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Audrey Gariepy (Kanada), Ines Papert (Deutschland), Albert Leichtfried und Markus Bendler (beide Österreich) auf der Suche nach Neuland im Eis

Als Team reisten wir nach Island. Immer wieder führte uns der Weg zusammen, und doch hatten die Damen andere Ziele als die Herren. Und so kam es, dass verschiedene Gegenden der Insel erkundet wurden. Das Resultat: zahlreiche Erstbegehungen bis M10 und WI 6+ und jede Menge Spaß.

In Island fügen sich die Gegensätze der Elemente kompromisslos zusammen. Heiße Quellen, rauchende Erde, Vulkane und Geysire… das heiße Element. Auf der anderen Seite ließen Schneestürme, Gletscher und Eis unsere Herzen für die eiskalte Leidenschaft höher schlagen.

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Die Geschichte der Boys (Albert Leichtfried):

Der englische Name Islands klingt sehr verdächtig für einen Eiskletterer, verdächtig genug um einmal gründliche Nachforschungen anzustellen. Gespickt mit unzähligen e-mails der liebenswerten einheimischen Kletterszene flogen wir – Markus Bendler, Hermann Erber und ich – zwei Tage vor den Girls, am 20. Februar 2007 nach Reykjavik.

Einmal um die Insel – unser Plan

Während Hermann die Möglichkeiten Islands für gute Bilder im Kopf hatte, Markus die 183 PS unseres 4WD-Jeeps genau studierte, galten meine Sorgen dem Wetter. Als Meteorologe wusste ich über die Launen des Islandtiefs gut bescheid, auch über die immer wieder vorkommenden, mehrwöchigen Tauperioden.

Heuer war der Winter in Island im Vergleich zu unserem in den Alpen jedoch recht streng. Es hatte minus 2°C als wir uns mit den Locals zu einer Lagebesprechung im Alpenvereinshaus trafen. Der Plan war klar – wir werden die Insel einmal umrunden und beim Eiskletterfestival in Kaldakinn vorbei schauen (es wurde extra um eine Woche verschoben, damit wir dabei sein konnten). Unser Hauptaugenmerk galt dann den noch unerforschten Ostfjorden. Der Wetterbericht war erst einmal eine Erleichterung – kalt, richtig kalt sollte es werden.

Zum Eingewöhnen kletterten wir an der Westküste die beiden Routen „Alien Muffin“ WI 4 und „Dordingull“ WI 5-, erstbegangen von keinem Geringerem als Guy Lacelle. Gewöhnen mussten wir uns auch an die isländischen Wetterbedingungen – 120 km/h Wind mit blitzartigem Wechsel zwischen Sonne und Schneesturm.

Kaldakinn – 3 Seillängen für „Captain Hook“

Angekommen in Kaldakinn, zeigte sich die mehrere Kilometer lange Wand mit über 30 Routen aller Schwierigkeitsgrade in perfektem Zustand – wir kletterten gleich als Erstes die Toproute „Stekkjastaur“ WI 5/6. In Kaldakinn einzigartig ist die Möglichkeit direkt am Meer Eis zu Klettern – ein unglaubliches Erlebnis. Um den Mangel an Mixedrouten in Island etwas zu mindern, bohrten Markus und ich die 3-Seillängen-Route „Captain Hook“ ein. Der Name steht für den Niknamen von Hari Berger – eine würdige Route als Andenken – hoher Eisanteil, heikle Passagen an Eisglasuren und Drytooling an Rissen zeichnen diese lohnende Linie mit Schwierigkeiten bis M9+ aus.

Nach einem Bad in der 44°C heißen Lagune am Myvatn-See begann für uns das richtige Abenteuer. Wir versuchten an den Ostfjorden neue Möglichkeiten zu finden. In den ersten zwei Tagen unserer Suche fanden wir jedoch lediglich einen kurzen, aber dafür spektakulären Wasserfall, die Hälfte aus Eis – die andere Hälfte eine Wasserfontäne. Wir tauften die Route „Zoe Harisdottir“ – genau so klein und putzig wie Haris Tochter Zoe.

Marry me? – ein wirklich außergewöhnlicher Tag

Am nächsten Tag entdeckten wir bei schwerstem Schneesturm eine Postkarte vom 128m frei fallenden „Hengifoss“. Ich war mir fast sicher, dass dieser Fall nicht stehen würde, aber einen Versuch war es wert. Nach 1,5 Stunden Zustieg standen wir vor einer total verrückten Eisformation. Genauso wild wurde auch die Kletterei, es war definitiv der abgefahrenste Wasserfall, den ich je geklettert bin. Ich taufte die Route „Marry me?“, solide WI 6+ und schrieb meiner Freundin Vroni eine SMS – es war ernst gemeint. Nach 10 Jahren inniger Partnerschaft wird es nun eine Hochzeit geben!

Eastside Paradise – ein neues Gebiet wird entdeckt

Einen Tag später schauten wir zum nächsten Fjord und trafen voll ins Schwarze. Wir trauten unseren Augen nicht, als wir eine 20km lange Wand mit einer Eislinie nach der anderen entdeckten. Ich studierte den Wetterbericht und sah, dass wir in eine starke Tauperiode kamen und den nächsten Tag nutzen sollten. Wir suchten uns die drei schönsten Routen aus und kletterten bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt den ganzen Tag im Eis – es entstanden die genussreichen Routen „Sundlaug“ WI 4/5, „Albatros“ WI 5 (mit 180m der zweitlängste Wasserfall Islands) und „Superbelly“ WI 5.

Die Tauperiode wurde stärker, wir packten unser Eiszeug weg und mischten uns unter die „normalen“ Touristen. Wir sahen „Vatnajökull“ – den größten Gletscher Europas, den imposanten Wasserfall „Skogarfoss“ und lebten unsere Kletterlust an diversen Bauwerken Reykjaviks aus.

