Am vergangenen Montag fand in München die offizielle Deutschlandpremiere des Films Nanga Parbat von Joseph Vilsmaier statt. Senator Film hatte mich zu diesem Spektakel in die Landeshauptstadt eingeladen.

Über-Reinhold am Nanga Parbat

Eigentlich hätte man sich das Ambiente für die Premiere eines solchen Film nicht besser vorstellen können. Als ich mich am Montag Abend gegen 18:30 Uhr am Sendlinger Tor in München auf dem Vorplatz des Filmtheaters in die beachtliche Schlange vor dem Zelt mit dem Schild "Gäste" einreihte, schneite es ohne Unterlass. Wie treffend für den primär in der Kälte des Karakorums angesiedelten Film über die tragische Nanga Parbat Expedition von 1970 bei der Reinhold Messners Bruder Günther ums Leben kam.

Fotostrecke: Nanga Parbat Filmpremiere in München

Fotos: © Martin Joisten

Das war es dann aber auch schon mit den Parallelen, denn in München gab es nichts bedrohlicheres als Blitzlichtgewitter und eine gewisse Sauerstoffknappheit hervorgerufen durch die – trotz des freien Himmels – parfümgeschwängerte Luft der weiblichen und männlichen Premierengäste. Auch schien es, als ob viele der Münchner C und D – Promis auch mal endlich wieder über einen roten Teppich laufen wollten, um sich von der Journalistenmeute ablichten zu lassen. So gab es neben den "bekannteren" Promis, wie Michael "Bully" Herbig, Uschi Glas oder auch Theo Waigel auch solche, die man schon öfter im Tatort, Bergdoktor (beim durchzappen!) oder sonst wo gesehen hat – deren Name einem aber noch nicht mal auf der Zunge liegt.

Die Zeit bis zum Erscheinen der Hauptdarsteller vertrieb ich mir durch schmackhaften Jagertee, der dankenswerterweise gereicht wurde. Der Abend konnte also beginnen. Als dann die Akteure erschienen, war schnell klar, dass die Schauspieler auf dem roten Teppich nur eine Nebenrolle spielten. Die "Stars"´des Abends waren eindeutig Reinhold Messner, der bei dem Film als "Berater" fungierte und der Regisseur Joseph Vilsmaier. Viele Fotos später ging es in das Filmtheater alter Schule – will heißen: Dunkelrotes Interieur nebst höher gelegenem Balkon.

Nach einer kleinen Einleitung durch einen lokalen Radiomoderator startete dann schließlich der Film vor voll besetztem Haus und das Drama (in jeglicher Hinsicht) nahm seinen Lauf. Die Story ist hinlänglich bekannt oder kann zumindest in den unten aufgeführten Artikeln nachgelesen werden, daher direkt zu meiner Kernaussage: Der Film ist so flach, wie der Nanga Parbat hoch.

Man sollte nicht meinen, dass sich Joseph Vilsmaier, der schon auf beachtliche Filme zurück schauen kann, zu solch einer Schmierenkomödie herablassen kann. Den älteren Hauptdarstellern kauft man keinen Dialog ab, sie spielen, als würden sie den Text unvorbereitet vom Teleprompter ablesen und wären daher nicht fähig die damit verbundenen Emotionen zu transportieren. So schafft es Florian Stetter als Darsteller von Reinhold Messner die komplette Länge des Films über mit nur einem Gesichtsausdruck seinem Team und dessen Leiter gegenüberzutreten – spöttisch, abschätzig, besserwisserisch. Na Bravo! And the Oscar goes to … somebody else.

Leider agiert ausgerechnet Karl Markovics als Expeditionsleiter Dr. Karl Maria Herrligkoffer am besten. Leider, da Herrligkoffer sicherlich als Zerrbild seiner wahren Persönlichkeit dargestellt wird, ohne ihn persönlich gekannt zu haben. Der Expeditionsleiter wird gezeigt als armes, kleines Würstchen, das sich stets in den Vordergrund spielen möchte, sich nicht durchsetzen kann, ein ums andere Mal Messner um Hilfe bittet oder von diesem bei den Entscheidungen übergangen wird und von seinem Sprachgebahren anscheinend im Zweiten Weltkrieg als Texter und Sprecher der Wochenschauberichte stramm deutsch von der Front berichtet hat.
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Reinhold hingegen glänzt ein ums andere mal ohne Makel. Reinhold weiß wo es lang geht, Reinhold rettet die Expedition, Reinhold kennt das Wetter besser, Reinhold hat den einzig wahren Plan für den Aufstieg, Reinhold wird es allen zeigen, Reinhold hier, Reinhold da, Reinhold über alles – der Über-Reinhold eben. Aber eigentlich sollte es doch auch um Günther gehen, oder nicht?

