Frustration. Dieses Wort fällt oft im Gespräch mit Stefan Glowacz. Wahlweise nutzt er das Wort deprimiert, um seine Gefühlslage zu beschreiben. Es ist ihm nicht zu verdenken. "Alles hatte sich gegen uns verschworen", sagt der Profikletterer nach seiner Rückkehr aus Patagonien.

Vier Wochen Sturm und Kälte am Fitz Roy: Stefan Glowacz ist aus Patagonien zurück Dort wollten er und sein Team eine Route an einer 1.200 Meter hohen, unbezwungenen Granitwand am Fitz Roy (3.406 Meter) eröffnen. Sie mussten kapitulieren, ohne überhaupt in die Wand eingestiegen zu sein. Vier Wochen lang beherrschten Sturm, Schnee und Kälte den Berg. Dabei hatte die Reise außergewöhnlich gut begonnen – und genau das war das Problem.

24. Januar 2012. Stefan Glowacz, Horacio Gratton, Holger Heuber, Christian Schlesener und Klaus Fengler landen in El Calafate in Patagonien. Bei wolkenlosem Himmel. Und dieser Ausblick – er raubt den Bergsteigern den Atem. Sie haben schon viele schöne Landschaften auf ihren Expeditionen ans Ende der Welt gesehen.

"Doch diese Skyline, die Gebirgsspitzen der Anden wie Perlen an einer Kette aufgereiht – unbeschreiblich", schwärmt Glowacz. Auch auf ihr Ziel, den Fitz Roy, haben sie einen perfekten Blick. "Es war grausam", sagt Glowacz unvermittelt. Denn dieser 24. Januar soll der letzte Tag eines ungewöhnlich langen Schönwetterfensters sein. Und darauf soll ein ebenso langes Schlechtwetterfenster folgen. Mit überaus schlechtem Wetter.

Wochen zwischen Hoffnung und Frust

Die Tage und Wochen nach diesem ersten perfekten Tag waren geprägt von Hoffnung und Frust. Hoffen darauf, dass der Himmel doch noch ein paar Tage aufreißen würde. Und Frust, als buchstäblich jede Hoffnung begraben wurde, die 1.200 Meter hohe Wand mit dem "faszinierenden Riss-System" zu bezwingen, die Glowacz seit seiner ersten Fitz-Roy-Expedition 2009 nicht mehr losgelassen hat.

"Ich war topfit. Es hätte alles so gut gepasst."

Gleich am nächsten Tag nach ihrer Ankunft machten sich die fünf auf den Weg zum Einstieg. Jeder schleppte rund 40 Kilogramm. "Eine Plagerei", gibt Glowacz zu. Doch er war gut vorbereitet. "Ich war topfit, auf den Punkt genau. Es hätte alles so gut gepasst."

Bei Sturm kämpfte sich das Team bis an den Wandfuß, wo sie die Ausrüstung für die 30-Seillängen-Tour deponierten: Haken, Klemmkeile und Fixseil, etwa 80 Kilogramm schweres Material, gut verstaut in einem Sack, fixiert am Felsen.

Von allen Seiten prüften die Kletterer die Konstruktion. "Wir waren uns sicher: Der Sack ist so schwer und so gut gesichert, dass ihn der Sturm niemals mitreißt." Noch am selben Tag stiegen die fünf wieder ab. "Das Wetter war eine Katastrophe". Und wurde in den folgenden zwei Wochen nicht besser.

Extrem viel Niederschlag und extremer Sturm

Jeden Tag rief das Team im Internet die Satellitenbilder auf. Immer dasselbe Bild: "Extrem viel Niederschlag. Sturm und ungewöhnliche Kälte." Trotz seines Frustes sieht Glowacz das Positive: Hätte sich die Infrastruktur in den vergangenen Jahren nicht so sehr verändert, hätten wir untätig in der Eishöhle am Berg ausharren müssen."

So hatten sie zumindest "ein tolles Basislager". Denn der Argentinier Horacio Gratton bewohnt das unfertige Haus eines Freundes. Dort war zwar alles "super minimalistisch"- "wenn du duschen wolltest, musstest du den Holzofen einschüren und zwei Stunden auf warmes Wasser warten". Doch für die fünf, die das Übernachten in Zelten und im Portaledge in der Wand gewohnt sind, war es Luxus.

Lawine reißt Material mit sich – "Totaler Wahnsinn"

Die Kletterer standen unter permanenter Anspannung. Doch die erhoffte Hochdrucklage setzte nicht ein. Nach drei Wochen in Patagonien machten sie sich "trotz widriger Bedingungen" noch einmal auf zum Einstieg. Dorthin, wo sie das Material zurückgelassen hatten. Dort war – nichts. Eine Lawine hatte den Sack weggerissen. "Wir standen alle fassungslos da. Das war totaler Wahnsinn."

Es hatte in den vergangenen Tagen und Wochen so viel geschneit, dass viele kleine Lawinen aus den Rinnen der Wand abgegangen waren. Mit Schaufel und Pickel begann das Team seine Suchaktion. "Wir haben einen halben Tag investiert, um den Hang umzugraben. Aber wir fanden nicht eine Spur." Vermutlich war der Materialsack in einer der vielen Spalten verschwunden. Die Expedition war damit endgültig gescheitert.

Ganze Motivation gilt neuem Projekt

"Auch mit der Ausrüstung wär's vorbei gewesen", weiß Glowacz. Die Wand war komplett vereist und das Thermometer stieg auf maximal minus fünf Grad. Auf eine Niederlage ohne jede Chance waren die Kletterer nicht vorbereitet. "Wir sind gescheitert, obwohl wir nicht einmal eingestiegen sind. Das ist so deprimierend." Und doch richtet Glowacz den Blick nach vorne, auf ein neues Projekt in der Verdonschlucht in der Provence.

Mit seinem Freund Christian Schlesener will er dort im Sommer eine von ihnen eingerichtete Mehrseillängen-Route rotpunkt klettern. Diesem Projekt gilt Glowacz“ ganze Motivation. "Darauf freue ich mich richtig." Sogar seinen Frust kann er darüber kurz vergessen.