Michael Füchsle (c) Archiv Füchsle
Michael Füchsle (c) Archiv Füchsle

Ich hatte Träume, obwohl ich im Koma lag. Ich kann mich sogar noch an einige Sachen erinnern; diese komischen Geräusche. Ich träumte davon, dass meine Freundin und ich in Tschechien in einer Diskothek waren. Auf einmal kam die Polizei und wollte mich mitnehmen, doch ich ergriff die Flucht durch einen Gang. Ein dumpfer Ton kam aus diesem und der Gang wechselte auch die Farben, Rot – Lila – Grün. Ich rannte und rannte, bis ich auf einer kleinen Almhütte, wo es kein Wasser und keinen Strom gab, ankam. Die Kühe grasten auf der Wiese und ich wurde zu einer deftigen Brotzeit mit einem Schnaps begrüßt.

Nach 16 Tagen Koma erwachte ich schließlich aus diesem. Doch ich war noch so im Delirium und spürte etwas im meinem Hals, als wenn ich ein Würstchen verschluckt hätte. Ich kaute dauernd darauf herum. Wie ich später erfuhr, war es der Schlauch für die künstliche Beatmung. Ich hatte schrecklichen Durst. Ich versuchte es zu erklären, doch ich konnte ja nicht reden. Nach 20 Tagen wurden dann endlich die Maschinen von der Beatmung abgeschaltet und der Schlauch wurde entfernt. Ich freute mich endlich, etwas zu trinken zu bekommen. Doch weit gefehlt, nur ein kleines Schlückchen konnte ich bekommen.

Da einige Krankenschwestern aus Tschechien kamen, dachte ich immer noch, dass ich mich dort befinde. Ich konnte immer noch nicht Realisieren was passiert war. Zu diesem Zeitpunkt war ich immer noch nicht über den Berg. Es hieß, falls ich überlebe, müssten sich meine Eltern auf einen Pflegefall einrichten. Ich war durch die Blutvergiftung und Koma ab dem Hals komplett gelähmt und dies sollte auch nicht mehr weggehen. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Das Wasser in meinem Körper ging zwar langsam zurück, doch das hohe Fieber blieb beständig. Dazu kam noch, dass sich meine Bauchwunde entzündete. Die Ärzte mussten die ganzen Nähte entfernen, so dass mein Bauch aufklappte und eine etwa 10 x 15 cm große Wunde entstand, die nicht mehr geschlossen werden konnte. Nach 4 Wochen Intensivstation war ich dann schließlich außer Lebensgefahr und ich konnte auf die normale Station verlegt werden.

Da mein Bauch komplett auf war, wurde ich an eine Vakuumpumpe angeschlossen. Diese hatte den Sinn, dass eine künstliche Haut erzeugt wurde. Mein Körper war immer noch komplett gelähmt und ich konnte nicht einmal meinen kleinen Finger bewegen. Da wurde mir das erste Mal klar, was es bedeutet auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Man musste mich Füttern und Waschen wie ein kleines Kind. Ich musste jedes Mal nach den Krankenschwestern schreien, wenn ich Durst hatte, denn Klingeln konnte ich ja nicht. Zum Glück gab es ja noch meine Eltern und Schwester. Meine damalige Verlobte machte dann im Krankenhaus Schluss mit mir. Sie hatte Angst, dass ich ein Pflegefall werden würde. Meine Schwester kam regelmäßig mittags in Ihrer Pause und fütterte mich. Meine Eltern kamen dann nachmittags und abends. Durch die vielen Infusionen und Blutabnahmen war es dann soweit, dass die Ärzte bei mir keine narbenfreie Vene für die Blutabnahme finden konnten. Also beschlossen sie, mir einen Zentralvenenkatheter zu legen. Ich hatte echt Angst vor diesem Eingriff.

