Noch 4 Wochen bis zur Boulder-EM 2015 in Innsbruck

Sie zählen zu Österreichs größten Medaillenhoffnungen für die bevorstehende Boulder-Europameisterschaft am Innsbrucker Marktplatz (13.-16. Mai 2015): EM-Titelverteidigerin Anna Stöhr und Allround-Wettkampf-Ass Jakob Schubert.

Jakob Schubert und Anna Stöhr (c) Raiffeisen/Christian Forcher
Jakob Schubert und Anna Stöhr (c) Raiffeisen/Christian Forcher

Im gemeinsamen Interview sprechen die beiden Lokalmatadore über die ideale Vorbereitung, ungewöhnliche Wettkampfsaisonen und „ihr“ Innsbruck.

Ein Monat liegt noch zwischen euch und der Heim-Europameisterschaft in Innsbruck – was sagt das Gefühl: Kann das Saison-Highlight kommen?

Anna Stöhr: Mein Gefühl ist gut! Ich weiß, dass ich die vier kommenden Wochen bestimmt brauchen werde und muss jetzt auf alle Fälle noch Gas geben – viel individuelles Training und auch schwerpunktmäßig gemeinsam mit dem Team. Aber ich bin sehr zuversichtlich und motiviert!

Jakob Schubert: Dem kann ich zustimmen. Ich habe extrem viel Selbstvertrauen vor allem am Fels gesammelt, gerade erst meinen bisher schwersten Fels-Boulder gemacht (Anm.: „Bügeleisen SD“, 8c) und auch das Training läuft super. Ich hoffe, das geht so weiter, damit ich mich vielleicht noch etwas steigern und dann gut in die Saison starten kann.

Wie kann man sich das Training, die Vorbereitung in den letzten Wochen in Hinblick auf ein Großereignis vorstellen?

Jakob Schubert: Da heuer im Studium weniger ansteht als in den vergangenen Jahren, habe ich die letzten Monate genutzt, um viel im Freien unterwegs zu sein – was auch gut in die Vorbereitung hineinpasst. Die kommende Aufbauphase werde ich jetzt in erster Linie in der Halle verbringen, mich an die Kunstgriffe gewöhnen und viel im Innsbrucker Tivoli bouldern mit dem Fokus, Maximalkraft aufzubauen. Etwa die letzten zwei Wochen vor einem wichtigen Wettkampf gehe ich mit der Intensität wieder etwas runter, d.h. ich mache dann keine Sachen mehr, die mich für längere Zeit müde machen und schaue, dass ich komplett ausgeruht und mit der perfekten Form in den Bewerb gehe. Das wäre das Ziel!

Anna, für dich ist es ja bereits die zweite Heim-EM in Innsbruck, wie sind deine Erinnerungen an die Marktplatz-Premiere 2010?

Anna Stöhr: Die sind sehr schön! Mir ist damals wirklich alles aufgegangen: Ich habe als Favoritin meinen ersten EM-Titel holen können und das in dieser Arena vor so vielen Leuten und bei super Stimmung. Das hat total Spaß gemacht und ich habe nur die besten Erinnerungen daran – abgesehen vielleicht von der Quali, wo ich fast noch rausgeflogen wäre! Da erinnere ich mich schon, dass ich sehr nervös war. Im Halbfinale und Finale habe ich aber die mentale Strategie komplett umstellen und es dann einfach nur genießen können, vor dieser Kulisse zu klettern.

Video: Boulder-EM 2015 Trailer

Ist das generell ein Thema: Der Druck, vor heimischem Publikum zu klettern?

Anna Stöhr: Bei mir ist es schon so, dass ich mir bei einem Heimbewerb selber einfach mehr Druck mache, weil ich eben in Innsbruck vor diesem Publikum gern zeigen will, was ich draufhabe. Wenn ich in China ausscheide, ist das natürlich auch total blöd, aber in Innsbruck ist es noch einmal viel bitterer. Da ist der innerliche und äußerliche Druck noch einmal ein bisschen größer und da muss ich schon immer schauen, dass ich damit gut umgehen kann.

