. Mit 14 Jahren habe ich meine Schule beendet und erklärte meinen Eltern das ich keine Ausbildung machen werde, sondern mich als Profikletterer versuchen möchte. Diese waren natürlich nicht begeistert, aber sie gaben mir das „OK“. Sie gaben mir genau ein Jahr. Sollte ich in diesem Jahr kein eigenes Geld verdienen, würde ich eine Ausbildung beginnen müssen. So jetzt stand ich da und überlegte, was ich tun kann, um Geld zu verdienen. Mir fiel ein, dass es noch keinen Topo-Kletterführer über das Klettergebiet in Konstein, wo ich mit dem Klettern begann, gibt. So fuhr ich tagelang nach Konstein, um die Felsen abzuzeichnen. Schließlich ging der Führer in den Druck.

So hatte ich meinen Eltern bewiesen, dass ich Geldverdienen kann. Auch wenn es nicht zum Leben langte, waren meine Eltern zufrieden und unterstützten mich weiter hin. Schnell wurde ich durch konsequentes Training besser. In den darauffolgenden Jahren steigerte ich mich, bereiste Länder in Amerika, viele Klettergebiete in Europa, auch Osteuropa, standen auf dem Programm. Durch viele Wiederholungen von schwierigen Kletterrouten wurde ich auch durch Presseberichte bekannter und konnte Sponsoren für mich gewinnen. Mein Lebensunterhalt war gesichert. Dies ging so bis zum meinem 18. Lebensjahr, dann kam der Schock, als es mir gesundheitlich immer schlechter ging.

Blutige Durchfälle bestimmten meinen Alltag, dann die Diagnose „Collitis Ulcerosa“. Meine Profilaufbahn war in Gefahr; ich bekam Medikamente und stellte meine Ernährung um. Nach einem halben Jahr konnte ich meinen geliebten Klettersport wiederaufnehmen. Ich steigerte mich wieder und konnte in den darauffolgenden Jahren etliche Wiederholungen und auch Erstbegehungen bis zum 10 Schwierigkeitsgrad in den verschiedensten Ländern klettern. In den späten 1980ern kamen dann auch die ersten Kletterwettkämpfe auf. Klar, dass ich mich auch mit anderen Kletterer messen wollte. So nahm ich neben meinen vielen Kletterreisen auf der ganzen Welt, auch an internationalen Wettkämpfen in Deutschland – Frankreich – Österreich – Ungarn – Italien – Holland teil, von denen ich auch einige kleinere gewinnen konnte. Mein Leben lief perfekt und meine Sponsoren gaben mir den nötigen finanziellen Rückhalt.

Michael Füchsle (c) Archiv Füchsle
Michael Füchsle (c) Archiv Füchsle

Ich brachte in den Jahren darauf mehrere Topo-Kletterführer über die Klettergebiete in Cortina und Trieste (mit Slowenien), sowie die Kletterzeitschrift „Onsight“ heraus. Ich gründete nebenher die Bekleidungsfirma CIAN, unternahm sogar einen Erstbegehungsversuch an der Eiger-Nordwand. Es wäre mit Sicherheit eine Route im 10. Schwierigkeitsgrad geworden, wenn nicht das Wetter umgeschlagen hätte.

Bis zum Jahre 2003, meine Krankheit verschlechterte sich schlagartig. Ich konnte nicht mehr Klettern, eine schlimme Zeit sollte beginnen. Die Ärzte erhöhten meine Kortison-Dosis auf 100mg pro Tag um eine Linderung zu Erzielten. Tatsächlich wurde es besser doch Klettern konnte ich vergessen….

Das Leben wurde für mich nicht mehr lebenswert. Ich vernachlässigte alles, hatte keine Lust mehr überhaupt, was zu machen. Das wirkte sich natürlich auf meine gegründeten Firmen aus,

Der große Knall!

Zwei Jahre sollte ich mit der erhöhten Kortison-Dosis leben. Das ging so bis zum September 2005, als ich in der Nacht vom 28. auf den 29. September unerträgliche Schmerzen bekam.

Zum Glück rief mich eine Bekannte in der früh an und fuhr mich sofort zu meinen Internisten nach Stadtbergen und es begann das Ringen mit dem Tod. Obwohl ich mich vor lauter Schmerzen fast nicht mehr bewegen konnte, kam wohl die größte Fehlentscheidung, die ein Arzt jemals treffen konnte. Dieser untersuchte mich mit Ultraschall und kam dann schließlich zu dem Ergebnis, es seien nur Blähungen, mehr nicht. Zu diesem Zeitpunkt war es eigentlich schon zu spät. Also fuhr mich meine Bekannte wieder heim. Ich legte mich auf das Sofa im Wohnzimmer. Die Schmerzen nahmen immer mehr zu. Wie durch ein Wunder nahm sich meine damalige Freundin einen halben Tag frei. Das sollte dann auch meine Rettung gewesen sein. Und es begann ein Lauf, der mein Leben verändern sollte. Um 14 Uhr wurden die Schmerzen unerträglich.

Wir riefen wir den Notdienst an, da mein Hausarzt mittwochnachmittags geschlossen hatte. Doch dieser wollte nicht kommen. Die Ausrede war, er hat jetzt keine Zeit und ich sollte doch bis zum nächsten Tag warten bis er wieder offen hätte. Um 15 Uhr brachen wir ins Zentralklinikum zur Notaufnahme auf. Natürlich musste ich warten. Erst 16 Uhr kümmerte sich endlich jemand um mich. Einige Untersuchungen wurden gemacht bis es schließlich zur Diagnose kam: „Darmdurchbruch mit absoluter Blutvergiftung“. Der Arzt erklärte es mir dann noch, soweit ich es noch verstanden habe. Es folgte eine lebensbedrohliche Operation, in der ein Teil meines Dickdarms und Dünndarms entfernt wurden: Ich bekam einen künstlichen Darmausgang. Von der Zeit danach erfuhr ich nur noch von Erzählungen.

Ich wurde in den nächsten Tagen dreimal operiert und lag 16 Tage im Koma und wurde künstlich beatmet. Mein ganzer Körper war vergiftet. In dieser Zeit bekam ich noch eine Lungenentzündung und Wasserablagerungen dazu. Aus meinen 63 kg Körpergewicht wurden dadurch auf einmal fast 100 kg. Das Wasser lagerte sich überall ab. Ich soll ausgesehen haben, wie ein kleines Michelin-Männchen und das Fieber stieg und stieg.