Der Walliser Bergführer Michel Siegenthaler feiert zehn Monate lang Geburtstag

  • Im Wohnmobil durch Kanada?
  • Eine Kreuzfahrt auf der Queen Mary 2?
  • Wanderurlaub im Tirol?
  • Von wegen!

Zu
seinem sechzigsten Geburtstag macht sich der Walliser Bergführer
Michel Siegenthaler ein aussergewöhnliches Geschenk und besteigt
sechzig 6’000er in Südamerikas Anden. „Was er macht, ist
toll!“ Strahlt Elke Siegenthaler. Während ihr Mann Michel zu
seinem Sechzigsten sechzig 6’000er zwischen Chile und Ecuador
besteigt, aktualisieren Elke und Sohn Boris ständig seine
Homepage, einen Gipfel nach dem anderen. Sechzig 6’000er ein
Familienunternehmen! „Es ist hart, die Behaglichkeit Cuscos zu
verlassen, die Familie meiner Tochter Natalie und vor allem Elke, die
noch vier Tage hier verweilt“, schreibt Michel kurz vor dem 50. Gipfel
in sein Tagebuch. „Aber die Vernunft ruft, ich muss vorangehen, sonst
werde ich die 60 Gipfel niemals bis Ende Juni schaffen.“

Am 15.
September 2004 hat Michel den 6092 Meter hohen San Pablo bestiegen, in
der fast unheimlichen Atacama – Wüste durch seine Weite und
Öde, der Auftakt zu seiner zehnmonatigen Expedition. Und auch nach
fünfzig 6’000ern schwingt Begeisterung in seiner Stimme mit:
„Der Aufstieg ist sehr mühsam. Ich erreiche den Gipfel um 8.30
Uhr. Es ist grossartig und ich bin überglücklich!“ Kraftakte
auf dem Weg zum Gipfelsturm, Kälte bis unter minus 30 ° C
zwischen 4 und 6000 m Höhe, Hitze bis über 30 ° C in der
Ebene um 3000 m, starke Stürme mit Biss, Schnee, Eis, aber ohne
Verbissenheit – Michel geniesst seine Abenteuer trotz Strapazen. „Ich
bin glücklich und stolz, über das Privileg hier zu sein!“
Schreibt er nach der Besteigung des 6145 Meter hohen San Pedro. Nicht
um sich zu quälen ist er in die Anden gereist, sondern aus
Ehrfurcht vor der Natur und ihren Schönheiten. „Ich bewundere die
riesengrossen Plateaus – Räume, in denen man ganz klein wird und
die gleichzeitig viel Platz für Emotionen lassen“, schwärmt
er.

Partner am Berg
Die
Idee alle 6’000er der Andenkette zu besteigen kommt Michel zum
ersten Mal nach einer Expedition mit einer Jugendgruppe im Januar 2001.
Nach ausführlicher Recherche findet er heraus, dass es sich um
mehr als 120 Berge handelt. Schnell ist der Entschluss gefasst: Sechzig
Gipfel sollen’s sein zum Sechzigsten! Die Vorbereitungen für
die Expedition erstrecken sich über ein Jahr. Sponsoren und Karten
müssen gefunden werden, Partner für die Besteigungen und den
Transport. „Ich hätte nie gedacht, dass die Vorbereitungen mehr
Zeit in Anspruch nehmen, als die Expedition selbst“, sagt Michel auf
die Planungsphase angesprochen. Die Gipfel der Cordillera Blanca
alleine zu besteigen, wäre reiner Wahnsinn. Die Routen sind
technisch schwierig, von spaltenreichen Gletschern durchzogen, lange
Gratwanderungen wechseln mit wilden Überhängen. „Für
viele Routen werden sich mir deshalb Freunde und langjährige
Kunden auf eigene Kosten anschliessen“, so Michel.