Jakob Schubert: Das stimmt, gerade wenn Familie und Freunde zuschauen, will man einfach noch mehr geben. Gleichzeitig ist das Heimpublikum im Rücken natürlich auch ein großer Vorteil: So begeistert angefeuert zu werden kann genau das kleine bisschen ausmachen, auf das es letztendlich ankommt. Gerade ich verspüre bei dieser EM aber nicht so einen großen Druck, da ich aufgrund meiner Ringbandruptur vom Vorjahr im Bouldern so lange nicht mehr mit dabei war. Ein weiterer Vorteil in Innsbruck ist auch, dass man die Wand und auch einige der Griffe schon von den letzten Jahren kennt.

Es ist recht ungewöhnlich, dass eine Wettkampfsaison gleich mit ihrem eigentlichen Höhepunkt, der Großveranstaltung im Kalenderjahr, losgeht: Die Europameisterschaft in Innsbruck ist ja -aufgrund der kurzfristigen Absage des Boulder-Weltcups in Grindelwald/CH -gleichzeitig der erste internationale Boulder-Bewerb im Jahr 2015. Wie sehr unterscheidet sich solch ein Saisonauftakt von anderen Weltcupjahren?

Jakob Schubert: Es macht schon einen Unterschied, besonders für mich, da ich eben aufgrund meiner Verletzung mit dem Weltcup in München 2013 meinen letzten internationalen Boulderwettkampf geklettert bin. Zudem ist das Bouldern einfach ein spezieller Modus, der manchmal einer gewissen Gewöhnungsphase bedarf. Meist bekommt man von Bewerb zu Bewerb mehr Sicherheit und ich hoffe einfach, dass es heuer von Beginn an gut läuft. Im Endeffekt ist die Situation aber für alle dieselbe. Und ich glaube, dass das die EM für die Zuschauer sogar noch spannender macht – es wird wahrscheinlich so einige Überraschungen geben!

Ein zweites Charakteristikum des heurigen Boulder-Jahres liegt in seiner Überschaubarkeit: Lediglich fünf Weltcups, einer davon in Europa, bilden die IFSC-Gesamtwertung 2015. Was ist die Athletensicht der Dinge zu dieser Entwicklung?

Anna Stöhr: Diese Entwicklung ist aus meiner Sicht auf alle Fälle sehr problematisch, da muss der internationale Verband unbedingt schauen, dass diese Baustelle wieder behoben wird. Es ist so, dass die Wettkämpfe in Europa immer am besten besetzt sind und dass man diesem Potenzial die Bewerbe entzieht, das ist auf jeden Fall nicht zukunftsträchtig. Das Problem ist, glaube ich, dass die Veranstalter nicht mehr bereit sind, Weltcups durchzuführen. Früher, also zu Beginn meiner Karriere waren die Veranstaltungen einfach noch viel unprofessioneller. Da hat Innsbruck wirklich auch eine Tür geöffnet und gezeigt, wie man so etwas lässig durchführen und Massen begeistern kann. Auch in München geht das immer total gut auf. Ich glaube, dass der Anspruch einfach gewachsen ist und dadurch ist es schwierig, so ein Event zu veranstalten.

Was habt ihr euch für den Heimauftritt vorgenommen?

Jakob Schubert: Möglichst viel Selbstvertrauen und Stärke vom Fels mitzunehmen – denn nur, weil man stark bouldern kann, heißt das noch lange nicht, dass man im Wettkampf auch gut abschneidet. Will ich einen sehr schweren Felsboulder machen, dann kann ich mir im Grunde einen auf der Welt aussuchen, auf diesen hintrainieren und vielleicht an diesem speziellen Problem extrem stark sein. Um im Wettkampf erfolgreich zu sein, muss man eigentlich auf alles vorbereitet sein – Platten, jede Art von Griffen, Herausforderungen der Routenbauer usw. Wer keine Schwächen hat, hat die besten Chancen konstant zu sein und ins Finale zu klettern. Das will ich in Innsbruck erreichen!

Anna Stöhr: Also ich habe auf alle Fälle einen EM-Titel zu verteidigen, aber auch mein Ziel ist in Innsbruck -wie immer -ins Finale zu klettern. Das allein ist schon nicht so leicht, weil ja doch die Erwartungen sehr hoch sind. Die Tatsache, dass die EM-Goldene von Eindhoven 2013 noch sehr hell strahlt, macht alles andere beinahe schon zweitrangig. Aber für mich geht es wirklich darum, ins Finale zu klettern und dann vor diesem Heimpublikum einfach Gas geben zu können!

„Dein“ Innsbruck in 3 Worten?
Anna Stöhr: Zuhause. Spaß. Wohlfühlen.
Jakob Schubert: Jung. Sport. Berge.