Antoine Le Menestrel und Anna Stöhr (c) Rainer Eder

Erstbegeher Interview Antoine Le Menestrel:

Wie hat alles angefangen?
Wir kamen aus der Gegend von Paris in den Süden, nach Buoux und in die Verdonschlucht. Dort waren die Troussier Brüder, Patrick Berhault und Patrick Edlinger die Stars. Sie nannten uns „Le Gang des Parisiens“, das waren Laurent Jacob, JB Tribout, Fabrice Guillot mein Bruder Marc und ich. Wir waren über die Massen fürs Klettern motiviert!

Seid ihr auch in andere Klettergebiete gereist?
Aus den Fachmagazinen wussten wir, dass es in England Jerry Moffat und Ben Moon, in Deutschland Kurt Albert und Wolfgang Güllich gab. Als die legendäre John Bachar Route „Chasin‘ the trane“ on sight geklettert wurde, sind JB und ich ins Frankenjura gefahren, um sie auch zu machen. Es ging nicht um einen Wettbewerb, wer besser ist, sondern darum, es ebenfalls zu machen. Durch die Wiederholung solcher Routen wurden wir von den Erstbegehern inspiriert und motiviert, es gab uns neue Kraft, um eigene Projekte zu realisieren.

Was hältst du persönlich von Kletterwettbewerben?
Da habe ich wirklich Probleme, immer besser sein zu müssen als die anderen. Ich finde Kletterwettkämpfe veraltet und einen Anachronismus. Mein Bruder und ich unterzeichneten bereits 1985 das „Manifeste des 19“ (ein Manifest in dem sich 19 der besten französischen Kletterer gegen Kletterwettkämpfe aussprachen; Anm. der Red.), weil wir einen Wert des Wetteiferns anstelle des Wettkampfs entwickeln wollten. Der Wunsch nach Kletterwettbewerben entstand nicht bei uns Kletterern, sondern in Verbänden und bei den Magazinen. Wir fürchteten, unsere Freiheit und unsere Geisteshaltung zu verlieren und forderten auf zum Nachdenken. Außer Edlinger und Berhault, die vom Klettern lebten, waren wir ja alle Amateure und hatten keinerlei finanziellen Gewinn durch das Klettern. Ich war nicht dazu bereit, meine ganze Energie darauf zu verwenden, der Beste zu sein. Deshalb habe ich meine Kreativität in die Eröffnung von Routen an künstlichen Wänden konzentriert.

Wie hast du „Le Bout du Monde“ eigentlich entdeckt?
Das war, als wir am Einstieg der Route „Fissure Serge“ einen Baum umgesägt hatten, um sie frei klettern zu können. Da sah ich zum ersten Mal diesen magischen Ort und war sofort gefangen von seinem Zauber. Ich habe diesen Platz „Le Bout du Monde “ genannt, weil ich mich eine Zeitlang dorthin zurückgezogen habe, quasi wie ein Eremit. Ich wollte mich aus dieser Welt herausnehmen, ich wollte diesen ganzen Starrummel nicht, der nur dem Ego diente. Ich hatte einige sportliche Leistungen gebracht, die Stars der Kletterszene waren wie schwarze Löcher in der Vermarktung durch die Medien. Ich habe versucht, mich beim Klettern mit Meditation und der Lektüre von mystischer Literatur weiterzuentwickeln. Ich wollte mich vom Leistungsgedanken entfernen, um ein poetisches Klettern zu erfinden.

Und dann kam „La Rose et le Vampire“?
„La Rose“ ist die wichtigste Route in meinem Leben. Sie hat mich verändert, sowohl meine Art zu klettern als auch mein weiteres Leben. Zuvor habe ich mich durch den Fels inspirieren lassen, von einer kletterbaren Linie. Hier aber wollte ich eine Route machen, die absolut an meinem Limit war. Ich wollte meine Bewegungsideen auf den Fels übertragen und meine Kreativität realisieren, deshalb habe ich auch Griffe modelliert. Es war die letzte Route, in der ich das tat. Danach habe ich vor allem Routen an Kunstwänden gebaut.

Was bedeutet „La Rose“ für dich persönlich?
„La Rose“ hat in mir den Künstler geweckt! Meine persönlichen Vorstellungen von ausgefallenen Kletterbewegungen konnte ich hier verwirklichen. Die Realisierung des Kreuzzugs im unteren Teil der Route hat mir unendlich viel Energie und Motivation gegeben, „La Rose“ hat mich zum Künstler werden lassen. Ich habe bald darauf aufgehört, schwierige Routen zu klettern und mich der Kunst und der Poesie verschrieben.

Aber du hast doch weiterhin schwer geklettert?
Ja, 1986 habe ich noch „La Ravage“ im Basler Jura eröffnet, eine der ersten 8c Routen überhaupt und „Il etait une Voie“ in Buoux, die ebenfalls 8c ist. Aber dann habe ich nur noch Routen an Kunstwänden gebaut, wo ich meine eigenen Ideen von Kletterbewegungen verwirklichen und meine ganze Bewegungskreativität ausdrücken konnte.

Was würdest du den Kletterern von heute noch sagen wollen?
Konsumiert weniger, seid kreativer! Heute wird das Klettern nur noch konsumiert; man geht in die Halle, draußen werden Routen wiederholt. Ich habe das Gefühl, dass sich die Kletterer kaum mehr fragen was sie tun können, um das Klettern weiterzubringen. Das ist hoffentlich nur eine Periode, ich wünsche mir, dass der innovative Geist beim Klettern zurückkommt. Der Anna hatte ich gesagt, sie soll Liebe machen mit dem Fels, es ist wichtig zu atmen, ganz aufzugehen im Klettern und in der Bewegung.

Das Projekt: Reclimbing the Classics

Der Schweizer Bergsporthersteller Mammut präsentiert sechs Rock Classics – Meilensteine in der Geschichte des Sportkletterns. Dazu die Erstbegeher, die zusammen mit Spitzenkletterern aus dem Mammut Pro Team nochmals ihre eigenen Routen besuchen.Jung trifft Alt – obwohl zwei unterschiedliche Generationen, so sprechen doch beide die gleiche Sprache, denn die Leidenschaft fürs Klettern verbindet sie. Denn Klettern ist nicht nur Leistungssport, sondern auch ein Lebensgefühl!