Reclimbing the Classics: "Hubble" (8c+)

Rabenfelsen gibt es viele – wen wundert's, da Raben doch gerne in hohen, freistehenden Felswänden nisten. Es sei nur an jenen Rabenfels im Frankenjura erinnert, an dem Wolfgang Gu?llichs (schon wieder dieser Gu?llich!) "Ghettoblaster" (8b) aus dem Jahr 1986 einen Meilenstein darstellt.

Fotostrecke: Sean McColl in Hubble (8c+)

Fotos: © Rainer Eder, Dave Jones

Auch im Peak District in England gibt es einen Rabenfels – nur dass dieser "Raven Tor" (Tor = engl. fu?r schroffer Fels, kahler Hu?gel) heißt und auf Grund seiner Lage direkt u?ber der Straße zwischen Buxton und Tideswell heutzutage von Raben eher gemieden wird. Ganz im Gegensatz zu den Raben sammeln sich die Sportkletterer seit u?ber 30 Jahren in Scharen am Raven Tor – zählt der bis 35 Meter hohe Felsabbruch doch zu den beru?hmtesten Kletterzielen nicht nur in der Grafschaft Derbyshire, sondern in ganz Großbritannien.

Als "young hot shot" Ben Moon, gerade mal 23-jährig, im Jahr 1989 zum ersten Mal die Route "Hubble" probierte, wusste er noch nicht, was er sich damit antun wu?rde. Die Routenlinie existierte bereits, allerdings wurden die beiden ersten Bolts in hakentechnischer Kletterei u?berwunden – und diese ersten Meter frei zu klettern, war die große Herausforderung. Zwei Dächer, scheinbar griff- und trittlos – aber nur scheinbar! Es gab Seit- und Untergriffe, alle winzig-klein – und noch dort, wo man sie eigentlich gar nicht brauchen konnte: ein komplexes Boulderproblem, bestehend aus neun Zu?gen, glattem Fels und schmerzhaften Leistchen.

Im Jahr 1989 hatte Ben die Franzosen geschockt mit seinen Erstbegehungen "Acincourt" (Buoux) und "Maginot Line" (Volx), die damals die schwierigsten Kletterrouten in Frankreich – und nicht nur dort – waren. Aber die Zu?ge von "Hubble" aneinanderzureihen, war ein ganz anderes Kaliber! Ben schaffte zwar die Einzelzu?ge, aber an Rotpunkt war noch lange nicht zu denken. Also musste an der Maximalkraft gearbeitet werden. Ben baute sich in seinem Keller die Einzelzu?ge der Route nach, trainierte sie immer und immer wieder – zusammen mit seinem Freund Jerry Moffatt und einem jungen schottischen Klettern namens Malcolm Smith.

Dies war die Geburtsstunde des Moonboards, einer ku?nstlichen Kletterwand fu?r Boulderer mit einem ganz engen Schraubraster und verstellbarer Neigung – heute eines der Standbeine von Ben Moons Firma "Moonclimbing". Ob sich Ben bei der Konstruktion vom legendären Campus Board inspirieren ließ, das Wolfgang Gu?llich (schon wieder dieser Gu?llich!) ersonnen hatte, um gezielt auf seine schwierigen Erstbegehungen im Frankenjura zu trainieren, kann nicht bewiesen, darf aber durchaus vermutet werden – schließlich hat der Autor dieser Zeilen Ben persönlich an Gu?llichs Campus Board gesehen…

Nun brauchte es nur noch optimale Bedingungen am Raven Tor! Dazu ist bei dem wechselhaften Wetter in Derbyshire viel Geduld nötig. Dann, im Juni 1990, waren die Bedingungen endlich brauchbar – es war trocken und ku?hl, und der Fels hatte den notwendigen "grip". Eigentlich hätte sich Ben ein grandioses Geburtstagsgeschenk machen können, bevor er am 12. Juni – die schwierigsten Zu?ge hatte er bereits alle geklettert – am dritten Bohrhaken mit einem lauten Schrei aus der Wand kippte.

So wurde sein 24. Geburtstag zum Ruhetag – richtig gefeiert hat Ben allerdings erst am Tag danach: Da gelang ihm der lang ersehnte Durchstieg von "Hubble", seiner schwierigsten Kletterroute u?berhaupt, die er nach insgesamt acht Tagen punkten konnte. Die Kletterwelt hatte ihre erste 8c+! Ben erinnert sich: "Diese Route war um so vieles schwerer als alles, was ich bisher gemacht hatte, dass ich „Hubble“ mit E9/7b bewertet habe. Das war vermutlich die erste Route in England, die mit den technischen Grad 7b eingestuft wurde."