Hansjörg Auer und den Anthamatten Brüdern gelingt Erstbesteigung der Südwand des Kunyang Chhish Ost

Der 7.400 m hohe Kunyang Chhish Ost ist ein Nebengipfel des Kunyang Chhish, ein Berg im Gebirgszug Hispar Muztagh, der zum Karakorum in Pakistan gehört. Der Hauptgipfel des Kunyang Chhish ist 7.852 m hoch und steht damit an 21. Stelle der höchsten unabhängigen Gipfel der Welt.

Simon Anthamattan knapp unter dem Gipfel Der Berg

Der 7.400 m hohe Kunyang Chhish Ost ist ein Nebengipfel des Kunyang Chhish, ein Berg im Gebirgszug Hispar Muztagh, der zum Karakorum in Pakistan gehört. Der Hauptgipfel des Kunyang Chhish ist 7.852 m hoch und steht damit an 21. Stelle der höchsten unabhängigen Gipfel der Welt. Er wurde 1971 zum ersten Mal von einer polnischen Expedition unter der Leitung von Andrzej Zawada bestiegen. Der Ostgipfel dagegen blieb trotz mehrfacher Besteigungsversuche bisher unerklommen. Am erfolgreichsten war bislang der Anlauf des amerikanischen Bergsteigerduos Steve House und Vince Anderson. 2006 näherten sich die beiden dem Gipfel bis auf 300 m, dann scheiterten sie an einem steilen Felsabsatz und mussten umkehren. Die 2.700 m hohe Südwand des Kunyang Chhish Ost galt lange als eine der letzten unbezwungenen alpinen Herausforderungen.

Die ganze Geschichte des Aufstiegs – erzählt von Hansjörg Auer

Das erste Mal kamen wir mit unserem Projekt in Berührung, als wir entlang der Moräne des Hispar-Gletschers gingen. Es war auf einer grünen Hochebene bei Dachigam, dort, wo der Pumari-Chhish-Gletscher aus dem Fuße des Kunyang Chhish fließt. Flüsternd sagte ich zu Simon: "Ich fasse es nicht. Es ist wirklich ein Monster."Ich war überwältigt von der extremen Größe. Dieses riesige Amphitheater, umringt vom Süd-, Haupt- und Ostgipfel, war einer der wildesten und urtümlichsten Orte, die ich je gesehen hatte. Wir gingen weiter in Richtung Basislager. Plötzlich blieb Simon stehen. Die Wolken stiegen höher und gaben den Blick frei auf die gesamte Südwand, bis hoch zum pyramidenförmigen Gipfel des Kunyang Chhish Ost. Unsere Blicke trafen sich und eine sagenhafte Stille erhob sich um uns, als wir erkannten, dass das, was wir zuvor gesehen hatten, nur die Hälfte des Gipfels gewesen war.

Der Beginn der Expedition verlief nicht nach Plan: Zuerst hatten wir Schwierigkeiten, eine Genehmigung für die Besteigung des Kunyang Chhish ost zu bekommen. Das warf uns bereits einige Tage zurück. Dann rief Simon mich aus Bern an, um mir zu sagen, dass die Probleme mit seinem Pass geklärt waren – doch leider kam fünf Minuten später ein Anruf meines Bruders Matthias, der mit einer schweren Verletzung am Daumen auf dem Weg ins Krankenhaus war.Auf dem Gipfel Die Nachricht brachte mich so durcheinander, dass ich mich setzen und wieder zur Ruhe kommen musste. Wir hatten soviel Zeit in das Projekt gesteckt, so viel recherchiert und trainiert. Es kam mir vor, als sei die ganze Sache geplatzt. Doch Hindernisse sind Teil des Lebens. Also beschlossen Simon und ich, dass wir trotzdem weitermachen wollten. Auf ins Ungewisse!

20 Tage später, am 25. Juni, brachen wir zu unserem Erstversuch an der Südwand des Kunyang Chhish Ost auf. Die Tage davor konzentrierten wir uns ganz auf die Akklimatisierung. Wir versuchten, uns langsam an die Höhe zu gewöhnen. Wir erkletterten ein paar Grate und kleine Wände in der Nähe des Basislagers und schließlich den 6.400 Meter hohen Ice Cake Peak, auf dessen Spitze wir übernachteten. Als wir wieder unten waren, ruhten wir uns nur einen Tag lang aus und packten dann unsere Ausrüstung für den ersten Versuch am Kunyang Chhish Ost.

Zwischenzeitlich war auch Matthias angekommen. Seine Verletzung und die mangelnde Akklimatisierung machten es ihm jedoch unmöglich, uns zu begleiten. Er konnte nicht einmal mit auf den Ice Cake Peak steigen, was ihm schwer zu schaffen machte. Aber wir mussten uns streng an die Regeln halten, wenn wir gegen den Kunyang Chhish nicht verlieren wollten.

Simon und ich fühlten uns wirklich stark und leistungsfähig bei unserem ersten Besteigungsversuch. Am dritten Tag, als das Wetter umzuschlagen begann und der Wind immer stärker wurde, erreichten wir eine kleine Biwakstelle auf 7.000 Metern Höhe. Es war erst 14 Uhr, aber die Wetterbedingungen machten einen weiteren Aufstieg unmöglich. Die Biwakstelle war der Witterung stark ausgesetzt. Ich werde diese Nacht nie vergessen: Die ganze Zeit hoffte ich, dass wir nicht vom Wind fortgerissen würden, in die Dunkelheit des Karakorum.Am Morgen danach kam es noch schlimmer: Durch den kleinen, geschlossenen Reißverschluss unseres Zelts drückte der Schnee durch. Normalerweise gelingt es mir sehr gut, meine Gefühle in schwierigen Situationen am Berg unter Kontrolle zu halten. Doch an diesem Morgen war mir plötzlich klar, dass wir sofort handeln mussten. Sonst würde es der Berg unter uns tun. Wir packten zusammen und kämpften uns hinter zum Fuß der Wand. 14 Stunden später kamen wir zurück zu Matthias, durchgefroren, zermürbt und leer.

Vier Tage später unternahmen wir den zweiten Versuch. Diesmal zwangen uns zahlreiche Lawinen und tonnenweise frischer Schnee, bei 5.600 Metern umzukehren. Wir waren zu früh aufgebrochen, um das Wetterfenster nutzen zu können. Wir ärgerten uns, aber im Hochgebirge muss eben alles absolut perfekt sein. Zwischen Niederlage und Erfolg liegt nur ein winziger Unterschied. Einen Fehler kann man sich nicht leisten.