Mittlerweile war ich nun bereits 6 Wochen im Zentralklinikum. Das hohe Fieber hielt immer noch an und aus den Dränagen links und rechts kam purer Eiter heraus. Trotzallem sollte ich so schnell wie möglich auf REHA gehen. Nach siebenwöchigen Aufenthalt wurde ich schließlich in die Fachklinik nach Enzensberg überwiesen. Es begann trotz hohen Fiebers eine knallharte Krankengymnastik. Nach drei Wochen war ich soweit, dass ich zumindest wieder selber Essen und Trinken konnte. Nach etwa 10 Wochen, in denen ich nur im Bett lag, wurde ich das erste Mal wieder aus dem Bett geholt und in den Rollstuhl gesetzt. Doch mein Kreislauf versagte schon nach wenigen Sekunden und ich meinte mein Rücken bricht auseinander. Aber ich steigerte mich von Tag zu Tag. Doch ein erneuter Rückschlag sollte wieder alles verändern. Ein Fistelgang hatte sich zwischen meiner Bauchwunde und den Dränagen gebildet. Es wurde schon wieder von einer neuen Operation gesprochen. Doch dies wäre zu gefährlich gewesen, da mein Körper noch viel zu schwach war, für eine erneute Narkose. Also hieß es für die nächste Zeit wieder absolute Bettruhe. Ich fiel immer öfter in ein neues Tief und wollte mich schon Aufgeben. Doch die netten Pfleger bauten mich immer wieder auf.

Das Jahr ging schließlich zu Ende und ein paar Tage vor Silvester konnte ich dann endlich das Bett verlassen. Ich war ehrgeizig und wollte unbedingt auf die Silvesterfeier in die Cafeteria. Es wurde ja auch mal Zeit, etwas Anderes zu sehen, als immer nur die Zimmerdecke. Aber die Pfleger meinten, ich könnte dies in meinen Zustand vergessen. Da ich ja schon immer besser wusste, ließ ich mich einen Tag vor Silvester, als ein Freund mich besuchte, in den Rollstuhl setzten. Komischerweise spielte mein Kreislauf sehr lange mit. Am nächsten Tag erklärten sich die Pfleger tatsächlich bereit, mich in die Cafeteria zu schieben. Aber nur unter der Voraussetzung, dass ich sofort Bescheid gebe, wenn es mir schlechter geht ist. Fast hätte ich durchgehalten, aber um 23:30 Uhr machte sich dann doch mein Kreislauf bemerkbar und man musste mich holen. So verbrachte ich den Jahreswechsel wieder im Bett. In den nächsten Tagen hatte ich mir Hanteln besorgen lassen, so dass ich meine Arme trainieren konnte. Auch stand ich nach sehr langer Zeit wieder auf den Beinen. Doch schnell bemerkte ich, dass es noch ein sehr langer Weg sein wird, bis ich meine ersten Gehversuche machen konnte.

Michael Füchsle (c) Archiv Füchsle
Michael Füchsle (c) Archiv Füchsle

Ich erinnerte mich daran zurück, als meine Profikarriere als Kletterer begann und als nur der „Eiserne Wille“ zählte. So kämpfte ich mich Stück für Stück nach vorne. Meine Krankengymnasten nannten mich nur noch eine „Kämpfersau“. Doch mein starker Wille führte mich dann sehr schnell zum Erfolg und nach einiger Zeit konnte ich meinen Rollstuhl abgeben und bekam dafür einen Gehwagen. Einige Zeit später verzichtete ich auch auf diesen. Endlich wurde mir auch die Vakuumpumpe entfernt. Der Bauch war zwar immer noch auf, doch die Ärzte konnten das Risiko vertreten. So wurde ich schließlich am 1. April 2006 entlassen.

Es war schon ein komisches Gefühl als ich nach 6 Monaten zum ersten Mal wieder Zuhause war. Ich freute mich echt darauf. Doch die Freude hielt sich dann in Grenzen, als ich meine Wohnung betrat. Hatte meine Ex Freundin mir doch tatsächlich fast die ganze Wohnung leergeräumt. Ich hatte nicht einmal mehr ein Kopfkissen. Auch merkte ich schnell, was es bedeutet zuhause zu sein. Ich konnte zwar einigermaßen laufen, aber das war es dann schon auch.

