David Lama realisiert alpinistischen Meilenstein in Patagonien

Der Cerro Torre in Patagonien ist einer der berühmtesten Berge der Welt: atemberaubend schön, von Stürmen umtost und Legenden umrankt ragt der "Schrei aus Stein" 3.128 Meter in die Höhe.

David Lama realisiert alpinistischen Meilenstein in Patagonien
Interview mit David Lama zu seinem Freiklettererfolg am Cerro Torre

Wie war das Gefühl am Gipfel zu stehen und dein Ziel erreicht zu haben?

DL: Über drei Jahre war das Freikletterprojekt am Cerro Torre mein größtes Ziel. Als ich dann am Gipfel stand und mir meinen Traum verwirklicht hatte, fühlte ich mich glücklich und leer zugleich. Mein Ziel war auf einmal weg und so wie der Torre "befreit" wurde, so wurde auch ich frei und kann jetzt wieder neue Projekte ins Auge fassen.

Was war deine Motivation, drei Jahre lang nach Patagonien zu reisen und dieses Ziel zu verfolgen?
DL: 2008, im chilenischen Cochamó Valley, blätterte ich durch ein altes zerknittertes Bergsteigermagazin und stieß dabei auf ein Foto der Headwall des Cerro Torre. Ich hatte schon einige Bilder vom Torre gesehen, aber auf diesem sah ich auf einmal eine Linie, die mir frei kletterbar erschien. Seitdem wollte ich einfach wissen, ob es möglich ist dort frei zu klettern oder nicht.

Was genau bedeutet frei klettern?
DL: Frei klettern bedeutet nicht, dass man ohne Sicherung klettert, wie viele fälschlicherweise glauben. Es geht darum, dass man seine Sicherungspunkte nicht zur Fortbewegung benutzt. Am Cerro Torre habe ich zwar mein Seil in die Haken und Klemmgeräte eingehängt um mich zu sichern, aber nicht wie beim Bergsteigen üblich, um mich daran hoch zu ziehen. Zudem ist es mir gelungen die gesamte Route ohne einen neuen Bohrhaken zu durchsteigen. Das hat vor allem im Alpinismus einen hohen Stellenwert.

Du hast viele Wettkampferfolge gefeiert. Wo ist der Erfolg am Cerro Torre für dich persönlich einzuordnen?
DL: Generell empfinde ich das Erreichen eines Zieles als kurzes, intensives Glück. Der Weg der einen zum Erfolg führt ist für mich entscheidend. Für das Projekt am Cerro Torre habe ich mehr als drei Jahre investiert. In kein anderes Projekt habe ich bisher so viel Herzblut hinein gesteckt wie in dieses Freikletterabenteuer. Ständig habe ich probiert mich zu verbessern um dieses hochgesteckte Ziel zu erreichen und jetzt habe ich es in einem absolut makellosen Stil geschafft. Wenn man das alles bedenkt, ist die freie Begehung des Cerro Torre sicher mein bisher größter Erfolg.

Wenn du auf das Projekt zurückschaust, was war der gefährlichste Moment?
DL: Letztes Jahr hat mich rund 200 Meter unter dem Gipfel ein Eisbrocken in der Größe eines Fußballes getroffen. Mein Helm ist gebrochen und meine Schulter hat ziemlich was abbekommen. Der Eisschlag am Cerro Torre ist einer der Faktoren, die man einfach nicht kontrollieren kann. Das war sicher der gefährlichste Moment für mich.

Hast du je daran gezweifelt es zu schaffen?
DL: Ich habe von Anfang an gewusst, dass ich bei diesem Projekt der Außenseiter bin. Manchmal habe ich ein wenig gezweifelt, weil fast kein Fortschritt spürbar war. Als mein Partner Peter Ortner  und ich es letztes Jahr aber in technischer Kletterei auf den Gipfel geschafft haben, sah ich eine Linie, die mir frei kletterbar erschien. Es waren noch immer ein paar Ungewissheiten, wie die Umgehung der Bolttraverse oder die letzten Seillängen in der Headwall, aber ich habe nicht aufgehört daran zu glauben.

Was war die Rolle deines Partners Peter Ortner?
DL: Ich kenne Peter erst seit drei Jahren, aber er ist mittlerweile einer meiner besten Freunde. Wir sind viele coole Routen geklettert, haben eine ähnliche Sichtweise der Dinge und unsere Fähigkeiten ergänzen sich nahezu perfekt. Ohne einen starken Partner wie ihn an meiner Seite hätte ich das Projekt nicht realisieren können. Die schweren Seillängen bin zwar alle ich vorgestiegen, aber Peter hat mich dabei wo nur möglich unterstützt.

Was war dieses Mal in der Vorbereitung anders verglichen mit den Vorjahren?
DL: 2011 war das erste Jahr, in dem ich an keinen Wettkämpfen teilnahm. Ich konnte meinen Fokus voll und ganz aufs Alpinklettern legen und einige der schwierigsten Routen der Alpen wiederholen. Darüber hinaus war ich noch mit zwei Schweizer Freunden im Kashmir Himalaya, um dort eine Erstbegehung zu machen. Für Patagonien hatten Peter und ich alles perfekt vorbereitet: Wir waren fit und hatten unser Material und unsere Taktik verbessert. Diese Vorbereitung, gepaart mit den guten Wetterverhältnissen, waren sicher der Schlüssel zum Erfolg.