Und das tut es dann irgendwie auch noch zusätzlich. Es ist hier nicht das alte "Reinhold – Helge" Spiel (Sorry!), sondern das "Reinhold – Günther" Spiel, das nun mal keinen Raum mehr für andere Charaktere außer eben Herrligkoffer lässt. Aber selbst der Filmtod von Günther Messner, dessentwegen der Film überhaupt entstanden ist, lässt die Zuschauer an diesem Abend in München schlichtweg kalt. Zu wenig wurde Sympathie für die Messners aufgebaut und zu schlecht wurde der Überlebenskampf und das vermutete Ende filmisch umgesetzt. Von den schaurigen Dialogen mal ganz zu schweigen. Wer ähnliche filmische Aufgaben besser umgesetzt sehen möchte, der sollte sich mal "Sturz ins Leere" oder sogar "Nordwand" (!) anschauen.

Zudem gibt es eine Szene, die sicherlich noch für ausreichend Zündstoff sorgen wird: Nachdem die Messners bereits auf dem Abstieg über die Diamirseite waren, gelangten Felix Kuen und Peter Scholz auf den Gipfel. Dort finden Sie einen Handschuh, konstatieren "Die Messners sind tot", fallen sich vor Freude in die Arme und rufen "Wir sind Gipfelsieger." So etwas macht dann schon sprachlos und auch wütend, denn wer will sagen, was sich dort oben wirklich abgespielt hat, da beide schon lange tot sind. Zudem ist ein solch asoziales (neudeutsch für "unkameradschaftliches") Verhalten wohl durch nichts belegt. Warum also diese Szene?

Und was wäre ein Film über diese Expedition, wenn nicht auch dort der Versuch unternommen würde, der Expedition unterlassene Hilfeleistung vorzuwerfen, obwohl dieser Vorwurf bereits seit den 70er Jahren als nicht zutreffend staatsanwaltschaftlich festgestellt wurde.

Dann gibt es noch ein paar kleinere und im Vergleich zu den bereits erwähnten Geschichten eigentlich nicht nennenswerte Mängel über die ich aber dennoch gestolpert bin. So kann man bei anfänglichen Kletterszenen am Heilgkreuzkofel moderne Sportkletterschuhe erkennen – am Gipfel tragen die Messners dann jedoch dicke Bergstiefel. Auch hat Kuen oder Scholz am Gipfel des Nanga Parbat eine feine Gore-Tex Jacke an – die gab es allerdings zu dieser Zeit noch gar nicht. Und selbst ein Berater Messner konnte den nachfolgenden Dialog zwischen seinem Film-Ich und seinem Film-Bruder nicht verhindern: Günther: "Reinhold – das war ganz schön knapp. Gib es zu! Und nur weil Du keine Bohrhaken verwendest!" Reinhold: "So ist das eben beim Freiklettern." Hm!

Was ist denn nun gut an diesem Film? Die Landschaftsaufnahmen! Die kann man sich wirklich mal anschauen, aber das trägt nun mal leider keine Handlung, wenn es sich um einen Spielfilm oder vielmehr um ein Bergsteiger-Drama handeln soll.

Irgendwann war der Film dann auch zu Ende und – wie sich das bei einer Premiere gehört – gab es einen netten Applaus. Dann kamen flugs alle Schauspieler auf die Bühne und man lobte noch einmal die gute Zusammenarbeit und zeigte sich durchwegs stolz auf diesen Film, der immerhin 7 Millionen Euro gekostet haben soll. Wie schön für alle Beteiligten und eigentlich heißt es ja: "Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul."

Diesem Motto folgend pilgerte ich anschließend mit einem Teil der Münchner "Bussi-Bussi" Gesellschaft – darunter auch ein bekannter Schönheitschirurg – noch in den Augustiner Keller und ließ es mir dort mit einem reichhaltigen Buffet und ein paar Halben Augustiner gut gehen. In der Nacht brachte mich dann die S-Bahn schließlich trotz Schneetreibens pünktlich nach Hause und entließ mich emotional unbefleckt in eine ruhige Nacht.

Reinhold Messner hat über den Film einmal gesagt, dass es keine Heldengeschichte werden soll. Nun – das stimmt. Es wurde keine Heldengeschichte – es wurde vielmehr ein Heldenepos aus Messners Sicht – allerdings mit teilweise sehr hohem Fremdschämfaktor.