Für Träume leben
Trotz
Unterstützung von Sponsoren und privaten Spenden, Kleidung des
Schweizer Bergsportmaterial Herstellers Mammut, Hardware von Petzl,
verschlingt Michels Geburtstagsexpedition ein Vermögen. „Ja, wir
haben unsere Zweitwohnung verkauft“, gibt Elke verschmitzt zu.
Nachtrauern werde sie dieser aber nicht. Schliesslich ist auch sie in
Michels Projekte involviert. „Früher sind wir oft zusammen auf
Berge gestiegen, ich kenne die Berge gut und liebe sie ebenso wie
Michel. Für mich ist seine Expedition ein eigenes Abenteuer!“,
sagt die gebürtige Deutsche. Heute engagieren sie sich gemeinsam
für Michels Bergsteigerschule, realisieren Kletter- und
Bergsteigerprojekte für Jugendliche. Elke kümmert sich um die
Administration und verbindet das Praktische mit dem Schönen.
Während der Expedition stehen die beiden über E-Mail
miteinander in Kontakt. „Die letzten drei Wochen hatte er ein
Satellitentelefon dabei“, meint sie lachend. Die kurzen Anrufe bedeuten
ihr sehr viel. „Meist sagt er zwar nur: Ich bin auf dem Gipfel Nummer
soundso, alles ist gut. Aber das ist schon sehr schön!“ Am 18.
Juni 2005, zehn Monate nachdem er aufgebrochen ist, steht Michel
Siegenthaler auf dem 6310 Meter hohen Chimborazo, der einzige 6000er in
Ecuador. „Gipfel Nummer 60!“ Hört Elke durchs Telefon. Sein Traum,
die 60 Gipfel in den Anden, vom Marmolejo – der südlichste 6000er
unseres Planetens – bis zum Chimborazo – der nördlichste des
südamerikanischen Kontinentes – zu besteigen, ist in
Erfüllung gelangen. „Warum nur träumen? Man muss auch
versuchen, seine Träume zu verwirklichen“, entgegnet Michel listig.

Ankommen – aufbrechen
Zurück
in der Schweiz lässt Michel die Reise Revue passieren.
Riesenglück habe er gehabt, schwärmt der 60 jährige zu
Hause in Grimisuat im Zentralwallis. „Das Wetter war überwiegend
ausgezeichnet, im Atacama Gebiet immer sonnig aber sehr stürmisch,
im Süden Chile und Argentinien schön, aber häufig
Gewitter, sowie in Bolivien, und hin und wieder hatte es auf den
Gipfeln starken Nebel. Technisch anspruchsvoll sind die letzten zehn
Gipfel dennoch gewesen. Mit Pickel und Steigeisen über steile
Eiswände und bei tiefem Schnee mit Schneeschuhen geht’s
Richtung Gipfel, durch Labyrinthe von Gletscherspalten und
eindrucksvollen Wechten über unseren Köpfen.“ Aber aufgeben
kommt für Michel nicht in Frage. „Natürlich gab es beim
Aufstieg Momente in denen ich gezweifelt habe, oder wenn ich abends im
kalten Zelt lag und es war richtig ungemütlich. Aber ich
hätte es vor mir und gegenüber den Freunden, die mich
unterstützt haben, nicht verantworten können, dass ich ohne
einen echten Grund aufgegeben hätte.“

Dass Michel mit
seinen 60 Jahren eine Mordsleistung vollbracht hat, interessiert auch
die Wissenschaft. Mit Hilfe von Messgeräten, die er am Körper
trug, werden die Daten seiner Expedition von der Uni Lausanne
ausgewertet. Immerhin hat er neuneinhalb Monate auf über 3'000
Metern über Meer gelebt und viele Nächte zwischen 4'000 und
6'000 Metern geschlafen.

„Zurück in Grimisuat konnte ich
erst Mal zwei Nächte kaum schlafen – wegen der Wärme“, findet
er energiegeladen. Deshalb zieht es Michel schon eine Woche nach seiner
Ankunft wieder in die Höhe. „Eine kleine Tour über die
Waldgrenze“, wie er lachend sagt. Und: „Ich muss unsere Walliser Berge
begrüssen, nicht dass diese neidisch werden!“

Siehe auch:
www.alpirama.ch