Ich konnte nicht alleine in die Badewanne gehen und auch das Bücken war Fehlanzeige. Jeden Tag musste ich zum Arzt, um meine immer noch offene Bauchwunde Versorgen zu lassen. Das Versorgungsamt stellte bei mir 90% Schwerbehinderung fest. Die Wunde wurde bis zum Juni 2006 immer kleiner. Dann brach der alte Fistelgang erneut auf, wurde wieder eitrig und auch die Bauchwunde wurde wieder größer; ein erneuter Rückschlag. Doch das sollte nicht alles sein. Ein weiterer Fistelgang bildete sich und gerade auch noch dort, wo es sehr unangenehm ist, im Hinterteil.

2007
Die Bauchwunde ist immer noch offen meine beiden Fistelgänge sind ebenfalls noch offen, wobei einer noch eitrig ist. Laufen konnte ich gerade einmal ein paar Meter; Das Bücken und Heben von schwereren Sachen aussichtslos. Das vorm Computer sitzen geht gerade mal so ca. 45 Minuten. Das Ganze machte mich so fertig, dass ich nicht mehr aus dem Haus ging.

2008/09
Ich fand zu meinem alten Leben zurück, ich ging wieder vermehrt aus und akzeptierte das Stoma und dachte die anderen Leute sollen doch denken was sie wollen.

2010

Michael Füchsle (c) Archiv Füchsle
Michael Füchsle (c) Archiv Füchsle

Ich lernte meine jetzige Freundin Marion kennen. Sie lernte mich so kennen, wie ich war. Meine Behinderung machte ihr auch nichts aus.

Ein erneuter Rückschlag sollte mich dann Ende 2010 wieder zurückwerfen. Weitere Analfisteln, mittlerweile waren es insgesamt 10 Stück, bildeten sich. Die mussten jetzt unbedingt operiert werden. Nach mehreren OPs in Regensburg und München bekam ich auch diese wieder in den Griff.

Meine Freundin baute mich jeden Tag mehr und mehr auf. Mit dem Laufen ging es auch immer besser und 2011 fuhren wir das erste Mal zusammen in den Urlaub nach Ägypten. Schon komisch, so ein Badeurlaub ist eigentlich gar nicht mein Fall. Ich hatte solch einen Urlaub schon lange nicht mehr gemacht. Das ich dann ein Jahr später wieder mit dem Klettern beginnen sollte, ahnte damals noch niemand.

Im Frühjahr 2012 wagte ich mit meiner Freundin eine Wanderung auf den Berg Lusen im Bayrischen Wald. Das ist eine Tour von etwa 2 Stunden. Wir benötigten allerdings alleine für den Aufstieg fast drei Stunden.

Am nächsten Tag besuchten wir noch den Baumwipfelpfad. Am Parkplatz befand sich eine kleine künstliche Kletterwand.

Meine Freundin sagte, versuche es doch mal…, komm auf,

Also legte ich Hand an und das erste Mal seit 2003 hielt ich wieder einen Griff fest. Doch schon nach wenigen Zügen waren meine Unterarme platt. Doch es hatte Spaß gemacht. Ich machte mir Gedanken, sollte ich nochmals zum Klettern anfangen? Nach etlichen Absprachen mit meinen Ärzten bekam ich von diesen „das ok“, aber nur unter der Voraussetzung starke Überhänge zu meiden und eine Bandage zu tragen. Ich machte mich auf die Suche nach einer geeigneten Bandage für meinen Bauch. Aber auch das Stoma musste geschützt werden, da ja genau über dieses der Klettergurt lauft. Schließlich fand ich eine Firma, welche genau solche Bandagen herstellt. Nun stand einer weiteren Kletterkarriere nichts mehr im Wege.