Julian Linke verstarb am 09.10.2006 an den Folgen eines Motorradunfalls. Nun erhielt ich eine E-Mail von Robert Schmid mit der nachfolgenden Geschichte zum Gedenken an Julian, verbunden mit der Bitte diese bei mir zu veröffentlichen, was ich natürlich gerne mache. All dies ist auch mit dem Vater von Julian abgesprochen…

Webmaster

 

„….als Kletterer hättest du ein großer werden können…“ (Dicki)

Zum Gedenken an Julian
eine kleine Geschichte, die sich wirklich zugetragen hat. Gewidmet insbesondere seiner Familie, u. allen die ihm Nahe standen. Die Geschichte datiert aus Julians Anfangszeit des Kletterns und heißt

Theorie u. Praxis des Kletterns o.
Wachablösung

Zeit: Winter 2003, Julian vielleicht 16 o. 17 Jahre alt
Ort: die grüne (lange) Dachroute im SCN, Schüblerstraße

Die Dachroute hatte ich mir hart erarbeitet, bestimmt 2 Monate lang 2-3 mal pro Woche „ackern“ in der Horizontalen. Die Crux der (aufgrund ihrer Länge) mit 9- bewerteten Dachtour war die Ausstiegskombination vom Dach in die Senkrechte. Man musste zweimal mit rechts an kleinen Griffen weiterziehen, anstatt sich mit der linken gleich an einen größeren „Henkel“ in die Irre locken zu lassen. Eine trickreiche Kombination, die sich Uwe (Gellersen) ausgedacht u. geschraubt hatte. Es dauerte eine Weile bis sich einem diese Kombination erschloss und dann – für Otto-Normal-Kletterer – noch zwei bis drei Weilen bis man sich über die Fuzzelgriffe hinausarbeiten konnte. Aber gerade deswegen eine interessante Herausforderung für den Hallenwinter, die es mir angetan hatte.

Nachdem ich den Schlüsselzug endlich geknackt hatte, und die Tour wieder einmal kletterte schaute mir Julian zu. Als ich ziemlich geschafft unten ankam, strahlte er mich breit grinsend an.

„Was ist los, wieso grinst du denn gar so?“, fragte ich etwas irritiert.
„Weil ich die Tour jetzt endlich auch klettern kann“, versicherte er mir freudig.

Mir war ganz entgangen, dass er sich anscheinend auch schon in der Tour versucht hatte. Und ich fand es etwas seltsam, dass Julian mich erst die ganze Route beobachtete, bevor er mir von seinem Erfolg erzählte. Wir hatten ja kurz vorher noch miteinander geplaudert. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Wahrscheinlich wollte er mir durch die Blume sagen, dass er die Tour schon vor mir klettern konnte und machte etwas Brimborium.

„Wann bist du sie denn durchgestiegen?“, fragte ich daher leicht säuerlich.
„Ich war schon ein paar Mal drin, aber durchgestiegen bin ich sie noch nicht.“
„Aber gerade hast du gesagt, dass du die Tour klettern kannst!!?“,  ich jetzt mühsam beherrscht…
„Ja, weil ich mir den Schlüsselzug gerade von dir abgeschaut habe.“ erklärte er mit unbewegter Miene.

Verarschen kann ich mich selber“, dachte ich mir und versuchte einen Anflug von schelmischen Grinsen in seinem Gesicht zu finden. Was ich stattdessen fand war schlimmer, als das, was ich zu finden gehofft hatte.

Nichts…….!!!

Julian verzog immer noch keine Miene. Er hatte es ernst gemeint.

Mit einem gequälten
„Aja……“
beendete ich das Gespräch.

Aus Lebenserfahrung wusste ich, dass es keinen Sinn macht über solche Dinge mit einem überheblichen 16 o. 17-jährigen Jugendlichen zu diskutieren. Die Antworten, die ich ihm hätte geben können, würde er sowieso bei seinem nächsten Versuch an der Dachkante bekommen.

„Von wegen einmal den Zug abschauen und dann durchsteigen, Grünschnabel, Angeber……“

Erschöpft u. leicht genervt band ich mich aus und machte es mir auf einem der legendären Metallstühle bequem.

