Pirmin Bertle klettert mit "Cabane au Canada" im Rawyl und "Torture physique 2.0" in den Gastlosen seine zweite und dritte 9a in diesem Jahr.

Pirmin Bertle hat sich im 9ten Grad festgebissen

Als ich Ende April nach ca. 35 Versuchen mein Abschiedsgeschenk an den Sektor "La Tribune" in Charmey "Force du rapport" (9a) vollendet hatte, traf mich ein Art Kletterwochenbettdepression. Die einzig verbleibende 8c+ in der Nähe unterhielt mich nur vier Versuche und hinterließ einen fast 100km breiten projektfreien Gürtel um Fribourg.

Fotostrecke: Pirmin Bertle in den Gastlosen

Nicht eine unbegangene Route über 8b und dazu miesestes Frühsommerwetter. Mein Körper hatte also Zeit genug seine Form ab und seine Reserven aufzubauen. Kein Weltuntergang angesichts des bevorstehenden 12-monatigen Sportklettertrips.

So plätscherte meine Motivation fast zwei Monate von Ruhetag zu Ruhetag bis ich mich an einem griffigen Spätjunitag ins Rawyl im Wallis bequemte. Zwei Versuche in "Cabane au Canada" später war aus dem Plätschern plötzlich wieder ein Reißen geworden. Noch völlig ohne Chance aber mit Auftrag machte ich zunächst zwei Wochen Heimaturlaub in Bayern und in den anschließenden zwei Wochen und in nur 19 Versuchen die Route nieder.

35 Meter 30° überhängende Ausdauer, eine immer trockene Laktatschlacht an horizontalen Slopern und Leisten und die Crux bei Meter 28. Kurzum, ein Traum und ein Formpush auf ein in Sachen Ausdauer bis dato von mir unerreichtes Niveau.

Back home in den Gastlosen wollte ich dieses dann sogleich in der seit 1987 unbegangenen Verlängerung – besser gesagt der unverkürzten Originallinie von "Torture physique" (hart 8c nach zwei Griffausbrüchen) – ausspielen.Ein Unterfangen, das aber zuerst einmal einige Maximalkrafteinlagen verlangte und welches ich eigentlich noch einige Meter weiter und bis auf 9a/9a+ treiben wollte. Ein Vorhaben, das mir nach knapp 40 Versuchen über vier teilweise stark durchwachsene Wochen aber verwehrt blieb.

Ich entschloss mich also die Originalumlenkung mit etwas dürftigem Schlussgriff als Endpunkt von "Torture physique 2.0" zu erklären, obwohl ich den 9a/9a+ Schlussgriff bereits einige Sekunden hatte halten können.An einem Tag mit perfekten Bedingungen, top ausgeruht und in einem Präzisionsmeisterwerk von Versuch. Eine Leistung deren Wiederholung ich an den folgenden Tagen leider schuldig blieb. Aber wer austeilen kann, muss manchmal auch einstecken.

Heraus gekommen sind zu den 20 Metern der alten "Torture physique" weitere knapp 10 Meter mit einem Fb7b und einem Fb7b+ Boulder, sowie einem schlechten Ruhepunkt dazwischen. Deutlich härter als "Cabane au Canada", da genauso ausdauernd, aber mit schwereren Zügen und schlechteren Ruhegriffen. Mein Abschiedsgeschenk an die Gastlosen?

Nun beginnt die Reise richtig, da auch der Bachelor in der Tasche ist und damit die Arbeit an unserem Fotobuchprojekt "Passion verticale – 365 Tage auf der Suche nach Europas bestem Kletterspot", das Ende 2011 im GeoQuest Verlag erscheinen wird.