Der Durchstieg war noch ziemlich locker von der Hand gegangen, beim Filmen allerdings forderte mein Körper dann seinen Tribut für sechs Wochen an der frischen Luft. Plötzlich hatte ich Mühe mit den Einzelzügen. Kaum kriege ich meinen Arsch noch zur Umlenkung.

Wir schreiben den 23. März, den Tag meines Durchstiegs von „Jungle speed“ (9a) in Siurana. Meine Form hat sich nach einem fulminanten Schlussspurt direkt hinter der Ziellinie so richtig auf die Nase gelegt. Ab diesem Tag geht gar nichts mehr. Eindeutig die Botschaft: Es ist Pause angesagt!

Die nehme ich mir, zurück in der Schweiz. Auf jeden Fall mal eine Woche lang. Ja, ich würde gerne noch länger kürzer treten, aber irgendwie gelingt es mir nicht. Irgendwie brennt es mir unter den Fingernägeln, die schöne Form an den Fels zu bringen. Ich bräuchte etwas Kleingriffiges, leicht Überhängendes. So wie Siurana eben. Das einzige Gebiet mit schweren Routen allerdings, das ich in der Nähe von Genf – wo ich bei meiner Freundin wohne – kenne, ist St. George. St. George ist pure Dachkletterei. An großen Griffen. Viele, weite Züge. Tricky Dachmoves. Naja, nicht ganz das was ich suchte, aber schließlich will man ja alles können.

Und in St. George schwimmt zudem ein angeblich ziemlich fetter, noch ungeangelter Fisch: Man erzählt sich hinter vorgehaltener Hand von einem 9a-Dach! Da ich leider niemanden mit genaueren Infos erreiche, geh ich selber schauen, probiere alle mir unbekannten, schwer aussehenden Linien, eine 9a ist leider nicht dabei, alles max. 8c. Ich probiere also die, die ich für schwerer halte, schwerer wohl unter anderem auch, weil noch zwei Griffe nass sind. Ich kann sie recht schnell klettern, bin mir allerdings nicht sicher, ob das wirklich 8c ist. Auf jeden Fall ein netter Wiedereinstieg in die Dachkletterei. Und eindeutig schwerer, als eine als hart geltende 8b daneben, die ich noch hinterher schiebe.

Zwei Tage später erhellt mir ein Lokal die Angelegenheit. Was ich bereits geklettert bin ist 8b+ – mit trockenen Griffen wohl etwas gängiger – eine der anderen Routen – die ich auch bereits probiert habe – das ominöse Projekt. Wunderbar, die 9a's hier sind ja noch chilliger, als in Spanien ;), denke ich mir und gehe noch mal rein.

Letztendlich ist es doch nicht ganz so leicht, weil ziemlich anhaltend und eben steil. Auch wenn es immer mal wieder ein paar gute Griffe gibt, man hängt immer in der Horizontalen und braucht schon eine gute Erholungsfähigkeit, um dort wirklich zu schütteln. Aber die hab ich dank der vielen Routen in Europas Süden ja und so brauche ich für dieses Projekt auch nur noch ein paar Versuche mehr. Letztendlich – nachdem es auch einer der Locals nochmal probiert hat – beschließen wir, dass es wohl bei 8c eincheckt.

Ein Manko hat die eigentlich sehr unterhaltsame Kletterei leider: An der Crux befindet sich eine recht hohle, wenn auch nicht besonders brüchige Griffstruktur, man kann nicht wissen, wie sie sich bei schweren Aspiranten verhalten wird. Deshalb wähle ich als Routennamen das etwas sperrige Darmstadtium. Hierbei handelt es sich um das Element des Periodensystems mit der kürzesten Halbwertszeit. 0.17 Millisekunden. Ein wenig länger wird die Route wohl aber hoffentlich noch in diesem Zustand bleiben.

Wo wir schon in der über 45°-Überhängen sind, geht die Reise weiter nach Roche, ein Kleinod am oberen Ende des Genfer Sees, mit genialem Gestein, einer dank permanentem Wind an Schweizer Banken erinnernden Conditionsgarantie und einer wunderbaren 8c-Diagonale durch den Hauptüberhang. L'appel au sodom, ein an dieser Stelle besser nicht zu übersetzender Routenname, komplexe Traversenkletterei und Maximalkraftausdauer mit einem interessanten Abwärtssprung als Crux.

Nachdem ich die Route bereits aus dem Vorjahr kenne, kostet sie mich dieses Mal nur noch weitere vier Versuche. Bleibt noch Zeit zum Filmen. Und diesmal kackt die Form nicht augenblicklich ab. Ein gutes Zeichen, dass hart klettern zuhause, doch erholsamer ist, als auf Reisen und es also weitergehen kann. Mit dem Reisen.

Nächstes Ziel auf unserer Passion verticale Bildbandreise ist Rodellar. Das Dachklettern wird sich also bald gelohnt haben! Erhältlich wird das Buch im Übrigen ab Ende des Jahres bei GeoQuest sein. Ich wünsche schon mal viel Spaß beim Lesen!