Der Schweizer Alpinist Roger Schaeli konnte vom 4. bis 5. Februar 2016 zusammen mit Seilpartner Friedrich Maderer über die Südostkante des Cerro Torre in Patagonien den Gipfel "by fair means" erreichen. Der Cerro Torre gilt als einer der herausfordernsten und schwierigsten Berge der Welt.

Roger Schaeli und Friedrich Maderer erfolgreich am Cerro Torre (c) Schaeli, Maderer

Roger Schaeli berichtet:

Nach meinen Begehungen des Torre Egger 2005 (Titanic, im Alpinstil in 32h) und des Cerro Torre 2006 (Kompressor Route, Alpinstil) war es nach wie vor ein Traum von mir, den Cerro Torre frei und „by fair means“ zu begehen. Dieser Berg ist von allen Seiten so schwierig und komplex zu klettern, dass er für jeden Alpinisten eine Herausforderung darstellt. Es gibt keine Seite, keine Kante, keine einzige Möglichkeit mit den Skis einfach hochzulaufen. Dieser Herausforderung stellte ich mich dieses Jahr im Februar.

Nach ein paar Tagen in El Chalten war es soweit. Am 4. und 5. Februar hatten wir richtig gutes Wetter. Friedrich Maderer und ich machten uns auf den Weg zum Gipfel des Cerro Torre. Natürlich waren nicht die einzigen, die bei den idealen Bedingungen die Südostkante am Torre in Angriff nahmen. Da meine beiden Schweizer Kollegen Tobias Sutter und Christian Ledergerber das Selbe vor hatten, stimmten wir uns mit der Logistik in einem Vierer-Team ab, kletterten jedoch als Zweier-Teams autonom. Wir tauschen Wurst gegen Manteccol (die beste Butterschokolade von Argentinien), teilten uns eine Gaskartusche zu viert, da Friedrich und mir unsere versehentlich runter gefallen ist! Wir waren ein super Team, die Stimmung war super!

Fotostrecke: Roger Schaeli und Friedrich Maderer am Cerro Torre

Etwas länger für den Aufstieg brauchten unsere Amerikanischen Freunde, welche mit Erfolg am Anfang der Bolttraverse die Freiklettervariante von David Lama ausboulderten und Schlussendlich auch frei kletterten konnten. Wir waren zum selben Zeitpunkt am Beginn des „Nadelöhrs“. Sprich, an der Stelle, an der es entweder links über die Freiklettervariante von David Lama geht oder direkt hoch in technischer Kletterei entlang eines schmalen Hakenrisses. Und da nun die Freiklettervariante über einige Stunden besetzt war, blieb uns wohl oder übel nur eine Wahl: den Weg über den Hakenriss zu meistern und uns auf den Gipfel zu konzentrieren.

Klar war mein primäres Ziel, den Gipfel „by fair means“ zu beklettern. Jedoch ist es auch ein Traum und Wunsch jeden Kletterzug am Cerro Torre frei zu machen. Und als Friedrich und ich am Standplatz ankamen, wo beide Seillängen wieder zusammen kommen, zerriss es mich innerlich fast. Ich müsste hier noch vielleicht 1-2h warten und dann die linke Seillänge auschecken und rotpunkt klettern. Und so wie ich es bei Josh beobachten konnte, handelte es sich Schlussendlich um geschätzte 6-7 schwere Züge.

Wir würden den ganze Rest des Tages an dieser einen Stelle verbringen müssen, wenn ich frei klettern wollte. Zum einen müssten wir waren, bis unsere amerikanischen Freunde Josh Wharton, Mikey Schaefer und Andrew Rothner endlich das komplette Feld geräumt hätten und zum anderen müsste ich die Stelle dann auch nach hoffentlich nur einmaligem abziehen des Seiles rotpunkt kletten. Obwohl zum selben Zeitpunkt die Sonne hinter dem Torre verschwand und es mit aufkommendem Wind sofort kalt und ungemütlich wurde, hätte ich extrem gerne die Freikletterseillänge versucht.

Es war eine verdammt harte Entscheidung, weiter zu klettern! Und das nicht probieren oder nicht probieren können plagte mich noch eine ganze Weile. Rückblickend war es jedoch die richtige Entscheidung. Wenn wir diesen halben Tag länger gebraucht hätten, wären wir spätestens in der Headwall des Torres in den Sturm gekommen. Das hätte zu 100% den Rückzug bedeutet, wir wären vor dem Gipfel gescheitert.

Also ging es nun darum, loszulassen und mich wieder zu 100% auf den Gipel des Cerro Torre zu konzentrieren. Nach einem unangenehmen Biwak und der steilen Eislänge bei den Eistowers erreichten wir die sehr anspruchsvolle Headwall, welche ich komplett frei klettern konnte oder besser gesagt musste. Denn die Headwall lädt nicht wirklich dazu ein, in eine der zweifelhaften Zwischensicherungen zu stürzen. By the way, mussten unsere argentinischen Freunde eine Woche zuvor in der Headwall wegen zu schlechtem Wetter umdrehen. Und mit eigenen Augen beobachteten sie, wie weiter rechts von ihnen eine 30 Meter hohe Felsschupe im Zeitlupentempo aus der Headwall des Torres kippte!

Wir erreichten schlussendlich alle heil und überglücklich den Gipfel des Cerro Torres.

A dream came true! Cerro Torre by fair means! Endlich durfte ich meinen Traum und Wunsch, wie ich es mir seit der Besteigung des Torre Eggers 2005 gewünscht habe, erfüllen.

Es war genial, dass alle an diesem Team den Gipfe erreichten. Es war ein Tag an dem alles passte und die Zeit reif war, für diese Route im freien Stil zu begehen.

www.rogerschaeli.ch