Ueli Steck holt sich den „Oscar der Alpinisten“ Piolet d'Or 2014

Der Schweizer Alpinist Ueli Steck erhielt für seine Solobesteigung der Annapurna-Südwand (8091 Meter) den prestigeträchtigen Piolets-d'Or-Preis. Unter die Preisträger gesellten sich das kanadische Duo Ian Welsted und Raphael Salwinsky, die für ihre erfolgreiche Erstbesteigung an der Nordwestwand des K6 in Pakistan (7040 Meter) ausgezeichnet wurden.


Ueli Steck schreibt zu den aufgekommenen Fragen in Bezug auf seine Solobesteigung auf seiner Website am 20.03.2014:

Der Gipfel des Zweifels

Im Oktober 2013 behauptet Ueli Steck, in der Rekordzeit von 28 Stunden alleine die Südwand des Annapurna erklettert zu haben, kann es aber nicht beweisen. Seine Nominierung für die 22. Vergabe der Goldenen Eispickel, die am 26. März in Chamonix beginnt, löst eine Kontroverse aus.
(Patricia Jolly, Kathmandou (Nepal), Sonderkorrespondentin)

Die Nachricht hätte Ueli Steck freuen müssen. Seine Solo-"Premiere" von Oktober 2013 in der Südwand des Annapurna (8091 m) in der Rekordzeit von 28 Stunden gehört zu den fünf Aufstiegen, die für die 22. Goldenen Eispickel nominiert sind, die vom 26. bis 29. März in Chamonix und Courmayeur (Italien) stattfinden. Dieses Hohelied auf die Berge feiert "die Begeisterung für das Abenteuer, die Kühnheit und den Forschergeist" und würdigt "die Schönheit individuellen oder gemeinsamen Handelns".Kriterien, die auf den ersten Blick auf den 38jährigen Schweizer Alpinisten zutreffen, der zusammen mit seinem Landsmann Simon Anthamatten bereits 2009 für ihre Erstbegehung der Nordwand des Tengkampoche (6500m), in Nepal ausgezeichnet worden ist.

Aber ach, seit dem Ende seiner Herbstexpedition 2013 in den Himalaya säen üble Nachreden Zweifel daran, dass er diese Leistung wahrhaftig erbracht hat. Kritik an diesem untypischen Bergsteiger ist in diesem Umfeld nicht neu. Die Gipfel zu stürmen, als handele es sich um eine olympische Disziplin, bei der die Zeit genommen wird, und wie ein Langstreckenläufer mit Trainern sportlich und mental zu arbeiten, hat ihm den Spitznamen "Schweizer Uhrwerk" eingebracht. Der frühere Zimmermann, der nie Bergführer werden,

sondern "einfach nur Sport" treiben wollte, kann dank eines guten Dutzends Partner inzwischen von seiner Kunst leben, das gelingt nur einer Handvoll Alpinisten weltweit. Alles in allem werfen ihm seine Kritiker bei diesen Alleingängen und diesen Rekorden, die seine Spezialität sind, das Fehlen von Augenzeugen vor, Pannen mit dem Fotoapparat und dem Höhenmesser, er habe sogar vergessen, sein GPS einzuschalten. Außerdem war er im April 2013 auf dem Everest (8848m) mit zwei Partnern in eine heftige Prügelei mit Sherpas verwickelt, an der alle Schuld hatten.

Christian Trommsdorff, Himalayabezwinger, Vizepräsident der nationalen Bergführergewerkschaft (SNGM), Mitglied des technischen und Vorbereitungskomitees der Goldenen Eispickel und Präsident der Groupe de haute montagne, erhielt dazu mehrere E- Mails, die die "Unstimmigkeiten" der Leistung von Ueli Steck aufführen. Diese Mitteilungen kommen hauptsächlich von Journallisten, Bergführern und deutschen Alpinisten."Die Fragen sind logisch, denn Ueli Steck ist ein Profi-Alpinist, und wenn es bei den Goldenen Eispickeln auch nicht um Geld geht, kann sich ihre Vergabe kommerziell und in den Medien auswirken", erklärt Christian Trommsdorff, der mit dem Schweizer Ende Februar ein zweistündiges Gespräch geführt hat. "Er hat mir sofort gesagt, dass er keinen substanziellen Beweis für seinen Aufstieg hat und dass doch jeder glauben soll, was er will", fährt er fort.

In der Charta der Goldenen Eispickel wird an keiner Stelle die Notwendigkeit erwähnt, Beweise für den erfolgreichen Aufstieg zu erbringen. "Was passiert ist, ist ein wenig auch meine Schuld", gesteht Ueli Steck ein. "Ich bin nicht jemand, der gerne angibt, denn in Bergen herumzuklettern, bringt die Menschheit nicht weiter. Also habe ich immer gemacht, was mir richtig erschien. Wenn ich gefragt werde, spreche ich über die Einzelheiten meiner Aufstiege, und bisher hat mir niemand auf so heftige Weise vorgeworfen, keine Beweise dafür geliefert zu haben. Nein, ich habe keine Fotos vom Gipfel des Annapurna, denn ich habe meinen Fotoapparat und einen Handschuh in einer kleinen Lawine verloren, in der ich zum ersten Mal akzeptieren musste, dass ich sterben werde.

