Eine Woche nach dem im norwegischen Stavanger ausgetragenen Leadweltcup, begab sich Sebastian Halenke auf einen Trainingstrip nach Frankreich. Bei diesem sollte neben wettkampfspezifischem On-sight-Training am Plastik auch der ein oder andere Tag am Fels mit einfließen, um den Kopf wieder etwas frei zu bekommen.

Sebastian Halenke gelingt eine 8c/c+ Route On-sight (c) Maxi Klaus
Sebastian Halenke gelingt eine 8c/c+ Route On-sight (c) Maxi Klaus

Sebastian Halenke berichtet:

Auf der Fahrt in Richtung Süden machte ich zuerst jedoch einen kleinen Abstecher in die Schweizer Boulderhalle „Milandia“, sowie in eine neue Kletterhalle in Lausanne, in denen ich zwei intensive Einheiten am Plastik absolvierte. In Frankreich angekommen war ich motiviert, nun endlich einmal wieder Kontakt mit dem Fels zu bekommen. Da ich während der ersten Woche vor allem im Umkreis von Chambéry trainieren wollte, bot sich das nur gut 30 Kilometer entfernte Klettergebiet „La Balme“ für einen ersten Felstag gut an.

Dieses mir von früher her bereits bekannte Gebiet zeichnet sich durch hauptsächlich sehr lange und zum Teil extrem steile Sinterrouten aus, die einen ganz anderen Kletterstil abverlangen, wie ich es voll aus dem Wettkampfmodus kommend, gewohnt war. Dementsprechend fühlten sich gerade die ersten Klettermeter an jenem Tag eher unrund und von nicht allzu hoher klettertechnischer Effizienz geprägt an.

Trotz allem war die Motivation hoch und so entschloss ich kurzer Hand, mich als dritte Route in eine etwas schwerere Linie namens „La voie lactée“ (Teil 1: 8b) hineinzuwagen. Deren erster Teil reichte zwar lediglich bis zur Hälfte der Wandhöhe, war damit aber noch immer gute 25 Metern lang. Schon am Einstieg jedoch machten mir einige nasse Griffe und Tritte das Leben schwer (in den Wochen davor hatte es zum Teil stark geregnet), weshalb sich die Züge deutlich härter Klettern ließen, als unter normalen Bedingungen.

Im weiteren Verlauf der Tour wurde dieser nicht besonders angenehme Anfang allerdings durch sehr schöne Kletterei an Sintersäulen und zum Teil meter-großen Zapfen wieder aufgewogen. Als ich schließlich noch ziemlich frisch am Umlenker der 8b-Länge angelangt war (und ich glücklicherweise mit unserem Hundert-Meter-Seil kletterte), entschied ich mich spontan, einfach mal auf gut Glück nach oben weiter zu klettern. Hierbei gabelte sich die Linie in eine rechte und eine linke Variante. Da ich aber keine Vorstellung hatte, wie schwer welcher Ausstieg sein würde, konnte ich lediglich intuitiv entscheiden und so wählte ich den etwas direkteren, linken Exenverlauf.

Ich kletterte die kommenden Meter, die im Vergleich zur unteren Länge spürbar schwerer wurden und mich aufgrund der Unübersichtlichkeit, sowie meiner mangelnden Klettererfahrung an Sintern, ziemlich Leer saugten. Auf circa dreiviertel der Route befand sich zu meiner Rettung jedoch ein fast mann-großes Loch, in welchem ich durch Ausspreizen sogar einen No-Hand-Rest finden konnte – endlich die Möglichkeit mich wieder zu sammeln! Nach einiger Zeit in meiner Ruheposition, bemerkte ich, dass einige der „Locals“ mir gespannt zuzuschauen schienen, was mir ein bisschen zu denken gab: „How hard is this route actually?“, rief ich nach unten… und nach einer kurzen Pause schließlich die Antwort: „The second part by itself is already 8b+, so in total it’s a hard 8c/c+ for sure!“

Ich war also, anders als eigentlich geplant, in eine wirklich harte Linie geraten. „Nun gut – jetzt oder nie!“, dachte ich mir. So versuchte ich mich noch einmal voll zu konzentrieren und machte mich auf in das letzte knappe Viertel, dessen gut 45° geneigter Ausstieg die eigentliche Schlüsselstelle zu sein schien, was sich kurz darauf auch bewahrheitete. An dieser Passage angekommen, minimierte sich die Auswahl an Griffen lediglich auf zwei breit auseinander liegende, in der Höhe versetzte, schmale Sinter, gefolgt von einem Zweifingerloch und schließlich einem Schlitz in der etwas dickeren Sinterfahne, welchen es zu treffen galt. Ich kämpfte mich von Zug zu Zug, hatte Schwierigkeiten meine Tritte zu finden und das Seil zog aufgrund der Routenlänge unerbittlich Doch immer wieder blieb ich hängen, traf gerade so den besagten Schlitz, hatte endlich wieder größere Griffe in der Hand, konnte nochmals Schütteln … und kletterte schließlich die letzten Meter bis zum Top. Meine erste On-sight-Begehung im Grad 8c/c+ war getan!!!

Der Rest des Klettertrips bestand anschließend hauptsächlich aus wettkampfspezifischem On-sight-Training in verschiedenen Hallen, gepaart mit einigen Bouldereinheiten aber auch Felstagen, an denen ich allerdings hauptsächlich bemüht war, eine große Vielfalt an Routen im Bereich 8a – 8b zu klettern.

Alles in allem konnte ich die Frankreichtour für mich damit als eine gelungene Reise verbuchen:

Mir gelang meine härteste On-sight-Begehung überhaupt und nun wieder zurück in der Heimat, fühle ich mich sogar noch einen guten „Deut“ fitter als zuvor – der nächste Weltcup kann also kommen!