Vom
13. bis 15. Juli konnten Gerhard Schaar mit Seilpartner Josef Penker
die Grüblwand in der Reisseckgruppe (Hohe Tauern) erfolgreich
erstbesteigen. Die von den beiden größtenteils technisch
gekletterte Route bekam den Namen „Der längste Tag“. Die Route
wurde von unten erstbegangen, wobei Gerhard alle Längen vorstieg.
Dabei versuchte er, seinem persönlichen Könnensstand
entsprechend sowenig Bohrhaken als möglich zu verwenden. Die 12
Seillängen werden von ihm mit max. A2 / 6a bewertet.

Nachdem
die Seilschaft bereits im Mai seine Vorbereitungen abgeschlossen hatte
und auch bereits drei Seillängen einrichten konnte, gelang es
ihnen nun in einem dreitägigen Kraftakt die 350 m hohe Wand zu
„knacken“. Sie haben somit wohl eines der letzten großen
Wandprobleme in Ihrer Heimat – den Hohen Tauern – gelöst, und sich
einen großen gemeinsamen Traum verwirklicht.

„Der
längste Tag“ ist eine Anspielung an die Landung der alliierten
Truppen in der Normandie im 2. Weltkrieg, da ihr letzter Tag bei der
Erstbesteigung (inkl. Abstieg ins Tal) 14 ½ Stunden lang war,
und sie an einer Stelle in die Wand einstiegen, wo diese den
„Landungsversuch“ wohl am wenigsten erwartet hätte.

Im Folgenden der Bericht von Gerhard:

Nach 65 Jahren gelingt „Einheimischen“ die Erstbegehung

Im
breiten Kontext der Alpingeschichte nimmt sich unsere Unternehmung sehr
bescheiden aus. Allerdings sehen wir sie in der Historie der
Erschließung der Hohen Tauern als einen Meilenstein, da die
Grüblwand wahrscheinlich DAS letzte große Wandproblem dieser
Gebirgskette ist. Ca. 65 Jahre nach dem Besteigungsversuch des
Kolbnitzers Hias Kumnig, schaffen wir als Einheimische die
Erstbesteigung.

Sie ist auch Ausdruck unserer persönlichen
(Weiter)Entwicklung als Kletterer. Denn bei unserem ersten Versuch
1998, waren wir ohne einen Funken einer realistischen Chance, noch
kläglich gescheitert.

Langwieriger als erwartet

Nach
den Vorbereitungen Mitte Mai, wo wir bei schönstem Wetter auch
gleich die ersten drei Seillängen einrichten konnten, gestaltete
sich der Abschluss unseres Projektes als langwieriger als erwartet.
Zuerst zwang uns die „Schafskälte“, mit Schneesturm und
Temperaturen unter 0° zu einer mehr als 10tägigen Zwangspause.

Nach der Schafskälte geschah dann ein lehrreiches
Missgeschick. Als ich mit meinem Freund Roli Sint die Route
weitermachen wollte, riss die Bandschlinge mit der unser
Materialrucksack beim „Haulen“ fixiert war, kurz vor dem 3. Standplatz
ab. Der ca. 20 Meter frei fallende, 30 kg schwere Material Rucksack
streift Roli, der am 2. Stand wartet, zum Glück nur leicht. Er
zerreist dabei aber natürlich und das gesamte Material verteilt
sich am Wandfuß. Wie die Schlinge reißen konnte war uns ein
absolutes Rätsel. Jedenfalls beschließen wir, sehr
verunsichert durch das Geschehene, unseren Versuch für diesmal
abzubrechen.

Wie
sich später herausstellte, war es eine Schlinge von „Minimax“
Stefan Lieb. Er hatte die Schlinge bereits oft zum Ausnageln von Haken
in Technorouten verwendet, und sie dabei entsprechend beschädigt.
An ihr war der Bund der von ihm an uns geliehenen Aliens fixiert, und
ich hatte die Schlinge unachtsamer Weise ohne zu kontrollieren zum
Einbinden des Materialrucksackes verwendet.

Ende Juli schloss
ich dann mein Studium ab, was natürlich einiger Wochen intensiver
Vorbereitungen bedurfte. Anfang Juli regnete es dann wiederum
unaufhörlich und an ein Einsteigen war nicht zu denken. Ab dem 13.
Juli war dann aber für mindestens drei Tage stabiles
Hochdruckwetter vorhergesagt, welches wir dann schließlich auch
voll ausnutzen konnten.

