"Blind Climber" Andy Holzer, der sich derzeit mit einer Expedition am Mount Everest befindet, versucht einmal den Stand der Dinge vor dem Hintergrund des fürchterlichen Erdbebens, das Nepal heimgesucht hat, in Worte zu fassen.

Klemens Bichler, Andy Holzer und Florian Brunner (c) Wolfgang Klocker
Klemens Bichler, Andy Holzer und Florian Brunner (c) Wolfgang Klocker

Andy Holzer schreibt:

Die Bergsteiger mit deren Sherpas, die genau wie wir Vier, seit Anfang April mit einem Herzensziel unterwegs sind, unseren Traumberg, den Mt. Everest zu besteigen, wurden seit dem extremen Erdbeben vom 25 April um die Mittagszeit (Lokalzeit) genau so wie der Rest der Erdbevölkerung tief getroffen von diesem schrecklichen Ereignis.

Für uns hier oben im „vogeschobenen Basislager“ (ABC) auf 6.400m Höhe ist der Informationsfluss des Geschehenen wahnsinnig eingeschränkt und wir sind auf kurze Blitzmeldungen die von Zelt zu Zelt, von Camp zu Camp, durch die Köpfe verschiedenster Menschen mit unterschiedlichsten Mentalitäten, bis zu uns vordringen, angewiesen.

In jeden Fall ist es auch uns klar, dass da etwas ganz ganz Fürchterliches passiert ist.

Es ist so unheimlich surreal, schon 9 km Luftlinie, genau auf der anderen Seite des Everest, auf dem meine sehenden Freunde täglich viele Stunden mit ehrfürchtigem Blick hier von Norden hinauf schauen, soll an dessen Südseite dieses Beben so nahe von uns, seine Opfer die in selber Passion und Freude unterwegs waren, so hart getroffen haben.

Das ganze Khumbugebiet, welches an der Südseite des Everest liegt, wo all die liebenswürdigen Sherpas die uns genau so wie den Opfern an der anderen Seite des Berges so beim Aufstieg helfen, zu Hause sind, soll ja auch sehr stark zerstört worden sein.

Es gibt so gut wie keinen Sherpa in unserem Team, der nicht enormen Schaden in seiner Heimat erfahren hat. Gott sei DANK, hat laut heutigen Wissensstand das Erdbeben, aus den Familien unserer Sherpas in meinem Team keine Menschenleben gefordert. Was in Kathmandu, den umliegenden Dörfern und Regionen mittlerweile an Opfern zu beklagen ist, drückt uns Vier auch gehörig an die Seele…

Ich selbst bin jetzt mit Wolfi so ziemlich in derselben Situation als es exakt vor einem Jahr gewesen ist. Auch da wussten wir nicht, was dieses Unglück nun für die Welt und auch uns bedeuten soll… So wie mich mein Verstand und mein Herz in meinem ganzen Leben schon nach großen Rückschlägen und anscheinender Benachteiligung geführt hat, war es auch letztes Jahr nach der Eislawine im Khumbueisfall nach 16 Sherpaopfern.

Ich stand wieder auf, motivierte mich und meine Freunde, meine Familie stand wieder hinter mir und wir versuchten gemeinsam, unseren Traum vom Everest aufs Neue zu realisieren.

Und nun gibt jeder alles, Wolfi sagt mir die Stufen und Steine an, Klemens steigt mit Flo hinter uns, alle Vier mit höchster Freude und Motivation, ganz oben im Östlichen Rongpuk Gletscher in Richtung ABC, und plötzlich reißt uns ein unheimliches Rauschen und Schütteln mit anschließenden Krachen und Poltern von Stein und Eislawinen links und rechts unseres Pfades aus unserer Konzentration.

Auf einen Schlag alles anders, die eigenen Prioritäten und Ziele, Träume und Sehnsüchte, alles nur noch sekundär. Einfach wieder knall hart mitgeteilt bekommen, „Andy, Du bist nicht im Paradies, es gelten andere Regeln als die Regeln, die Du Dir manchmal ausdenkst…“ Und das meine liebe Sabine und meine Leser, genau das hat mir mein Leben so oft schon versucht beizubringen…

Man hat selbst einfach nicht das Recht zu beurteilen, ob das Leben gerecht oder ungerecht zu einem ist. Man hat meiner Meinung lediglich das Recht, aus dem was ist, das seiner Meinung nach Beste zu gestalten. Und selbst dies geht öfters sauber in die Hosen.

