Steve House im Gespräch über sein Projekt „Alpine Mentors“

Steve House gehört zu den besten Bergsteigern und Kletterern der Welt. Erfolge wie die Besteigungen der Slowakischen Direkte am Denali, des Nanga Parbat über die Rupalwand oder des Westgipfels am K7 füllen sein Tourenbuch. Vor drei Jahren erschütterte ein lebensgefährlicher Kletterunfall seine persönliche Sicht auf seine Leidenschaft - das Besteigen der Berge.

Steve House Aus der Krise geboren, entwickelte er gemeinsam mit seiner Frau Eva ein Ausbildungsprogramm für Nachwuchsalpinisten, die Alpine Mentors. Dieses weist viele Parallelen zum Expedkader-Programm des Deutschen Alpenvereins e. V. auf, wird aber als privates Projekt von House außerhalb organisierter Vereinsstrukturen durchgeführt.

Seit Anfang 2012 trainieren junge Alpinisten für zwei Jahre berufs- und ausbildungsbegleitend gemeinsam mit erfahrenen, internationalen Bergsteigern in unterschiedlichen Gebirgen der Welt. Alle Bergsteiger, die als Mentoren mit den jungen Leuten unterwegs sind, führen diese Arbeit ehrenamtlich aus. Was Steve House sich davon erwartet und warum der Alpinismus heute derartige Programme "toleriert" und diese Zulauf finden, beschreibt Steve House in unserem Gespräch.

DAV: Sie sind bereits für Ihre ehrenamtlichen Bemühungen und Ihre Unterstützung im Bereich des Umweltschutzes bekannt. Derzeit engagieren Sie sich im sozialen und pädagogischen Bereich des Bergsports. Was ist Ihre Motivation dafür?

Bergsteigen hat eine riesige Antriebskraft in meinem Leben und ich finde es ganz selbstverständlich, mit anderen etwas zu teilen, was uns wichtig ist, auch in der Gemeinschaft. Aber um Ihre Frage zu beantworten, muss ich zu meinem Kletterunfall in Kanada im Jahr 2010 zurückgehen. Beim Versuch der zweiten Winterbegehung einer Route an der Nordwand des Mount Temple in Kanada fiel ich 25 Meter in die Tiefe und erlitt dabei lebensgefährliche Verletzungen. Ich wurde mit dem Hubschrauber gerettet und musste mich zwei Stunden nachdem ich fiel, einer Notoperation im Banff-Krankenhaus unterziehen.

Die Hubschrauberbergung sowie die Operation haben mein Leben gerettet. Während ich auf Rettung wartete, war mir bewusst, dass ich sterben könnte. Ich rechnete mit meinem Leben ab: was hatte ich richtig gemacht und was hätte ich mir anders gewünscht. Eine Sache, die ich erkannte, war, dass ich viel Zeit beim Klettern und Bergsteigen verbracht hatte. Aber ich hatte es versäumt, anderen Kletterern meine Erfahrung mitzugeben, damit sie davon in ihrem Selbstfindungsprozess profitieren können, was eigentlich die Praxis im Alpinismus auszeichnet.

Ich erinnerte mich an diese Gedanken in den Monaten meiner Genesungszeit und versprach mir selbst, etwas dagegen zu tun.

Ich begann mit einer Recherche und kontaktierte Gruppen wie den Expeditionskader und sprach mit Fachleuten in Slowenien, Frankreich, Deutschland und Spanien, die solche Ausbildungsprogramme durchführen. Das, was ich dort gelernt habe, habe ich in mein Alpine Mentors-Modell eingebracht.

Am 01.01.2012 starteten Eva und ich das Programm über die Website www.alpinementors.org. Am Anfang haben wir Alpine Mentors nur über unsere eigenen Social Media- Seiten beworben. Im ersten Jahr haben Eva und ich alles selbst finanziert. Nachdem das Programm ein Jahr am Laufen war, begannen wir mit dem Fundraising und finanzieren heute den Großteil der Ausgaben über Spenden und Sponsoren.

Alpine Mentors Video

DAV: Warum, glauben Sie, bewerben sich junge Alpinisten auf Programme wie Ihres oder den deutschen DAV Expeditionskader?