Route verlangte uns alles ab

Eine
Erstbesteigung ist immer mit vielen Hindernissen, mit
klettertechnischen Überraschungen aber auch mit dem Erkennen der
eigenen Grenzen verbunden.

Alle diese Stationen wurden von uns
klassisch durchlaufen. Persönlich sehe ich die erfolgreiche
Auseinandersetzung mit, und die Überwindung der komplexen und
vielschichtigen Widerständen als die größte Genugtuung
und die eigentliche Leistung an.

Felstechnisch
machten uns die durchwegs geschlossenen Risse schwer zu schaffen.
Anstatt Klemmkeilen und Friends musste ich auf das mitgeschleppte
Sortiment an Normalhaken zurückgreifen. Neben einigen Winkel- und
Profilhaken, waren besonders alle Größen von Messerhaken
sehr gefragt. Als absoluter Schlager erwies sich mein kleinster
Messerhaken, den ich wohl an die 50 Mal anbringen konnte. Zwar reichte
es oft nur zum Belasten mit dem Körpergewicht, und der Haken war
dann wieder mit wenigen Hammerschlägen ausgenagelt, aber dennoch
war er einfach die einzige technische Lösung. Dafür konnte
ich in der gesamten Route keinen einzigen (!!!) Klemmkeil anbringen!

Einer
der weiteren Widerstände waren kleine Grasbänder, welche sich
reichlich in horizontaler aber auch direkt neben den Rissen vertikaler
Lage befanden. Sie erschwerten durch ihre lose Beschaffenheit das
Vorwärtskommen enorm. Festhalten konnte man sich daran nicht,
dafür waren sie zu locker. Man konnte sie aber auch nicht einfach
abreißen oder wegbrechen, um die darunter liegenden – vermuteten
– Risse oder Felsritzen freizulegen. Einerseits nehmen diese
Grasbänder der Route leider etwas vom felsigen Charakter, aber
andererseits sind die natürlichen Bedingungen eine
unveränderbare Größe die bei einer Realisierung einfach
akzeptiert werden muss.

Das
große Dach in der Mitte der Route, stellte die schönsten und
schwersten Längen (7. und 8.SL.) dar. Einerseits hängen die
Längen insgesamt an die 10 m über, und andererseits gab es
große, lockere, nach unten geschichtete Granitschuppen, welche
sich als eine große Gefahr für Vorsteiger und Sicherer
herausstellten. Mit über 4 Stunden benötigte ich für die
7. Seillänge auch bedeutend am längsten.

Nach dem
großen Dach wurde das Gelände wieder dankbarer, bevor in der
11. Seillänge das sehr brüchige Gestein in der vorhandenen
Verschneidung zu einem Quergang zwang. Die letzte Länge war dann
die einzige durchgehend frei kletterbare Länge in gutem Fels.

Auch
das Glück des Tüchtigen wird uns zuteil, da sich mit dem
letzten Standhaken am Ausstieg unser letzter Akku verabschiedet.

Die
letzten drei Tage verlangten uns mit dem zweistündigen Zustieg am
ersten Klettertag und 8 Stunden in der Wand, der zweite Tag mit 10
Stunden in der Wand und der letzte Tag mit 11 ½ Stunden in der
Wand, 2 Stunden Abstieg zum Biwak und 1 Stunde Abstieg bei tosendem
Gewitter und Regen zum Parkplatz alles ab.

Mir wurde die Ehre
zuteil, den Abstieg vom Gipfel zum Biwak in Kletterschuhen hinter mich
bringen zu müssen. Der Freddy weiß wovon ich spreche! Denn
aufgrund der großen Müdigkeit und dem heraufziehenden
Gewitter beschließen wir mit dem ganzen Material lieber etwas
länger abzusteigen, als einen möglichen Fehler oder eine
Komplikation – im zum Abseilen mit dem Materialrucksack teils
unfreundlichen Gelände – zu riskieren.

„Geschundener“ Sicherungspartner

Einen
ebenso wichtigen Teil wie ich als Vorsteiger, erledigte mein Partner
„Seppi“ Penker aus Kolbnitz. Er brachte sich bei den gesamten
Vorbereitungen, wie Materialtransport und Aufbau des Biwak ebenso ein,
wie beim Klettern selbst.

