Reclimbing the Classics: „The Face“ (8a+)

Das Gesicht ist ein Spiegel der Seele - sagte einmal ein kluger Mensch. Ob das Gesicht, das sich in den lichten Wäldern des Altmu?hltals versteckt, die Seele des su?dlichen Frankenjuras widerspiegelt? Zumindest beobachten die beiden Augen schon seit vielen Jahrtausenden das Treiben im Tal.

Reclimbing the Classics: The Face (8a+) (c) Rainer Eder „Punkt, Punkt, Komma, Strich – fertig ist das Mondgesicht“ – so einfach geht's im Kinderreim. Aber mit dem „Gesicht“ am Schellneckkopf war's etwas schwieriger: „Punkt, Punkt“ – die Augen, und noch ein Punkt etwas tiefer – die Nase! Fru?hjahr 1983: Die beiden Nu?rnberger Boulderer Norbert „Flipper“ Fietz und Norbert Bätz staunen unter dem Schellneckkopf nicht schlecht u?ber die Fels gewordene Begrifflichkeit „unmöglich“.

Eine unten leicht u?berhängende, oben senkrechte Betonglattstrichmauer, garniert mit einigen verstreuten Löchern und ziemlich weit oben die drei Fingerlöcher, die dem Projekt seinen Namen geben sollten – eine neue Herausforderung fu?r „Flipper“, der immer wieder Probleme suchte, die andere als unkletterbar bezeichneten und die er dann diesen zum Trotz meistens auch löste.

Nach einigen Tagen im Toprope waren die Bewegungsprobleme gelöst, die Einzelzu?ge geklettert und ein Name gefunden: „Das Gesicht“. Der Durchstieg, geschweige denn der Vorstieg interessierten „Flipper“ nie – Hauptsache, er hatte das Schachproblem, das ihm der Fels stellte, zugweise gelöst; nebenbei gesagt: „Flipper“ war auch ein ganz hervorragender Schachspieler.

Und dann kam Jerry! Mit bu?rgerlichem Name Jeremy Moffatt aus Sheffield – und mischte im Jahr 1983 die europäische Kletterszene gewaltig auf! Wo er auftauchte, kletterte er die schwierigsten Routen – meist on sight, und wenn nicht, dann mit nur ganz wenigen Versuchen. Wolfgang Gu?llich hatte ihn nach Oberschöllenbach eingeladen – in die legendäre Kletterer WG um Kurt Albert, Norbert Sandner, Norbert Bätz und Ingrid Reitenspieß.

In der Fränkischen wiederholte Jerry nicht nur die schwierigsten Routen von Wolfgang und Kurt Albert, sondern löste auch gleich ein altes Toprope Problem von „Flipper“ Fietz, den gewaltigen Felsu?berhang namens „Ekel“ im Trubachtal – und es gab die erste IX+ in Deutschland.

Aber Jerry war ein rechter Nimmersatt und wollte mehr! Also fuhr Wolfgang mit ihm ins Altmu?hltal, zeigte ihm das „Flipper“ Projekt „Gesicht“ und Jerry war begeistert von dem senkrechten, glatt abweisenden Felspfeiler am Schellneck. Nachdem er sich u?ber die Route abgeseilt, die Griffe geputzt und die notwendigen Bohrhaken gesetzt hatte, gab es kein Halten mehr. Über abschu?ssige Fingerlöcher hinauf zum Untergriffquergang, dann weite Zu?ge zu einem großen Loch und schließlich hin zum „Gesicht“. Die Sequenzen rund ums „Gesicht“ machten Jerry am meisten zu schaffen. Immer wieder stu?rzte er ins Seil – ablassen zum Boden. Ein Ausbouldern aus dem Hängen im Seil (= hangdogging) war nach den englischen Kletterregeln streng verpönt – the devil is a hangdogger! Der „JoJo Style“ erlaubte allerdings, das Seil im höchsten erreichten Haken hängenzulassen und bis zur Sturzstelle toprope zu klettern; aber jeder weitere unbekannte Meter wurde zu einem neuen Onsight Problem. Am zweiten Tag war Jerry schon fast am Ausstieg – da schnitt ihm ein messerscharfes Einfingerloch einen tiefen Cut in den Finger: Sturz und Schluss! Nach zwei Wochen war zwar der Finger verheilt, aber keiner aus der WG wollte mehr mit Jerry ins Altmu?hltal zum „Gesicht“ fahren. „Es war einfach zum Heulen!“, erinnert er sich heute daran. Schließlich erbarmte sich Chris Gore, ein Freund von Jerry aus England, der ebenfalls in Oberschöllenbach zu Besuch war, und fuhr mit Moffatt ans „Gesicht“. Ob er es im ersten oder im zweiten Versuch schaffte, daran kann sich Jerry heute nicht mehr erinnern – nur daran, dass es eigentlich kein großer Deal mehr war. Als er die Umlenkung clippte, wurde aus dem Gesicht „The Face“ – die erste Route im Schwierigkeitsgrad X- in Deutschland. Jerry konnte beruhigt zuru?ck nach England fahren, denn seine Duftmarken hatte er unu?bersehbar in der Fränkischen hinterlassen.

Dass „The Face“ ein wirklich hartes Brett ist, bestätigt die Mammut Pro Team Athletin Barbara Bacher – bei ihren Versuchen im Januar war es zwar zu kalt fu?r einen Durchstieg, aber sie betont, dass es sich um eine knallharte 8a+ handelt: „Ich habe schon viel leichtere Routen in diesem Schwierigkeitsgrad geklettert.“ Aus Vogelschutzgru?nden ist der Schellneckkopf zwischen Februar und Juni gesperrt – deshalb wartet Babsy nun auf den Herbst – viel Erfolg fu?r den Durchstieg! Die beiden Augen in der Wand am Schellneckkopf jedenfalls halten Ausschau nach ihr.

Postscriptum: Nachdem Wolfgang Gu?llich im Jahr 1984 eine der ersten Wiederholungen von „The Face“ abgehakt hatte, machte er sich umgehend daran, an der benachbarten Kastlwand ein anderes „Flipper“Projekt zu lösen – „Kanal im Ru?cken“ im Schwierigkeitsgrad X oder 8b, weltweit die erste Route in diesem Schwierigkeitsgrad! Somit beherbergten die Felsen im Altmu?hltal kurzzeitig die beiden schwierigsten Routen europaweit – aber nur eine Zeitlang, denn der Klettersport entwickelte sich rasant weiter…