So ist es dann nicht gekommen, und ich bin mit einem Adrenalinschub weiter aufgestiegen." Anfang März unterstützt in Kathmandu ein Teil des nepalesischen Personals von Steck's Expedition seine Version. Es gab ein Telefonat mit Ngima Dawa, einem Hilfskoch, der zum ersten Mal für den Schweizer Alpinisten gearbeitet hat, in seinem Dorf Solukhumbu.Laurence Shakya, die seit dreißig Jahren in Kathmandu tätig ist, hat seine Aussagen aus dem Nepali ins Französische übersetzt: "Wir hatten keinen Funkkontakt mit ihm", erklärte der Hilfskoch. "Aber vom Basislager aus konnte ich aus der Ferne dank seiner Stirnlampe sein Vorankommen sehen. Gegen 23.30 Uhr war er genau unter dem Gipfel [von dem Steck behauptet, ihn eineinhalb Stunden später erreicht zu haben], ich kann aber nicht genau abschätzen, in welcher Höhe. Ich bin um 2 Uhr früh aufgestanden und habe begriffen, dass er absteigt, als ich das Licht sich nach unten bewegen sah."

"Was passiert ist, ist ein wenig auch meine Schuld. Ich bin nicht jemand, der gerne angibt, denn in Bergen herumzuklettern, bringt die Menschheit nicht weiter." Ueli Steck

Tenji Sherpa, verantwortlich für das Basislager der Expedition, nennt weitere Details. "Ueli hätte nicht alleine aufsteigen sollen, aber sein Partner [der Kanadier Don Bowie] war zuerst krank geworden, dann waren ihm Steinschläge und die Lawinengefahr nicht geheuer, und er

hat verzichtet. Ueli hat entschieden, trotzdem zu gehen. Er hat gesagt: 'Ich gehe mal schauen.' Aus dem vorgeschobenen Basislager, das dichter an der Wand war als das Basislager, war er nicht ständig zu sehen. Gegen 18 Uhr war er für etwa eine Stunde verschwunden; das ist der Zeitpunkt, zu dem er sich in einem Spalt vor dem Wind geschützt hat, bevor er weiterging.Man sah dann seine Stirnlampe. Mitternacht habe ich ihn etwa 200m unterhalb des Gipfels gesehen. Don und ich sind dann bis um 4 Uhr schlafen gegangen, da haben wir ihn absteigen sehen. Wir sind ihm entgegengegangen. Sein Gesicht war stark gerötet, er sah müde aus, aber [so schien es] glücklich und sehr aufgeregt."Würden Sherpas einen Star des Alpinsports decken, der sie auf einem Markt bezahlt, der voll von ihnen ist? "Uns bezahlt die Agentur, die uns anstellt. Nicht die Ausländer, für die wir die Sachen tragen", gibt Tenji Sherpa gekränkt zurück. "Ueli Steck ist der erste Sportler dieser Art, den ich in den Bergen treffe. Er ist in der Lage, in einer Stunde das zu leisten, wofür normale Menschen einen Tag brauchen."

Die Informationen vom Personal der Expedition decken sich mit der Darstellung der Fakten, die Ueli Steck der amerikanischen Journalistin Elizabeth Hawley gegeben hat, einer inoffiziellen Schiedsrichterin für Aufstiege im nepalesischen Himalaya. Le Monde konnte Einsicht in den Bericht nehmen, den die Neunzigjährige erstellt hat, die in Kathmandu lebt und seit 1963 akribisch eine Datensammlung über alle Expeditionen pflegt, in der sie unerbittlich die kleinste Unstimmigkeit in einem Aufstiegsbericht aufzeichnet.Die Seilschaft der französischen Bergführer Stéphane Benoist und Yannick Graziani, die den Weg von Béghin – Lafaille mit Varianten ein Dutzend Tage nach Steck auch erfolgreich gegangen sind ("Sport & Forme" vom 7. Dezember 2013), macht sich ebenfalls zum Anwalt des Schweizers. Dieser hatte ihnen nach seiner angeblichen Bezwingung eine SMS geschickt: "Heute Nacht habe ich den Gipfel solo gemacht." Benoist und Graziani amüsieren sich über die Kritiker, die erstaunt darüber sind, dass die beiden Franzosen keine "Spuren" des Wegs von Ueli gefunden haben. Als sie nach ihm den Gipfel geschafft hatten, waren zwischenzeitlich sechzig Zentimeter Schnee gefallen.

"Wenn sich Ueli an eine Wand macht, ist sein Ziel, oben anzukommen und lebend wieder zurückzukommen", sagt Stéphane Benoist. "Der Rest, alles, was die Leute unten beschäftigt, ist Nebensache. Für mich ist sein Weg absolut stimmig [er hält vor allem die Aufstiegsrekorde der Nordwand von Cervin, Eiger und den Grandes Jorasses]. Er geht die Berge sehr professionell an. Er ist alleine losgegangen, mit leichterem Gepäck als wir, hatte besseres Wetter und ist einfach stärker.""Ich bin fest davon überzeugt, dass Ueli den Gipfel geschafft hat", bekräftigt Yannick Graziani. "Er muss einfach begreifen, dass er die Krone der Zeitschnellsten trägt, und für einen professionellen Alpinisten ist es grundlegend, dass er Beweise für das, was er geschafft hat, vorlegt." Lindsay Griffin, Chefredakteur des American Alpine Journal – der Bibel der Berge -, verweist seinerseits darauf, dass dieses Jahr für die "Oscars" in dieser Disziplin 78 Aufstiege ausgewählt worden sind."Eine unabhängige Jury aus sechs Mitgliedern hat fünf davon benannt, darunter den von Ueli Steck", präzisiert er. Diese Episode sollte die Organisatoren jedoch zum Nachdenken bewegen. Sollten sie in ihre Charta eine Klausel aufnehmen, die "substanzielle" Beweise für jeden Aufstieg verlangt? In einem auf seiner Freiheit bestehenden und sich jeder Einschränkung widersetzenden Umfeld verspricht die Debatte, stürmisch zu werden.