Er sicherte an allen vier Tagen mit
stoischer Gelassenheit, verbrachte Stunde um Stunde, in Hitze und in
Kälte, verlässlich am Stand. Er kämpfte mit den
Tücken versenkter Haken, mit den in Rissen verschwundenen Friends
und scheinbar heillos verklemmten Aliens.

Er musste dabei einige
sehr gefährliche Situationen überstehen, besonders, als ich
am letzten Klettertag eine wohl 20 kg schweres Felsschuppe abtrat,
welche direkt auf ihn stürzte. Glücklicherweise zerschlug die
Schuppe nur seine Uhr, sein Arm blieb wundersamer Weise unverletzt.

Als
Team, in welchem jeder seine Aufgabe hatte sind wir gestartet. Ein
Erfolg wäre ohne die gleichbedeutende Leistung des Andern nicht
möglich gewesen. Von der Unternehmung sind wir als Freunde, die
gemeinsam einen Traum verwirklicht haben, zurückgekehrt.

Angaben zur Route:

„Der
längste Tag“ 12 SL. / 350m, A2 / 6a; Gerhard Schaar / Josef
Penker, Juli 2005; Grüblwand – Reisseckgruppe / Riekengraben;

Material:
Aliens 0 bis 3 bzw. Friends / Camelots ½ bis 3″ einfach,
großes Sortiment an Haken (2 Bongs, je 3 große, mittlere
und kleine Messerhaken, je 2 kleine, mittlere und große
Profilhaken, je 3 mittlere und große Winkelhaken, 3 mittlere
Profil – Ringhaken);

Es wurden nur die nicht wieder entfernbaren Normalhaken und die Bohrhaken in der Route belassen!

Standplätze: Alle Stände sind mit 2 Bohrhaken (10 mm) und einer Seilschlinge eingerichtet;

Rückzugsmöglichkeit: Es kann mit einem 60m Doppelseil von jeder Stelle der Route, bzw. nach Durchstieg, abgeseilt werden;

Biwak:
Am Wandfuß befindet sich das „Hotel California“, ein
selbstgebauter „Unterschlupf“ unter einem überhängenden
Stein; ca. 50 m oberhalb befindet sich ein idealer Schlafplatz für
Schönwetter, ein großer Gesteinsblock mit einer ebenen
Oberfläche (Platz für 3 Personen);

Die einzige
„halbwegs“ mögliche Biwakmöglichkeit in der Route befindet
sich in der Mitte der 9. Seillänge. Hier könnte man zur Not
in einer kleinen Nische / auf einer kleinen ebenen Fläche
übernachten.

Wasser:
ca. 5 Minuten vom Biwak (auf gleicher Höhe südostwärts
haltend) gibt es einen Bach mit frischem Wasser. Bei anhaltender Hitze
kann dieser aber auch austrocknen. Dann muss man ev. 20 min. zum
Riekenbach absteigen.

Zustieg: Von
Kolbnitz mit dem Auto in die „Riekenalm“ / „Zandlacher Hütte“. Vom
Parkplatz der Schotterstrasse ca. 1 ½ km folgend, und dann
rechterhand bei einem Holzsteg auf die rechte Grabenseite wechseln
(nicht den markierten ÖAV Steig neben dem Wasserfall benutzen,
dies ist ein großer Umweg!). Hier dem „Viehsteig“ folgend steil
nach oben (bei einziger Abzweigung links aufwärts haltend) bis
dieser in einem leichten Auf und Ab auf einer Höhenlinie nach
links (Nordwesten) führt. Auf einer markanten Lichtung den
„Steinernden Mandln“ über Geröllhalden und Almwiesen folgend
zum Biwakplatz. Vom Biwakplatz bis zum Einstieg sind es nochmals etwa
10 – 15 Minuten.

Zustieg von Parkplatz in ca. 2 Stunden zum Wandfuß (mit viel Gepäck auch mehr).

Abstieg:
Am Gipfel über den Grat nach Nordosten, bis kurz vor dessen Ende.
Dann links absteigend zur Schotterhalde in eine breite Rinne. Diese
linkshaltend absteigen, bis man an den nördlichen Wandfuß
der Grüblwand kommt. Am Wandfuß entlang absteigen, bis man
„um die Kante“ (Südwestseite) kommt. Hier einmal kurz
rechtshaltend um dann wieder linkshaltend zum Biwakplatz zu gelangen.

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