Julian anscheinend, schien meine Gedanken zu ahnen. Er schnappte sich das Vorstiegsseil und stieg sogleich in die Route ein. Mit erstaunlich ruhigen Bewegungen arbeitete er sich bis an die Schlüsselstelle heran, als er wie ich erwartet hatte ins Stocken kam.
„Jetzt tropft er gleich ab“, frohlockte ich innerlich, „lange kann er sich an der Stelle sicher nicht mehr halten“. 

Meine Mutter pflegte bei solchen Gelegenheiten, bzw. wann immer es sich anbot zu sagen „Hochmut komm vor dem Fall“.
Aber Julian kannte meine Mutter nicht, sonst hätte er sich anders verhalten, als das, was er jetzt tat.

Neugierig inspizierte er immer noch in der Waagrechten hängend die Ausstiegsgriffe und zog nach 2-3 Sekunden seelenruhig mit der gleichen stoischen Vehemenz wie vorher um die Kante hinaus in die Senkrechte.

Wieder auf dem Boden schnaufte er ein paar Mal tief durch, bevor er zu mir herüberschaute.

Dann schnaufte auch ich tief durch und…………….
……………da war es plötzlich, das schelmische Grinsen, das ich vorher in seinem Gesicht vergeblich gesucht hatte!

Nachwort:
Lange Zeit verdrängte ich, was sich damals  wirklich ereignet hatte. Erst sehr spät konnte ich dem Ding einen Namen geben, das da heißt Wachablösung.

Mit der Zeit jedoch änderte sich meine innere Bewertung dieses Erlebnisses. Meine anfängliche Befürchtung war, dass jetzt jede Woche einer kommt wie Julian und mir zeigt „wo der Hammer hängt“. Als Wandbetreuer wäre ich bald der schlechteste in der Halle, als solcher nicht mehr tragbar und meine Kletterbemühungen würden im besten Fall Mitleid erregen, vermutlich aber eher noch in tragischer Komik enden, ähnlich einer alternden Diva, die nicht erkennen will, dass sie in der Rolle der jugendlichen Dulcinea eine Fehlbesetzung ist. 

Aber zum zweiten Mal in dieser kleinen Geschichte wurden meine Erwartungen „enttäuscht“.
Die Woche darauf kam nämlich kein zweiter 16-jähriger Julian, der sich mal schnell nebenbei ein paar „Hammerzüge“ abguckte, um dann zwar nicht auf, aber vor meiner Nase die Wand hoch zu tanzen………..

Die übernächste Woche wartete ich wieder vergeblich………..

Und auch das Monat drauf, und das Jahr darauf, und das nächste Jahr………..

Allmählich begann ich mich zu beruhigen und es kristallisierte sich immer mehr heraus, dass Julian eben ein absoluter Ausnahmekletterer war.

Natürlich gibt es immer wieder hochtalentierte ehrgeizige Jungspunds, die sich innerhalb von ein bis zwei Jahren bis in den neunten Grad katapultieren. Die meisten sind wirklich nette Kerle mit berechtigtem Stolz, die – wenn sie nicht gerade Klettern – einigermaßen Bodenhaftung behalten. Aber es gibt natürlich auch die  Überflieger, die mit ihrer grandiosen Selbsteinschätzung nicht hinter den Berg halten, ungeachtet ob es einen interessiert o. nicht.

Paradoxerweise hilft mir gerade beim Umgang mit Letzteren das Erlebnis mit Julian. Mit seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten hat er für mich den Maßstab gesetzt, mit dem ich wahrscheinlich noch Generationen an Nachwuchstalenten messen werde – vor allem und gerade die,  die am meisten von sich überzeugt sind.

            „Solange du A….. nicht so gut bist wie Julian, hast du überhaupt keinen Grund dich als etwas besonderes zu fühlen. Und wenn du ihn und seine Entwicklung gekannt hättest, dann würdest du jetzt still und leise ans Campus-board gehen und noch `ne Stunde trainieren, anstatt uns die Ohren voll zu soßen……“, habe ich schon so manchem im Geiste entgegnet. 

Meistens geht es mir dann wieder deutlich besser.

Dank Julian zumindest so gut, dass ich die Großtaten der „Jungspunds“ mit einem gelassenen „Nicht schlecht, nicht schlecht…….“  quittieren kann und mein ABER ( „…im Vergleich zu Julian…….“) mit freundlicher Nachsicht stecken lasse.

Danke Dir, Julian und………….
…………………see us later!

Robert Schmid
(Kletterwandbetreuer SCN)

Siehe auch:
Julian Linke tödlich verunglückt