Einige Leute, sicherlich nicht alle, folgen einem ausgewiesenen Pfad, um eine neue Kunst oder Fähigkeit zu lernen. Eine Hochschulausbildung, wie sie in der Regel für den Journalismus erforderlich ist, ist ein Beispiel für einen solchen Weg. Aber Sie finden auch Journalisten, die keine formale Ausbildung in redaktioneller Arbeit oder Berichterstattung haben. Ich wollte Bergführer werden, um unter anderem ein besserer Kletterer zu werden. Die Kurse und Prüfungen ermöglichten es mir, alles über die Berge zu lernen, was ich nur konnte. Das Alpine Mentors-Programm sowie die Expeditionskader-Gruppen bieten den jungen Leuten einen Weg, ihre eigenen Kletterfähigkeiten zu verbessern, zu einem Bergsteiger zu werden, Gleichgesinnte in einem ähnlichen Alter zu treffen und mit Experten zu klettern. Und in einigen Fällen werden sie zu Walking-Heroes des Kletterns. Wenn ich nochmal 25 Jahre alt wäre, würde ich alles dafür tun, um zu den Alpine Mentors zu kommen.

DAV: Alpine Mentoren – klingt ungewöhnlich. Einige Alpinisten, die durch Trial-and-Error und eigene Erfahrungen im Alpinismus aufgewachsen sind, zeigen sich möglicherweise verwundert über die "Ratgeber"-Idee. Warum also ein Mentor? Wo ist die Lücke im heutigen Alpinismus, die Programme wie Alpine Mentors und nationale Expedkader so erfolgreich sein lässt?

Ich habe gelernt, auf die altmodische Art und Weise auf Berge zu steigen: meine Eltern sind mit mir in die Berge gegangen: zum Wandern, Skifahren, Bergsteigen und schließlich zum Klettern. Dann, als ich 18 war, studierte ich für ein Jahr in Maribor, Slowenien und trat dort dem örtlichen Alpenverein, dem slowenischen Kozjak Club bei.Kozjak und andere Clubs in Slowenien bieten ein Ausbildungsprogramm an, bei dem man ein qualifizierter und zertifizierter Alpinist werden kann, indem man bestimmte Routen trainiert und erfolgreich absolviert sowie neuen Kletterern im Verein hilft. Darüber hinaus werden verschiedene Fähigkeiten "getestet", darunter zum Beispiel auch die Trinkfestigkeit (lacht)! Das einzige Diplom, das ich heute eingerahmt in meinem Büro an der Wand hängen habe, ist das mit dem Titel "Alpinist in Slowenia".

Aber all das passierte ja draußen im Freien, in den Bergen, oft in gefährlicher Umgebung. Meine technischen Fähigkeiten kamen dabei nur langsam voran. Ich brauchte vier Jahre, bis ich eine 5.10a (VII-) vorsteigen konnte – natürlich ohne Bohrhakensicherung.

Heute kommen die meisten Kletterer über das Hallenklettern zum Klettersport. Sie sind schnell in der Lage, dann auch draußen in gesicherten Routen zu klettern. Ihre technischen Fähigkeiten sind bereits sehr fortgeschritten, wenn sie in die Berge gehen. Die meisten Kletterer können eine 5.10a nach ein paar Monaten in der Kletterhalle klettern, einige sogar nach ein paar Tagen. Aber was einen in den Bergen am Leben hält, auf den Gipfel bringt und wieder zurück, ist nicht nur technisches Können, sondern auch Urteilsvermögen. Entscheidungen zu fällen, ist bei weitem die wichtigste Fähigkeit. Und der einzige Weg, zu lernen, wie man Entscheidungen fällt, ist durch Erfahrung, durch das eigene Tun, indem man selbst Fehler macht und von ihnen lernt.

Ein Mentor, egal ob formal oder informal, ist eine Person, die einem durch den Lernprozess dieser Entscheidungsfällung hilft. Dies ist eine dramatische Veränderung in Bezug auf die Art und Weise wie Menschen lernen zu klettern. Vor 20 Jahren gerieten junge Alpinisten nicht so schnell in Schwierigkeiten am Berg, weil sich ihre technischen Fähigkeiten mit der gleichen Geschwindigkeit wie die Entwicklung ihres Urteilsvermögens entwickelte. Durch das Hallenklettern hat sich das alles verändert.