So, nun noch zum Unwichtigeren, zu den Fakten unserer weiteren Vorgehensweise auf unserer Reise zum Dach der Welt.

Gestern Abend noch besuchten wir Vier, Klemens, Flo, Wolfgang und ich das Camp von Kari Kobler um Neues zu erfahren. Clemens Strauss, der so nette und liebenswerte Everestversucher aus Graz lud uns auf einen Tee ein. Auch Markus, Gerd und Richi unterhielten sich mit uns. Kari sei schon am Morgen in Richtung Basislager abgestiegen weil sich dort anscheinend ein Beamter aus der Chinesischen Regierung aus Lhasa einfinden sollte.

Eine große Besprechung bezüglich des weiteren Vorgehens am Everest soll stattfinden.

Heute Morgen erfuhr ich von Ted, unserem Sauerstoffmaskenspezialisten, der gleich neben uns sein Zelt aufgebaut hat, dass jetzt am Vormittag die Gespräche unten am Fuß des Berges weiter gehen und eine Entscheidung noch in den nächsten Stunden zu erwarten sei.

Wie lange die nächsten Stunden auch sind, es ist für alle nicht ganz leicht, in diesem Gedankengewirr seine Konzentration für das Ursprungsziel zu fokussieren.

Es ist wie ein Hohn, das Wetter könnte schöner nicht sein, Sonnenschein und warm unter Tags, Flo nur 600Hm, bzw. wenige Stunden unter seinem Ziel den Lhakpa Ri, und der Everest lockt uns hämisch mit seiner schneebedeckten Nordseite bis ins Essenszelt.

Nun warten wir einfach geduldig auf die nächsten Stunden, versuchen diszipliniert dem Sauerstoffmangel zu trotzen, und helfen uns gegenseitig wie es im Tal niemals denkbar wäre, diese enorme körperliche und geistige Herausforderung gemeinsam positiv zu erleben.

Mehr gibt es derzeit nicht zu berichten.

Wolfgang, Klemens, Flo und ich sind bei bester Gesundheit

Andy mit seinen Freunden

Ergänzung des Webmasters

In diesem Zusammenhang erreichte mich noch die folgende E-Mail von Stephan Keck aus Österreich:

Sehr geehrte Damen und Herren,

wie Sie sicher schon mitbekommen haben herrscht in Nepal Ausnahmezustand. Da wir schon seit vielen Jahren eine persönliche Verbindung zu vielen der Einheimischen Familien pflegen, ist es für uns selbstverständlich dass wir helfen. Bereits jetzt ist eine große Menge an Hilfsgütern bei uns eingelangt und es wird diese Woche noch viel mehr werden. Wir rechnen mit bis zu 6-10 Tonnen Material.

Ein Cargo Unternehmen unterstützt uns bei dem Transport und kommt uns sehr entgegen. Dennoch fallen Kosten in der Höhe von 1,50 € /kg an. Jetzt versuchen wir diese Kosten zu decken. Gerne würden wir auf eure Unterstützung zählen. Wenn Sie etwas dazu beitragen wollen um den Betroffenen in Nepal zu helfen, würden wir uns über eine Spende freuen. In weiterer Zukunft wollen wir uns auch am Wiederaufbau von Nepal beteiligen.

Alle finanziellen Mittel die wir dank der Spendenaktion sammeln, nachdem die Kosten für den Transport gedeckt sind, fließen zu 100% in dieses Projekt.

Wir bitten euch diese Informationen auch an eure Partner weiterzuleiten und danken für die Unterstützung.

Every Euro counts, donate to:
IBAN: AT08 2051 0000 0001 6261
BIC: SPSCAT22XXX
Empfänger: Step 0.1

Nähere Infos auch auf: www.alpinist.at/projekte/nepal-erdbeben-hilfsprojekt/ oder http://stepzeropointone.org

Vielen Dank

Stephan Keck