Alles begann mal wieder mit einem Blick in meinen alten "Schweiz extrem". Schon seit Jahren lag dieses Buch an immer anderen Stellen im Auto und hatte arg gelitten, da es oft nicht in den übervollen Rucksack passte.

Jörg Andreas gelingt "Zahir+" (MSL 8c) an den Wendenstöcken Rotpunkt

Das einzigartige aber an diesem Werk war ein kleines Label auf dem Umband mit der Aufschrift "For Cracks". Ein verkaufsstrategischer Schachzug, denn das eigene Ego sieht sich ja bekanntlich gern mal im Zerrspiegel zukünftiger Unternehmungen.

Fotostrecke: Jörg Andreas gelingt Zahir+ (MSL 8c)

Fotos: © Stefan Henny

Für uns Flachländer war das Büchlein schon allein deshalb ein Kultobjekt, weil es so schön beiläufig mit verbalen Highlights wie: "…fast täglich sind Supercracks aus allen Nationen hier anzutreffen" brillierte und dadurch offene Münder bei den gelernten Elbsandsteinautisten hervorrief.

Hier konnte man also unter Supercracks am "Voralpsee" baden, sich wie so mancher Spitzenkönner im Dunkeln nicht mehr aus den "Wendenstöcken" hinunterfinden, das Verbrechen ohne Sika im "Lehn" bewundern und die Gastfreundschaft in den "Gastlosen" genießen. Hier war eben nicht für jedermann etwas dabei, sondern man wusste, dass man sich als alpiner "Crack" im Rätikon und in den Wendenstöcken unter seinesgleichen befand.

Nun begab es sich, dass auf den Führerseiten der Wendenstöcke ein krakeliger Strich sein Leben fristete, der mir von Schweizer Freunden dort hineingemalt worden war. Dieser Bleistiftstrich war mit dem Wort "Zahir" versehen und hatte auf seiner Länge acht krumme Doppelkreuze, die wohl als Standplätze zu verstehen waren. Zwischen zwei dieser Krakel war die Zahl 8b+ und ein sich anschließendes Fragezeichen verzeichnet. Ein Grad, der für die Wendenstöcke recht einmalig und für uns damals furchteinflößend war.

Lange schlichen wir (Felix Neumärker und ich) um den Bleistiftstrich herum, schauten zur steilen Wandflucht rechts der "Jednicka" hinauf und verglichen den krakeligen Strich sehnsüchtig mit der Realität. Dann, im Jahre 2007 erreichte uns die Nachricht von der gelungenen Rotpunktbegehung der Route durch die Erstbegeher Iwan Wolf und Gunter Habersatter und ein offizielles Topo machte die Runde.

Wir wussten nun was uns erwartet! Alpines Sportklettern: Knapp zwei Stunden Zustieg, Bemmchen am Einstieg und danach acht Seillängen. Zwei davon im französischen achten, vier im siebten und zwei im sechsten Grad. Kein "Unternehmen" des großen Abenteuers mit tagelangem Anmarsch und Eisbären oder Grizzlys unter der Wand, die nur darauf warten die Rucksäcke wie Suppentüten aufzufetzen, um sich dann vor Lachen die Bäuche zu halten, wenn man noch mit dem Boot über den Berg muss.

Nein. Es ging lediglich darum, Schwierigkeiten, die wir im Klettergarten schon des Öfteren unter den Fingern hatten, auch in alpiner Umgebung zu beherrschen, und dabei Kälte, Nebel und Wind zu trotzen. Ein erweitertes Spiel also, bei dem der reine Anspruch der Kletterei in großer Höhe unser Abenteuer werden sollte. Ein Abenteuer, das anfangs darin bestand, die obligatorischen Stellen von Haken zu Haken zu klettern und später darin, den Geist darauf vorzubereiten, das verhexte Spiel der Konzentration auf den kompletten Eiertanz wirken zu lassen.

Zu allem Übel hatten wir uns in den Kopf gesetzt, die 3.Seillänge zu verlängern. Den etwas abseits auf die glatte Wand gebohrten originalen Stand wollten wir umgehen, um dann weiter oben ein kleines Band in flacherem Gelände zu erreichen. Nach einigen Tagen des Übens gelang es uns die Verlängerung zu klettern, aber die eigentliche Aufgabe, nämlich alle Seillängen an einem Stück zu durchsteigen, stand noch aus. Und ab diesem Punkt begann es abenteuerlich zu werden im Kopf.