Der kleine Patzer bei seinem letzten Weltcupfinale in Wujiang (China) und die anstrengende Rückreise waren nicht spurlos an Sebastian Halenke vorübergegangen. Wieder zurück im Lande, kämpfte er noch eine gute Woche mit unruhigen Nächten, Motivationslosigkeit und starker Müdigkeit.

Sebastian Halenke berichtet:

Sebastian Halenke in "Iron Man" (9a) (c) Archiv Halenke
Sebastian Halenke in „Iron Man“ (9a) (c) Archiv Halenke

Die Tage schleppten sich buchstäblich dahin. Eine kleine Abwechslung zum routinemäßigen Trainingsalltag war demnach bitter notwendig und dem goldenen Herbst (wenigstens im Allgäu) sei Dank, bot sich diese Option in greifbarer Nähe!

Vor einem guten Jahr zeigte mir Maxi Klaus (Bundestrainer im Lead) ein Klettergebiet namens Tiefenbach, nur einige Kilometer von Oberstdorf entfernt, in dem er zu seiner aktiven Zeit zahlreiche Routen zwischen dem achten und neunten Franzosengrad eingerichtet hatte. Schon auf dem ersten Blick war ich damals von der Wand angetan, denn im Gegensatz zu vielen anderen Felsriegeln mit High-End-Routen, sind die meisten Wandbereiche kaum mehr als zehn bis zwanzig Grad überhängend, wobei man zu einem Großteil sogar leicht geneigte Ausstiegsplatten vorfindet.

Die Felsstruktur ist dabei durch massiven Kalkstein in guter Qualität geprägt, was alles in allem zu einer technisch anspruchsvollen, kleingriffigen Kletterei auf höchstem Niveau führt. Der einzige Haken an der Sache: Für die schweren Linien sind kühle Temperaturen und eine beständige Periode mit wenig Regen unabdingbar.

Zufällig, waren nun all die nötigen Faktoren gegeben, weswegen ich circa eineinhalb Wochen nach China die guten Bedingungen nutzte, um endlich einmal die Kletterei dort zu probieren. Mein Kletterpartner an jenem ersten Tag in Tiefenbach war Manuel Brunn, einer der starken Lokalmatadoren aus der Region, der mir die richtigen Linien zum „Reinkommen“ zeigte. Nach einigen eher moderaten „Warm-Ups“ und einer netten 8a, bot er mir an, zusammen mit ihm in die Tour „Iron Dome“ (9a) zu gehen, die er seit einer Weile immer wieder in Abständen versucht hatte.

Durchaus ein wenig respektvoll wagte ich mich also in die relativ kurze (ca 17 Meter lang) und eher flache Linie (bis zum ersten Drittel knapp 20° überhängend, danach senkrecht). Doch auf Grund der guten Beta von Manu konnte ich zu meinem Überraschen alle schweren Züge des ersten Drittels ziemlich schnell klettern und auch der darauf folgende, etwas diffizile Teil löste sich besser auf, als erwartet.

Bei meinen drei Versuchen, die ich an jenem Tag noch in der Route machte, musste ich jedoch feststellen, wie stark der Teufel manchmal im Detail steckt: Jedes Mal fiel ich wegen eines minimalen Fehlers – in meinem besten GO sogar an einem eher „leichten“ Zug im oberen, senkrechten Teil – nur, weil ich einen Tritt zehn Zentimeter zu weit innen benutzte. Ich musste mich also vorerst geschlagen geben…

Sebastian Halenke in "Iron Man" (9a) (c) Archiv Halenke
Sebastian Halenke in „Iron Man“ (9a) (c) Archiv Halenke

Aber schon drei Tage später, bot sich eine neue Chance! Es war der Samstag des 31. Oktobers: 10°C Außentemperatur, blauer Himmel und strahlender Sonnenschein… ein goldener Herbsttag wie aus dem Bilderbuch und mein Entschluss war sofort gefasst: „Auf geht’s nach Tiefenbach!“. Was ich jedoch nicht bedacht hatte, war, dass man an einem klaren Tag erst sehr spät in „Iron Dome“ gehen kann, da gerade diese Linie sich bis 15:00 Uhr in der prallen Sonne befindet und wie ein Spiegel aufgeheizt wird.

Doch einfach nur abwarten wollte ich an solch einem traumhaften Tag nicht, weswegen ich kurzerhand entschloss, schon einmal mit dem Klettern zu beginnen, auch wenn ich dabei einige Körner liegen lassen würde. Nach einigen Stunden voll von abwechslungsreicher Kletterei in interessanten Linien zwischen 7c und 8b, war schließlich die Zeit für einen ernsthaften Versuch gekommen:

Überraschend locker gingen mir die eigentlich schweren Züge ab Höhe des zweiten Hakens von der Hand und die Positionierungen saßen… aber zu früh gefreut! Denn nur zwei Clips weiter oben rutschte mir bei einem etwas wackeligen Schnapper der linke Fuß und ich fand mich verärgert in den Seilen hängend wieder.

Zum Glück verblieb mir noch einiges an Zeit, weshalb ich nach einer soliden Pause mit ein wenig Ablenkung abermals mein Glück versuchte. Wieder liefen die schweren Meter nahezu problemlos und auch den für mich unangenehmen „Umschnapper“ von einem Einfingerloch zu einer Seitleiste mit Daumenloch konnte ich beinahe kontrolliert klettern.

So war ich zügig bis auf die Hälfte der Route gelangt, ohne viel Kraft verloren zu haben. Lediglich ein paar kippelige Plattenmeter im 8b-Bereich trennten mich nun noch von den leichten Ausstiegszügen, aber die Fingerspitzen waren praktisch taub vor Kälte. „Jetzt nur keinen Fehler machen!“, dachte ich mir, und kletterte jeden Einzelzug sehr behutsam und vorsichtig, denn keinen der Griffe vermochte ich mehr zu spüren…doch siehe da: Solide bekam ich den ersten Minihenkel zu fassen, nahm mir lange Zeit, um mich zu sammeln und konnte schließlich die letzten Meter bis zum Umlenker genießen…

Es war also endlich getan! Mit der (ersten) Wiederholung (im fünften Versuch) von „Iron Dome“ hatte ich meine erste 9a-Route gepunktet, was mir nach China wahrhaftig einen Selbstvertrauens- und Motivationsaufschwung verlieh!