Rückschau „Reclimbing the Classics“: Von Tabu-Brechern und Grenz-Gängern

Wer Grenzen überschreiten will, muss Regeln verletzen, Tabus brechen. Wer auf des Messers Schneide tanzt, kann abstürzen oder neue Dimensionen erreichen. Das Mammut-Projekt "Reclimbing the Classics", das die rasante Entwicklung des Sportkletterns zwischen 1979 und 1991 Revue passieren lässt, zeigt Tabu-Brecher, Grenz-Gänger und Grenz-Überschreiter - und die Mammut-Athleten, die auf den Spuren der besten Kletterer jener Zeit unterwegs waren...

1989: 8c+ oder XI-

Ben Moon (links) hat gut lachen, denn Hubble hat erst vier Wiederholungen; Sean McColl steht in den Startlöchern... (c) Rainer Eder
Ben Moon (links) hat gut lachen, denn „Hubble“ hat erst vier Wiederholungen; Sean McColl steht in den Startlöchern…

„Hubble“: Wer wäre denn berufen, etwas über „Hubble“ zu sagen, wenn nicht der Meister selbst – Adam Ondra, der derzeit mit Abstand erfolgreichste Sportkletterer. Auf www.planetmountain.com schrieb er 2012 über die Touren, an denen er gescheitert ist – dazu gehört auch „Hubble“ – und es klingt so:

„Die erste 8c+ weltweit könnte meiner Meinung nach auch leicht 9a sein. Es ist zwar nicht gerade die tollste Linie, eher ein Boulderproblem mit Seil und leichterem Ausstieg. Aber man muss zugeben, dass die Schwierigkeit für die damalige Zeit geradezu revolutionär war. Ich glaube, dass „Hubble“ auf keinen Fall leichter ist als „Action Directe“, die ein Jahr später als erste 9a der Welt eröffnet wurde. Ich versuchte die Route zwei Tage, das erste Mal 2010 nach dem Weltcup in Sheffield, und ich konnte keinen Einzelzug klettern, nicht einmal den mit den Untergriffen, an denen Malcolm Smith für ein Foto von Heinz Zak nachchalket! Ein Jahr später, am letzten Tag eines England-Trips, arbeitete ich intensiv an den Einzelzügen und spürte, dank harten Campus-Board-Trainings in den Wochen zuvor, schon einen Fortschritt. Obwohl ich kurz vor dem Durchstieg war, scheiterte ich. Echt stark, diese Engländer!“ Wenn dies keine Ansage ist… Sean McColl in den ersten harten Zügen von Hubble (8c+); leider blieb ihm der Durchstieg versagt. (c) Rainer Eder
Sean McColl in den ersten harten Zügen von „Hubble“ (8c+); leider blieb ihm der Durchstieg versagt.

1991: XI oder 9a-

Gerd Heidorn erzählt Jan Hojer, wie er die Bilder von Wolfgang Güllich in Action Directe fotografiert hat. (c) Rainer Eder
Gerd Heidorn erzählt Jan Hojer, wie er die Bilder von Wolfgang Güllich in „Action Directe“ fotografiert hat.

„Action Directe“: Eigentlich wurde über Wolfgang Güllich schon alles geschrieben, was es zu schreiben gibt. In fast jeder Episode von „Reclimbing the Classics“ taucht sein Name auf, denn er hat das Sportklettern in der Zeitspanne zwischen 1980 und 1992 geprägt wie kein anderer. Nachdem ihm 1983 die erste Wiederholung von „Grand Illusion“ gelungen war, sprach er das erste Mal vom X. Schwierigkeitsgrad.

Im Jahr darauf realisierte er mit „Kanal im Rücken“ die weltweit erste Route im glatten Grad X (8b), 1985 folgte mit „Punks in the Gym“ (Mt. Arapiles, Australien) die Steigerung zur ersten 8b+ weltweit, 1987 kratzte Wolfgang mit „Wallstreet“ (8c) am unteren XI. Grad, und über „Action Directe“ braucht man keine Worte mehr zu verlieren. Das legendäre Bild von Wolfgang Güllich in den ersten Zügen von Action Directe (9a) (c) G. Heidorn
Das legendäre Bild von Wolfgang Güllich in den ersten Zügen von „Action Directe“ (9a) – Foto: G. Heidorn

Ein Mann mit ungeheuerer Kreativität, dem die Ideen nie ausgingen, der immer auf der Suche nach Neuem war. Ein Grenzgänger im Wortsinn: Man erinnere sich nur an seine Free-Solo-Begehungen von „Sautanz“ (IX-/7c) oder „Separate Reality“ (5.11d/VIII+).Und als es im Sportklettern nichts mehr zu holen gab, übertrug er seine Ideen vom Freiklettern auf die hohen Felswände im Karakorum – genannt sei nur die erste freie Begehung der „Jugoslawenroute“ (VIII+) am Nameless Tower (6251 m).“Wen die Götter lieben, der stirbt jung…“ Das Zitat des griechischen Dichters Plutarch trifft kaum jemanden besser als Wolfgang Güllich, der am 31. August 1992 bei einem Autounfall ums Leben kam. Jan Hojer klettert ungefähr die gleiche Stelle... (c) Rainer Eder
Jan Hojer klettert ungefähr die gleiche Stelle…

Epilog

1979 bis 1991 – das sind zwölf Jahre, in denen die Kletterschwierigkeiten vom Grad X- bis zum schier unglaublichen Grad XI geschraubt wurden. Die Classics des Sportkletterns, die in den sechs Episoden vorgestellt werden, sind Meilensteine, die die Handschrift ihrer Erstbegeher tragen – absolute Könner ihres Fachs und die besten Kletterer ihrer Zeit. Die Idee des Fotografen Rainer Eder, diese Legenden des Sportkletterns mit den Athleten des Mammut ProTeams zusammenzubringen, ergab eine faszinierende Melange aus Jung und Alt.

Mancher der jungen Kletterer war noch nicht einmal geboren, als die Route eröffnet wurde, die er klettern wollte. Die berühmten Namen der Erstbegeher kannten die Jungen nur aus der Literatur. Und dann standen sie sich gegenüber vor der Kamera von Nico Falquet – die Jungen und ihre „Heroes“: Obwohl zwei unterschiedliche Generationen, so sprachen beide die gleiche Sprache, denn die Leidenschaft fürs Klettern verbindet sie.

Klettern ist nicht nur Leistungssport, sondern auch ein Lebensgefühl. Die Reise in die Vergangenheit des Kletterns hat sich für alle gelohnt!