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Die Geschichte der Girls (Ines Papert):

Mit Audrey Gariepy hatte ich meine Wunschpartnerin für diesen Trip gefunden. Nicht nur die Klettertechnischen Qualitäten der 26-jährigen Kletterin aus Quebec beeindruckten mich stark, sondern auch ihre fröhliche und unverwüstliche Art. Nie vergingen uns Lachen und Freude am Eisklettern, auch wenn der Wind und die extrem feuchten Bedingungen uns oft auf eine harte Probe stellten.

Neue Routen bis WI 6+

Im Norden begann unser Abenteuer. Kaldakinn bot zahlreiche Möglichkeiten, eine interessante Linie neben der anderen machte uns die Wahl schwer. Aber uns reizten die schwierigen Linien, die uns die nur 40 Eiskletterer Islands unberührt gelassen hatten. So konnten wir mehrere neue Route erschließen.

Unsere Erste führte durch eine überhängende Wand, an der zahlreiche Eiszapfen und Glasuren klebten. Das erfreuliche Resultat „Wish you were here“ WI 6+ 100m widmeten wir unserem Freund Hari Berger. Weitere vermutliche Erstbegehungen wie „Coconut“ WI 5+ 100m und „Thule“ WI 5+ 120m kletterten wir tags darauf und beschlossen noch am selben Abend, dass wir ein „anständiges“ Projekt bräuchten.

1000m die Erste – können wir es schaffen?

Eine alte Idee von mir, sich einen 1000m langen Wasserfall zu kreieren, indem man so viele Routen klettert bis diese Höhe erreicht ist, stieß bei Audrey sofort auf Begeisterung. Noch am gleichen Abend wählten wir zahlreiche Routen (je 80-200m) aus, in die wir tags darauf mit dem ersten Morgenlicht starteten. Doch unser Plan ging in die Hosen, denn als es dunkel wurde, konnten wir gerade mal 550m zählen. Die schwierigen Bedingungen in Routen bis WI 6 hatten uns zu viel Zeit gekostet, die anvisierten Wasserfälle lagen zu weit auseinander, neben einigen anderen logistischen Fehlern.

Unbeabsichtigt gelang uns dabei die Erstbegehung einer Eissäule WI 6. Wir tauften sie „Akkulaar“ denn unsere Batterie ging stark dem Ende zu. Dieses Projekt stand also noch aus….aber unser Ehrgeiz war ungebrochen.

Erstbegehung M10

Zunächst zog es uns in den Osten an die zerklüfteten Fjorde. Nach einem langen Tag Autofahrt konnten wir die erwarteten hohen Wasserfälle nicht finden. Enttäuscht sollte der Tag aber nicht enden. Kurz vor Einbruch der Nacht entdeckten wir nahe Breidalsvik ein felsiges Amphitheater geschmückt durch zahlreichen Eiszapfen am Ausstieg. Endlich konnten wir unsere Hilti auspacken und eine Mixedroute einbohren.

Tags darauf fürchtete ich mich in dem nicht ganz so soliden Basaltgestein im Vorstieg Richtung Eiszapfen. Anschließend versuchten wir die schwierigen Passagen zu entschlüsseln und noch am gleichen Tag gelang mir die Rotpunktbegehung. Audrey punktete unsere M10 „Chocolat chaud“ 40m mit Ausstieg an vom Winde verbogenen Eiszapfen tags darauf, während Photograph Rainer Eder wie eine Spinne am Statikseil klebte…das Ergebnis sind schöne Bilder.

1000m – die Zweite – diesmal erfolgreich

Aber unser 1000m Projekt ließ uns keine Ruhe „we can do it…“ o-ton Audrey!!!… Dies motivierte uns, zurück in den Norden zu reisen. Zurück in Kaldakinn erwarteten wir den Kameramann Jochen Schmoll, der für Gallileo (Pro7) den Auftrag hatte, uns zu filmen. (Sendetermin in KW13) Unsere Logistik wurde überdacht, um Zeit zu sparen. Wir wollten nicht auf Sicherheit im Vorstieg verzichten. Vielmehr würde der Nachsteiger extrem schnell klettern, die Seilhandhabung und Standplatzübergabe konnte auch deutlich schneller funktionieren und die Auswahl und Reihenfolge der Routen wurde geändert. Auch konnten wir versuchen, leichtere Abschnitte simultan zu klettern.

So starteten wir am 4. März unter laufender Kamera um 7 Uhr (im Morgengrauen) in die schwierigen Routen (WI 5+), nach 400m wechselten wir in die „Steep Gullys“, welche sich allerdings deutlich länger und schwieriger als erwartet zeigten. Auch hier bewegte sich die Schwierigkeit zwischen WI 4-5. Während des Abseilens an Apalakovs addierten wir die Meter unserer 70 m Seile. Der Tag verging wie im Flug, und nach 13- stündiger Kletterei erreichten wir im Schein der Stirnlampen den Letzten der 1000 Meter. Glücklich aber müde fielen wir uns in die Arme. Es war eine interessante Erfahrung, die uns physisch und psychisch extrem forderte. Unser Wunsch ging in Erfüllung.

How do you like Iceland?

Mit vielen Impressionen im Gepäck verabschiedeten wir uns nach zwei erlebnisreichen Wochen in Island. Ein herzlicher Dank an die lokale Eiskletterszene, die uns mit ihren Tipps eine unvergessliche Zeit möglich machten. Auf die Frage, die uns nahezu jeder Isländer stellte: „How do you like Iceland?“ können wir nur sagen – „We loved it!“.

Siehe auch:
www.albertleichtfried.at
www.ines-papert.de